Kirchenkritiker beklagt Versagen der Kirche - Ehemaliges Opfer glaubt nicht an Aufklärung
Freiburg/Berlin - Die Bischöfe der 27 katholischen Diözesen in Deutschland sind am Montag zu ihrer Frühjahresversammlung zusammengekommen, um unter anderem über das aktuelle Missbrauchsthema und dessen Aufarbeitung sowie die Konsequenzen für die Zukunft zu diskutieren. Wichtigstes Thema seien die in den vergangenen Wochen bekanntgewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs an katholischen Schulen, berichtete die Kathpress am Montag. Hier wollten die Bischöfe über Sanktionen für Täter bzw. Mitwisser und Hilfen für Opfer sprechen. Die Beratung der Bischöfe stoße auf großes öffentliches Interesse. Aus Freiburg berichten laut Aussendung mehr als 100 Journalisten.
Der Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky habe im Vorfeld in scharfer Form jegliche Fälle von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in der Kirche verurteilt, hieß es weiter. In seinem Fastenhirtenbrief habe Sterzinsky von einer "Ungeheuerlichkeit" gesprochen. Unabhängig vom Ergebnis der juristischen Untersuchungen "müssen wir schon jetzt einen in seiner Tragweite schwer zu ermessenden Schaden feststellen und alles Fehlverhalten verurteilen und es dem Gericht auch unseres Gottes überantworten", so Sterzinsky.
Weitere Missbrauchsfälle
Am Wochenende waren weitere Missbrauchsfälle aus kirchlichen Einrichtungen in Deutschland bekanntgeworden. Im Gespräch seien jetzt strengere Auflagen für die Priesterausbildung und eine Überprüfung der bestehenden Richtlinien im Umgang mit Missbrauchsfällen. Gleichzeitig wollten die Bischöfe in Freiburg deutlich machen, dass es keinen Generalverdacht gegen Priester oder katholische Schulen geben dürfe, so Kathpress.
Die deutschen Bischöfe dürften bei ihren Beratungen laut Aussendung auch die Erfahrungen der US-amerikanischen Bischöfe heranziehen. Deren Schritt zu einer "Null-Toleranz-Strategie" bei Missbrauchsfällen lenke die Debatte weg von den alten Skandalen hin zu einer Zukunftsperspektive für die katholische Kirche. Seither reiche in den USA ein einmaliger unsittlicher Kontakt mit Minderjährigen aus, um einen Priester auf Lebenszeit seines Amtes zu entheben. Hinzu kämen strenge Vorschriften für den Umgang mit Minderjährigen, die unbeobachtete Einzelbegegnungen fast unmöglich machten.
Missbrauchsopfer: "Niemand hat mit mir gesprochen"
Das Missbrauchsopfer Norbert Denef glaubt nicht an eine wirkliche Aufklärung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. Diese habe kein Interesse am Umgang mit den Opfern, sagte er im Deutschlandradio Kultur. "Bis heute hat keiner bei mir angerufen, niemand mit mir gesprochen." Stattdessen habe die Kirche ihn massiv unter Druck gesetzt und ihm mit Klagen gedroht, sollte er seine Vorwürfe öffentlich machen.
Denef, der in seiner Jugend in den 50er und 60er Jahren von zwei Kirchenmännern missbraucht worden war und sich erst nach Jahrzehnten offenbart hatte, erwartet auch von der Tagung der Deutschen Bischofskonferenz "im Prinzip nichts". Wenn die Bischöfe etwas ändern wollten, sollten sie sich für eine Aufhebung der Verjährungsfristen einsetzen, forderte Denef. "Das wäre ein wirkliches Bekenntnis, alles andere wären Lippenbekenntnisse."
Drewermann hält Zölibat für Hauptproblem
Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann hat der katholischen Kirche
unterdessen vorgeworfen, einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den
Missbrauchs-Vorwürfen aus dem Weg zu gehen. Die "reine heilige Kirche"
werde scheinbar vom Frevel einiger Mitglieder belastet, doch in
Wirklichkeit sei sie daran mit beteiligt, sagte der aus der
katholischen Kirche ausgetretene Theologe dem Deutschlandradio Kultur
mit Blick auf die Bischofs-Versammlung in Freiburg.
Im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch sei der Zölibat unter
den gegenwärtigen Bedingungen ein Hauptproblem, erklärte Drewermann dem
Sender. Jeder wisse, dass diese Verpflichtung nur unter enormen
Konflikten einzuhalten sei. Wer sich dazu entscheide, habe die
Auffassung verinnerlicht, dass sexuelle Erfahrungen sündhaft seien und
gebeichtet werden müssten. "Mit all diesen Konflikten fliehen viele
bereits schon in das Priestertum und hoffen, von sich selber in
gewissem Sinne befreit zu werden durch die Gnade Gottes." Weil das
nicht funktioniere, stünden am Ende neue Fehlbarkeiten. (APA)