Vortragsreihe über die gesellschaftlichen Folgen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien startet mit den Herausforderungen für die Demokratie
"Wir müssen akzeptieren, dass es keine Volksherrschaft geben kann, wie
sie in den Sonntagsreden immer wieder vorkommt. Allein deshalb, weil es
das Volk als solches nicht gibt, weil das ein naives, gedankenloses
Konstrukt ist", sagte der Politologe Anton Pelinka anlässlich des ersten Vortrags in
der Reihe der "Hedy Lamarr Lectures", veranstaltet von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Medienhaus Wien und der Telekom Austria.
Das politische Verhalten sei heute vor allem durch das Geschlecht, das Alter und die Bildung geprägt. Hätten
beispielsweise 2002 in Österreich nur Frauen wählen dürfen, hätte es
eine rot-grüne Mehrheit gegeben und dürften nur Personen über 50 wählen, so
wären die Grünen kaum existent, führte Pelinka, der derzeit an der Central European University
von Budapest lehrt, als Beispiele an.
Nicht Dummheit, sondern fehlendes Interesse
Pelinka widmete sich in seinem Vortrag "Die unvollkommene Information - Voraussetzung für die unvollkommene Demokratie" der Tatsache, dass obwohl in der
Informationsgesellschaft immer mehr Informationen verfügbar und
zugänglich sind, diese trotzdem höchst ungleich verteilt sind. "Die
krasse Diskrepanz zwischen dem Potenzial von und der
tatsächlich genutzten Information wird immer spürbarer", sagte Pelinka vor rund 250 Zuhörern im Festsaal der Akademie der
Wissenschaften.
Dabei müsse man sich vom Gedanken verabschieden, dass dies auf Dummheit
zurückzuführen sei, sondern einfach oft das Interesse fehle. Es gebe
zwar wenig Menschen, die sich nie, aber auch wenige, die sich immer für
Politik interessieren würden. "Es gibt wenige, die über vieles und viele, die über wenig informiert sind." Das sei zu akzeptieren, es ginge aber darum diese Widersprüche in der Informationsgesellschaft mit der Demokratie in Einklang zu bringen.
Interesse an Demokratie als Sisyphosarbeit
Zwar seien normativ in einer Demokratie alle gleich, jedoch sei messbar, das viele einfach nicht interessiert seien. "Hier ist Sisyphosarbeit gefragt", forderte Pelinka. "Denn wenn wir nicht beharrlich an der Verbreiterung der Informierten arbeiten, dann wird die Diskrepanz noch größer." Auch wenn klar sei, dass es sich um eine unvollkommene Demokratie handle.
Wenn man nicht immer mehr Demokratie fordere, dann würde man auch immer weniger ernten. "Demokratie ist, wenn es sie gibt, nicht mehr mit dieser positiven
Leidenschaft besetzt, wie wenn es sie nicht gibt". Als Beispiel führte Pelinka die Solidarność-Bewegung in Polen an. Er sei auch sehr skeptisch, dass
politisches Interesse durch demokratische Mittel auf Dauer in einem
hohen Maß zunehmen könne. "Außer in heroischen Zeiten und die sind nicht
unbedingt positiv zu sehen", so der Politologe.
"Wettstreit der Ideen"
Pelinka sprach sich für eine pluralistische Information und eine innere Vielfalt in einer Demokratie aus. Es gehe darum, Interesse an Informationen zu steigern, und um den Wettstreit der Ideen, denn "objektive Information", wie sie beispielsweise in Rundfunkgesetzen gefordert sei, sei eine "Lebenslüge". (krm, derStandard.at, 23.02.2010)
Hedy Lamarr Lectures
Die achtteilige Vortragsreihe wird veranstaltet von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit der Telekom Austria und dem Medienhaus Wien. Benannt ist sie nach der
österreichischen Schauspielerin und Naturwissenschaftlerin Hedy Lamarr,
ohne deren Erfindung des Frequenzsprungverfahrens die heutige
Mobilfunktechnik nicht denkbar wäre.
Nächster Vortrag: Helga Nowotny, Vizepräsidentin des Europäischen Forschungsrats, am 15. März ab 18:15 Uhr in der Akademie der Wissenschaften. Weitere Informationen: oeaw.ac.at