Darf man auch Kommunisten rehabilitieren?

22. Februar 2010, 18:37

Zum Umgang mit Sozis, Nazis und Stalinisten in der wieder entflammten Debatte um die Opfer des Dollfuß-Regimes - Von Walter Baier

Sozis, ja? Nazis, nein?" Unter diesem Titel macht sich Kurt Bauer (Zur Nachlese hier) Gedanken über die zurzeit im Justizausschuss verhandelte, längst überfällige vollständigen Rehabilitierung der Dollfuß-Opfer.

Der Titel wird dem wahren Gegenstand seiner Sorge nicht ganz gerecht. Da nämlich die Rehabilitierung selbstverständlich die nach dem Juli-Putsch verurteilten Nationalsozialisten nicht einschließen könne und damit automatisch "allein gesinnungsfeste linke Gegner des Dollfuß-Regimes" zu deren Anwärtern würden, welche wiederum "zum überwiegenden Teil der KP angehörten", sieht sich Bauer einem für ihn scheinbar unlösbaren Paradoxon gegenüber: "Was heißt das nun? Anhängern Stalins das zuerkennen, was man Anhängern Hitlers verweigert?"

An dieser Stelle eine Debatte zu eröffnen über die fatale politische Wirkung der durch das Schwarzbuch des Kommunismus vorgenommenen Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus, ist weder sinnvoll noch erforderlich.

Verwiesen sei jedoch darauf, dass gerade österreichische KommunistInnen wenig Grund haben, die Verbrechen des Stalinismus zu verharmlosen. Relevant, auch für die hier zur Diskussion stehende Frage, ist etwa, dass von den 750 Schutzbündlern, die nach den Februarkämpfen über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion emigrierten, ein Drittel dem Stalin-Terror zum Opfer fiel. Erst nach jahrzehntelanger Bemühung des Altvorsitzenden der KPÖ, Franz Muhri, gelang es, dass jene kommunistischen Opfer des Stalinismus, deren Schicksale sich aufklären ließen, eine späte Rehabilitierung durch die sowjetische Regierung erfuhren. (Siehe auch das Büchlein: Walter Baier, Franz Muhri, Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer)

Interessant ist, dass der als Referenz zitierte Bruno Kreisky 1936 im Großen Hochverratsprozess zusammen mit den kommunistischen Spitzenpolitikern Fürnberg und Honner die Anklagebank drückte. Beide würde man nach heutigen Maßstäben wohl lupenreine Stalinisten nennen, was aber die Revolutionären Sozialisten nicht daran hinderte, gemeinsam mit der KPÖ Solidaritätsaktionen zu ihren Gunsten durchzu- führen.

Grundsätzlich ist festzustellen: Wer sich 1934 am Widerstand der Arbeiterschaft gegen die Diktatur beteiligte, ob Mitglied der seit 1933 verbotenen KPÖ oder nicht, verteidigte die Demokratie. Wer 1934 der illegalen NSDAP angehörte, selbst nur als "Suchender und Irrender" , bereitete die Zerstörung Österreichs vor, das seinen 200.000 jüdischen Staatsbürgern zumindest jenen minimalen Schutz des Lebens und der Unversehrtheit gewährte, der ihnen 1938 durch den "Anschluss" an NS-Deutschland entzogen wurde.

Anders als man nach Lektüre von Bauers Text annehmen könnte, handelt es sich bei dieser ausschlaggebenden Differenz um keine politische Ermessensfrage. Verfassung und Gesetzeslage sprechen eine zu eindeutige Sprache. 1945, unmittelbar nach Österreichs Befreiung, verabschiedete die aus SPÖ, ÖVP und KPÖ gebildete provisorische Regierung ein NS-Verbotsgesetz. Ihm zufolge wurde die NSDAP samt ihren Unterorganisationen verboten. Alle Personen, die ihr zwischen 1933 und 1945 angehörten, wurden zur Registrierung verpflichtet und waren von der ersten Nationalratswahl ausgeschlossen.

In diesen klaren gesetzlichen Voraussetzungen liegt auch die Maßgabe der von Bauer für problematisch erachteten Abgrenzung bei der Rehabilitierung der Dollfuß-Schuschnigg-Opfer: All jene Personen wären von ihr auszunehmen, die nach dem NS-Verbotsgesetz als ehemalige Nationalsozialisten registrierungspflichtig waren oder gewesen wären. Einmal mehr scheint es also um eine Reaktivierung des antinazistischen Impetus zu gehen, der die Gründer der Zweiten Republik in den ersten Wochen nach der Befreiung zur Verabschiedung von Gesetzen veranlasste, von deren Existenz man im heutigen Österreichs wenig wissen will. (Walter Baier, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2010)

Zur Person: Walter Baier, ehem. Vorsitzender der KPÖ, leitet seit 2006 die Forschungs- und Bildungseinrichtung der Europäischen Linken, transform! europe. Sein Buch "Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich" erschien letztes Jahr in der Edition Steinbauer.

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Posting 1 bis 25 von 201
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gewissengewissen
 
00
Wieso wird immer von Kommunismus geredet, wenn über StaatsKAPITALISMUS gesprochen wird ???

Von KommunistInnen blieb in der Sowjetunion etwa so viel übrig wie von UrchristInnen im Rest der Welt (von God's Own Country gar nicht zu reden), nämlich NICHTS.

Und wurden nicht Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von einem SPD Innenminister ermordet? (der Mord im Landwehrkanal wäre doch nie ungeklärt geblieben, wenn die SPD das nicht gewollt hätte)

also mit den Rehabilitationen und Vorwürfen ist das so eine Sache ...

Relativ junges Beispiel INNERHALB "unserer" Haustür: in RECHNITZ (nahe Oberwart) gibt es anscheinend ein Massakergrab (NS Zwangsarbeiter), das bis heute nicht gefunden wurde.

Wunderts da noch wen, dass der angebliche Einzeltäter Franz Fuchs seine Rohrbombe dort unbeobachtet in die Gegend stellen konnte ???

Annemarie Veit
62
23.2.2010, 17:24
N E I N !!!!!

Lord Schaumloeffel
53
23.2.2010, 17:24
und wen bitte interessiert das ausser in der wolle gefärbte parteikader und ein paar historiker?

einigen wir doch darauf: alle vor uns waren entweder diktatoren (römisches reich, babenberger, habsburger, ständestaat, etc, bis zu schwarz-blau) bzw. deren opfer.
nur wir jetzt und hier sind cool, demokratisch, haben den durchblick und wissen genau, was die damals seit der erfindung des rades wirklich hätten tun sollen.

huh, das fühlt sich so gut an....

Adam Markus
11
23.2.2010, 18:16

Die Austrofaschisten mit den Babenbergern und Habsburgern auf auf eine Stufe zu stellen ist aber doch ein bisserl gewagt. Ich würde sagen das Klingt sehr nach Verharmlosung.

hurchzua
00
24.2.2010, 09:09
Der autoritären Ständestaat.

war noch bei weitem freier und rechtsstaatlicher als die kommunistischen Diktaturen bis hinauf in unsere Zeit.

raff1
13
23.2.2010, 17:18
Irgendwann wird sich (hoffentlich) die Gesellschaft die Frage stellen,

ob man auch Kapitalisten rehabilitieren darf.
Werde ich aber wahrscheinlich nicht mehr erleben.

Poldi Fesch
00
25.2.2010, 10:45
kaum, da,

wenn ..., dann, verhungert

sixela
21
23.2.2010, 16:34

Die Tatsache, dass in die UdSSR ausgewanderte oder gar vertriebene Kommunisten dann selbst dem Stalin-Terror zum Opfer fielen, heisst ja nicht, dass sie nicht selbst Stalinisten waren. Wären sie diejenigen, die die Macht über die Gewehre gehabt hätten, hätten sie womöglich genauso agiert wie ihre sowjetischen Mörder, über die sie sich wohl "gewundert" haben.

Tatsache ist, dass die österreichischen Kommunisten eine Art österreichische DDR oder CSSR eingeführt hätten, hätte man ihnen die Macht gegeben oder wäre Österreich in Ost und West aufgeteilt worden. Daher waren sie nie Verteidiger der Demokratie, auch 1934 nicht. Und schon gar nicht 1945, wo ihnen halt als 5%-Partei keine Wahl blieb als bei der bürgerlichen Demokratie mitzumachen.

ino
03
23.2.2010, 22:48
das macht aber schon einen ziemlichen unterschied,

ob jemand "womöglich genauso agiert hätte" oder "eine Art österreichische DDR eingeführt hätte".

österreichische nazis HABEN nämlich einen genozid begangen, länder überfallen, geplündert, vergewaltigt.

sehen sie den unterschied nicht?

Adam Markus
05
23.2.2010, 18:20

Schon mal darüber nachgedacht warum Österreich NICHT in Ost und West aufgeteilt wurde? Weil man sich eben mit der SU einigen konnte. Die KPÖ hat dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt.
Die KPÖ hat sich als einzige politische Partei seit den 20ern für die Republik Österreich ausgesprochen und auch seit 45 diesen nie in Frage gestellt.

Peter T
00
24.2.2010, 08:30

Der Hauptgrund war daß die Kommunisten bei den ersten freien Wahlen sofort in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt sind - sonst hätten's garantiert auch die "Volksfront" Variante a la CSSR probiert

Träume sind Schäume.
20
23.2.2010, 18:30
Nur bis sie 1953

versuchte zu putschen.
Und von Gewerkschaftern unter Führung der SPÖ auseinandergetrieben wurde ;)

Adam Markus
03
23.2.2010, 19:22

Das ist eine Legende die von der Kronenzeitung geschaffen und auch von SPÖ genährt wurde. Um einen Streik zu verhindern wurde de kommunistische Karte gezogen. Das hat übrigens bis heute recht gut geklappt.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
00
24.2.2010, 15:46

Die Macht der Kronenzeitung muss gross sein, wenn sie die sogar schon vor ihrer Gründung ausübte.

el puño rojo
 
11
23.2.2010, 16:20
Der Stalinismus war genausowenig kommunistisch

wie der Nationalsozialismus sozialistisch war, beides waren brutalste Diktaturen, also sollte erstmal unter Stalinisten und Kommunisten unterschieden werden.

KKdJ
03
23.2.2010, 17:42
Genau DAS ist eben die große Lüge

Der Terror hat nicht unter Stalin begonnen, sondern sofort nach bzw. mit der Oktoberrevolution. Lenin hat nicht weniger Terror ausgeübt als Stalin, Lenin war durch und durch davon überzeugt, dass Terror und Diktatur gut und notwendig seien.

Dieses ganze Märchen vom guten Kommunismus vs. den bösen Stalinismus ist genauso erlogen wie jenes von der guten Wehrmacht und der bösen SS.

Und es geht nicht darum, Kommunismus und Nationalsozialismus gleichzusetzen. Aber insofern als sie beide mörderische Totalitarismen waren bzw. immer noch sind, ist zwischen nun einmal kein Unterschied. Jedenfalls kein relevanter.

Herr und Frau Österreicher
 
00
25.2.2010, 13:49

Ja natürlich hat Lenin damit angefangen, wenngleich er an Stalins Dimensionen noch nicht ran kam. Aber das problem begann ja, als die Bolschweiken meinten, man müsse die Räte (Sowjets) entmachten und durch eine Führung der Partei ersetzen. Dafür kann aber der Kommunismus auch nix, denn der war eben durch die Räte, und nicht durch die spätere Ein-Parteien-Diktatur verkörpert!

Träume sind Schäume.
10
23.2.2010, 17:16
Und warum hielten

fast alle Kommunisten ihr Loblied auf Stalin?
Stalin war nichts mehr als ein Schüler Lenins, seine Gedanken und Ideen hat er nur konsequent umgesetzt.

Übrigens Che Guevara war bekennender STALINIST, tut das nicht weh?

Träume sind Schäume.
45
23.2.2010, 16:06
Lernen's Geschichte Herr Bauer wie Kreisky einst sage

Der Grund warum die Nazis in Deutschland so leicht die Macht übernehmen konnten waren zum Teil auch die Kommunisten.
Auf Stalins höchste Order führten sie einen erbitterten Kampf gegen die "Sozialfaschisten" (SPD) und stimmten oft übereinstimmend mit den Nazis im Reichstag ab.
Dies schwächte das linksdemokratische Lager erheblich.

Im spanischen Bürgerkrieg wurde der Großteil der republikanischen Führungsriege übrigens von kommunistischen Tscheka Einheiten und nicht von Franco liquidiert.

Genauso wetterten sie bis 1941 gegen die "imperialistischen Mächte" Frankreich, GB und forderten lauthals Appeasement mit Hitler.

Und diesen heuchlerischen Haufen rehabilitieren?
NIEMALS!
Eher über eine Ausweitung des Verbotsgesetzes nachdenken ;)

Adam Markus
01
23.2.2010, 18:24

Und wer bitte hat Hitler zum Kanzler gemacht? KPD, SPD? Nein es waren die Konservativen! Wie überall sonst haben Konservative die Faschisten in die Regierung geholt.

Davon abgesehen ist Österreich nicht Deutschland und die KPö nicht die KPD.

Ansonsten stimmt es dass die Kummerl in Spanien nicht immer eine Rühmliche Rolle gespielt hat, dennoch hat der christlich- faschistoide Franco eine Diktatur errichtet während die SU als einziger Staat die Republik unterstützt hat (wenn auch leider nicht ausreichend).

sick boy
01
23.2.2010, 18:09
stimmt das wirklich so??

ist auf jeden fall sehr interessant....ein link mit quellen wäre top!!! danke schon!

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
00
23.2.2010, 18:46

Über Spanien: Orwell, Homage to Catalonia

Über Deutschland auch: Bauer, Kurt (Der Verfasser des Artikels auf den Baier hier antwortet): Nationalsozialismus (leider hat da anscheinend der Verlag Geld sparen wollen, so dass zwar ein Literaturverzeichnis aber keine Anmerkungen im Buch sind. Ist ein UTB Buch und liegt derzeit in vielen Buchhandlungen herum.

,
30
23.2.2010, 15:37

Es sollte niemand rehabilitiert werden, der in seinen ideologischen Vorstellungen in soweit erstarrt ist, dass er bereit ist dafür zu töten und sich nicht mehr der Menschenwürde verpflichtet fühlt. Egal ob (kap.) Demokrat, Kommunist oder Nationalsozialist. Politik kann gar nicht so wichtig sein.
Selbstverteidigung sei hier ausgenommen, zumindest teilweiße.

Peter T
21
23.2.2010, 14:58
Der Kommunist Baier...

...will uns also erklären daß '34 die Kommunisten die Demokratie verteidigt haben??
Das ist schon starker Tobak.
Abgesehen davon wird auch viel zu wenig berücksichtigt, wieviele "enttäuschte" Sozialisten sich anschließend den Nazis angeschlossen haben, nicht zuletzt der sehr verehrte Dr. Karl Renner der '38 öffentlich den Anschluß gutgeheißen hat.
Da gibt es auf allen Seiten noch genug aufzuarbeiten

black jack
00
23.2.2010, 18:56

Der verehrte Dr. Karl Renner war dann auch einer der ersten, die in den letzten Kriegstagen zu den Soviets gelaufen sind und die zweite Republik ausgerufen haben. Die Amis haben dann eine Zeit lang geglaubt, die wollen einen sovietischen Satelitenstaat errichten ... bis sie gemerkt haben, dass da neben verdächtigen Sozis auch bürgerlich-konservative am Werk waren ...

Also war Dr. Karl Renner entweder ein Wendehals, der sein Fähnchen in den Wind hängt, oder ein typischer Österreicher, der in der ersten Republik so lange Deutscher sein wollte, bis er es dann auch wirklich wurde ... (wobei die Alternativen Wendehals und typischer Österreicher nicht so unterschiedlich wirken ...)

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