Österreichs Skiteam, männliche Abteilung, steht nach drei Rennen immer noch medaillenlos da - Cheftrainer Anton Giger im STANDARD-Interview
Standard: Weshalb läuft es so, wie es läuft?
Giger: Mir ist klar, dass wir hier sind, um Medaillen zu holen. Das ist uns bisher nicht gelungen. In der Innensicht ist es aber notwendig, dass wir jeden Lauf durchschauen. Wo sind Fehler gemacht worden, wo kann man was rausholen für den nächsten Bewerb? Abgesehen vom Fehler, bei dem er vier, fünf Zehntel liegengelassen hat, ist Raich eine starke Kombiabfahrt gefahren. Das war ein Resultat aus den Lehren aus Abfahrt und Super-G. Um zu gewinnen, muss sehr viel richtig gemacht werden.
Standard: Was ist falsch gemacht worden?
Giger: Es waren in jedem Rennen gute Teilleistungen dabei, aber keiner hat vom Start bis ins Ziel einen guten Lauf geschafft. Mario Scheiber zum Beispiel hat im Super-G zu viel riskiert, ist zwar gute Schwünge gefahren, hat aber bei den Übergängen verloren. Im Riesenslalom gibt es zum Teil die gleiche Aufgabenstellung.
Standard: Die Alpingroßmacht Österreich schickt nur drei Männer in die Superkombi. Wie gibt's denn so was? War der verletzte Hannes Reichelt nicht zu ersetzen?
Giger: Wir haben Verletzte wie den Rainer Schönfelder, der bei den letzten Olympischen Spielen eine Medaille für Österreich gewonnen hat. Dann habe ich auch junge Leute, die verletzt sind, dazu aktuell Verletzte wie Michael Walchhofer, der für die Kombi vorgesehen war.
Standard: Sonst hat niemand das Potenzial, hier mitzufahren?
Giger: Marcel Hirscher hat das Potenzial, aber seine Zielsetzung ist Riesenslalom und Slalom. Wenn man den auf die Abfahrt schickt, beeinträchtigt das die Vorbereitung auf seine Disziplinen.
Standard: War Mario Matt kein Thema?
Giger: Schon, ich habe vor einiger Zeit mehrmals mit ihm gesprochen. Aber er wollte nicht mehr auf die Abfahrt. Und ich halte es für nicht verantwortbar, dass man einen Läufer auf die Abfahrt zwingt.
Standard: Steigt der Druck im erfolgsverwöhnten Team?
Giger: Es ist im Sport wie im Leben. Man schleppt seine Erlebnisse und Gefühle wie einen Rucksack. Man darf sich nicht zu sehr von den Ergebnissen hier beeindrucken lassen. Sonst kommt man in eine Abwärtsspirale, die uns runterzieht, das ist die größte Gefahr. Für den Riesenslalom und Slalom haben wir aber großteils andere Leute.
Standard: Sind Sie als Teamchef der erfolgreichsten österreichischen Sportart, in der Siege ja ordentlich bejubelt werden, persönlich betroffen vom Misserfolg?
Giger: Natürlich ärgert mich das. Aber es ist auch wichtig, dass ich das nicht auf jemand anderen ablade. Ich will nicht mehr zurückschauen. Wir haben jetzt die technischen Disziplinen.
Standard: Kann es nicht sein, dass es in einem bewährten Trainerteam, das lange erfolgreich war, Abnutzungserscheinungen gibt?
Giger: Was uns bis hierher gebracht hat, wird uns nicht weiterbringen. Also muss man zuerst einmal schauen, was uns hergebracht hat, was gut dabei war, was erneuert gehört. Der Prozess läuft im Kleinen jeden Tag, im Großen nach der Saison, wenn alles zerpflückt wird.
Standard: Wie lange werden Sie noch der Trainer sein?
Giger: Es ist ausgemacht, dass ich bis Ende der Saison die Mannschaft als Cheftrainer betreue. Dann gibt es Gespräche.
Standard: Ob's stimmt oder nicht, Bode Miller vermittelt nicht den Eindruck, als würde er allzu viel analysieren. Jetzt kommt er nach einer mäßigen Saison her und wird zum ersten Mal Olympiasieger.
Giger: Miller hat ja schon viel gewonnen, er ist ein absoluter Ausnahmeskifahrer, war aber immer ein Verschwender seiner vielen Qualitäten. Jetzt hat er es geschafft, weil er reifer ist.
Standard: Miller sagt immer wieder, dass ihm die Freude am Skifahren wichtiger ist als Resultate.
Giger: Das gefällt mir. Das ist auch wichtig. Wenn einer gewonnen hat, frage ich ihn immer, was er für ein Gefühl gehabt hat. Da kriegst du genau die Antworten. Die Gefahr bei einem Großereignis ist, dass man es erzwingen will. Das ist falsch. Es muss mit Freude und locker passieren.
Standard: Gibt's im Riesenslalom eine Medaille?
Giger: Ich bin kein Wahrsager. (Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe 23.02.2010)
ZUR PERSON:
Der Salzburger Anton Giger (46), seit 1987 im ÖSV, ist seit 1999 Cheftrainer. Lehramtsstudium Leibeserziehung und Mathematik. Verheiratet, zwei Kinder.