Chopin-Jahr

Meister des charmanten Übergangs

22. Februar 2010 18:14

Komponisten-Bedenkjahre führen mitunter zu Überflutungen mit etabliertem Repertoire

Wien - Komponisten-Bedenkjahre führen mitunter zu Überflutungen mit etabliertem Repertoire. Für signifikant vielseitige Künstler jedoch haben Jubiläen womöglich den Vorteil, die Entscheidung zu erleichtern, wohin die Konzentration einer Saison zu lenken sei. Chopin-Jahr also; Daniel Barenboim vertieft sich tourneemäßig in den Instrumentalsänger des 19. Jahrhunderts. Und ja, er gönnt sich dabei einen Hauch des Ungeplanten - bei seinem ersten Abend im Wiener Musikverein wählt er drei Walzer spontan aus.

Jener in F-Dur (op. 34, Nr. 3) schließt an die Verspieltheit der Linien an, die Barenboim schon zu Beginn des Konzertes bei den Variations brillantes (B-Dur op. 12) ausgekostet hatte. Es zeugt sich auch: Barenboim ist ein Meister der eleganten Übergänge, der das Hinübergleiten von einer Phrase in die nächste, von einer Episode zur nächsten mit dem Charme innerer Notwendigkeit auszustatten versteht. Dies gelingt ihm zumeist mit den Mitteln des poetischen, in Sanftheit gehüllten, jedoch klaren Tons, wie bei der delikat dargebotenen Berceuse (Des-Dur, op. 57).

Wo es indes um unaufgeregte Schlichtheit gehen soll, stellt sich eine gewisse Verflachung der Botschaft ein. Weniger beim zweiten Walzer, jenem in a-Moll (op. 34, Nr.2), eher in der Barcarolle Fis-Dur (op.60) oder im Nocturne Des-Dur (op. 27/2). Hier schien es an Ausdifferenzierung des Materials zu mangeln, an jener Spannung, die etwa bei einem Kollegen wie Grigory Sokolov von zahllosen Zwischenstufen des Ausdrucks herrührt.

Da hielt man sich lieber an die Zweite Klaviersonate (b-Moll, op. 27/2) und dabei besonders an den Marche funèbre und dessen konsequent langsam sich fortspinnende Sanftheit und das Auskosten harmonischer Flächen. Letzteres führte bei der Polonaise As-Dur (op. 53) zu kathedralenartigen Gebilden, die schließlich mit opulenter Wildheit traktiert wurden. Signifikanter Applaus. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 23.2.2010)

 

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.