Im Gericht eingebunkert zwischen Aktenbergen

22. Februar 2010, 17:58
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    foto: regine hendrich

    Ein Fall aus dem Jahre Schnee: Jetzt soll er fertig werden.

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    Vize-Richter-Präsidentin Charlotte Schillhammer versucht zu illustrieren, wie hoch das Arbeitspensum der rund 1700 Richter ist und warum es derer einige hundert mehr braucht.

Leere Verhandlungssäle, hohe Aktenberge: Während der verhandlungsfreien Woche wollen die Richter abarbeiten, was in den letzten Monaten liegenblieb

Wien - Wäre es eine Woche wie jede andere im Jahr, dann würde Charlotte Schillhammers Talar jetzt nicht so verwaist am Garderobeständer hängen. Da stünde die Vizepräsidentin der Richtervereinigung, in ihre Dienstkleidung gehüllt, schräg vis-à-vis im Verhandlungsraum des Wiener Handelsgerichts - und würde in den kommenden fünf Tagen bis zu 15 Fälle abarbeiten.

Doch diese Woche: verhandlungsfrei! Die Begründung der Standesvertreterin: Es fehlten 430 Stellen für Richter, Staatsanwälte und Kanzleikräfte - was Schillhammer zumindest am eigenen Beispiel anschaulich darstellen kann. Wenn sie ansetzt zu erklären, wie viele Akten "in den letzten Wochen und Monaten liegengeblieben sind", unterbricht das Telefon laufend ihr Gespräch mit dem STANDARD. Und während sie Verfahrensauskünfte erteilt, fällt der Blick auf die Aktenstapeln, die sich auf den Tischen drängen: neun an der Zahl, manche bis zu 30 Zentimeter hoch. Sie künden vom Arbeitspensum der 46-Jährigen Handelsrichterin, von ihren Arbeitstagen, die selten vor acht Uhr abends enden, dank freier Dienstzeit aber auch oft erst am späten Vormittag beginnen.

Wie jenes gelbe Mappendickicht, dessen Inneres von einem Arzt- und Spitalshaftungsprozess erzählt: Schillhammer begann den Fall im September 1999 - heute liegt er wie ein Mahnmal in ihrem Büro: Für die "eigene Sekretärin" und die Zeit, die ihr zur Beendigung der Causa fehlt. "Ich stehe jetzt an dem Punkt, wo ich entscheiden muss, wie es weitergeht mit dem Prozess. Wie bringe ich ihn endlich zu einem Ende? Dafür muss ich mir noch einmal alles von vorne bis hinten anschauen."

Und das heißt laut Schillhammer: "Lesen, lesen, lesen. Nachdenken, nachdenken, nachdenken. Und dann konzentriert arbeiten." Ein Urteil wolle einfach "gut überlegt" sein. Nur wenn Verfahren jahrelang liegenbleiben, sei das "unbefriedigend und frustrierend": "Mir tun die Leute ja leid." Um besser nachdenken zu können, gäbe es auch die vieldiskutierte freie Dienstzeit: um Ruhe zu haben für die komplexen Angelegenheiten. "Viele Kollegen ziehen sich deshalb in den Verhandlungssaal zurück."

Am Montag hält sich dort nur ein auf Medienrecht spezialisierter Kollege auf. Seine Verfahren dulden keinen Aufschub. Wie jene, wo Zeugen extra aus dem Ausland angereist sind. Darüber hinaus: Ruhe im sonst so betriebsamen Haus. Schillhammer nutzt die Zeit zum Abarbeiten der angestauten Fälle. Für Nachmittag hat sich ein Fernsehteam angesagt.

Also hat sich die Richterin als Ausdruck ihres Kampfgeistes eines der Plakate der Richtervereinigung an die Tür gehängt. "Ihr Recht wird eingespart!" heißt es da. Eine Entwicklung, die auch den Klienten bewusst sei: "Ich habe noch keine negativen Reaktionen erlebt. Die haben mitbekommen, dass diese Zustände nicht die Justiz zu verantworten hat, sondern die Regierung."

Vielleicht hat Letztere auch deshalb ein wenig gegengesteuert und den Kollisionskurs mit den Richtern verlassen: Nach anfänglicher Gesprächsverweigerung steht jetzt für Donnerstag ein Treffen mit Staatssekretär Josef Ostermayer und Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (beide SPÖ) an. Für Schillhammer ein Resultat des mit der verhandlungsfreien Woche erzeugten Drucks: "Der erste Anruf kam vor der Pressekonferenz am Freitag, der zweite gleich danach." Jetzt hat es sich sogar Finanzminister Josef Pröll anders überlegt und will die Richter kommende Woche zum Krisengespräch treffen.

Macht das Kraut nicht fett

Was sich Schillhammer davon erwartet? Ein zähes Ringen um Effizienzsteigerungen und Dienstposten. Und zu beidem hat die Standesvertreterin eine klare Meinung: "Unser Effizienzpotenzial ist ausgeschöpft." Ja, vielleicht, könnten irgendwo noch 15 bis 20 Leute für andere Aufgaben eingesetzt werden, aber "das macht das Kraut nicht fett" .

Und was die Planstellen anlangt: Jene Bedarfserhebung des Beratungsunternehmens Deloitte, die die 430 zusätzlichen Stellen ausgewiesen hat, wurde ja von der früheren Justizministerin Karin Gastinger in Auftrag gegeben, vom Bundeskanzleramt und Finanzministerium begleitet - und war mit Kosten von 1,3 Millionen Euro verbunden. (Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe, 23.2.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 108
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NONE
00
25.2.2010, 19:21

Vielleicht muss man einmal die Priviliegien von Richtern hier in Österreich überdenken?

Di Fu
00
25.2.2010, 20:02
Privilegien

Welche Privilegien denn? Bitte etwas präziser!

Sherlock85
00
27.2.2010, 23:56

Lass Leute wie "NONE" reden ... die haben keine Ahnung, wollen aber ihren Geifer loswerden!

gistof
01
24.2.2010, 20:31
Ich lach mich krumm

Es lässt sich doch maximal ein Redakteur der Spatzpost einreden, dass die Richter bis 20 Uhr am Gericht sitzen. Jeder einzelne, der die Erfahrung eines Gerichtsjahres nach dem Studium hinter sich hat, wird bestätigen, dass ab 15:00 kein Richter mehr am Gericht zu finden ist. Und nein, ich hab während meines Gerichtsjahres keinen Richter erlebt, der auch nur ein Blatt Papier mit nach Hause genommen hätte. Der Tagesablauf eines Richters, dem ich zugeteilt war: Antritt am Gericht von 9-10, wenn Verhandlung dann durchpeitschen in kürzester Zeit, Tennisrunde, Mittagessen, 30 Minuten Arbeit, Nachmittagskaffee, Abmarsch.....Aber ich kann alle beruhigen, manchmal ist er gar nicht erst erschienen. Soviel zur Dauerbelastung.

Sherlock85
00
27.2.2010, 23:56

Ich war bis jetzt 6 Richtern zugeteilt, und die haben alle von 8 bis mindestens 17 Uhr gearbeitet ...

Sinakana
00
25.2.2010, 09:25
Keine Generalisierungen

Ich habe EINE Frau beobachtet, die sich gegen die Ohrfeigen EINES Mannes nicht gewehrt hat......
Soll ich jetzt - gistof folgend - den Schluss ziehen: alle Frauen lassen sich von Männern bereitwillig schlagen?
Sicher nicht!

peter schmidt
 
01
23.2.2010, 18:02
diese aktenberge machen sich natürlich immer malerisch aus abe rjeder der im geschäft tätig ist, weiss

das sich so ein aktenberg stark relativiert. da sind manche beilagen doppelt und dreifach drinnen (z.b. von beiden streitteilen vorgelegt und im SV gutachten). ein gutachten von 200 seiten kann oft genau 4-5 bedeutsame seiten enthalten und besteht der rest in kopierten beilagen die eh schon im akt sind oder im strafakt sind 5 kleine aktenbergen von vorstrafenakten enthalten (bei denen aber nur das urteil zu lesen ist).

in strafakten zieht z.b. die verhaftung eines verdächtigen ca. 30 seiten nach sich die völlig unwichtig sind (z.b. wann er das erste mal eine mahlzeit erhalten hat etc.). 40 seitige versicherungspolizzen haben dann 2 §§ die für den fall von bedeutung sind etc.

Sherlock85
00
23.2.2010, 21:34

und trotzdem muss man alles durcharbeiten um zu sehen was z.B. in einem Gutachten relevant ist ...

system1
01
23.2.2010, 16:15
können die eigentlich verhandeln wann sie wollen?

haben die bürger nicht ein anrecht darauf, raschestmöglich verhandelt zu werden? es ist im leben nämlich NICHT egal, ob ich heute oder erst in 1 woche freigesprochen werde. DAS sollten sich die beamtenschläfer mal genau überlegen. wenn sie nicht mehr können sollen sie eben ausgetauscht werden können, ganz so wie in der realität jenseits der beamteten hängematte.

ExBeamter
00
25.2.2010, 09:53

Das geht aber nur mit mehr Personal.

Schilcherfreund
05
23.2.2010, 10:35
Das BMJ ist ein "Profit Center":

Angestrebter Kostendeckungsgrad für 2010: 100 %

(siehe https://www.bmf.gv.at/Budget/bu... _teil1.pdf (technische) Seite 76 (75), Leistungskennzahlen und Indikatoren.

Auf gut Deutsch: die zusätzlichen Planposten finanzieren sich selbst.

Und aus Gründen der Wahrung unseres Rechtssystems bin ich unbedingt für die Unkündbarkeit der Richter, die sicher vorhandenen Tachinierer durchzufüttern ist mir die Unabhängigkeit der Justiz zwar zähneknirschend aber doch wert.

valentinapuma
01
23.2.2010, 14:56
>Und aus Gründen der Wahrung unseres Rechtssystems bin ich unbedingt für die Unkündbarkeit der Richter,

TRAGISCHERWEISE hat das System auch hier erfolgreich seine SouveränInnen FALSCH konditioniert.
Eine Kündbarkeit von RichterInnen gefährdet MITNICHTEN den Rechtsstaat! VIELMEHR gibt es diesen auch wegen dieser Unkündbarkeit gar nicht!
Die stete Wiederholung dieser Berufsgruppe, daß eine Dienstrechtsreform, eine Kündbarkeit das Ende der Unabhängigkeit der Justiz wäre ist schlicht FALSCH.
BEWEIS: Alleine aufgrund des Verfassungsgrundsatzes der GEWALTENTRENNUNG kann niemand Einfluß auf die Justiz nehmen!!!
Wachts endlich auf!!

Schilcherfreund
00
23.2.2010, 16:09
Da bin ich anderer Meinung

(vorweg, da Sie mich wohl auch mit den konditionierten SouveränInnen meinen: meine Postings zeigen hoffentlich wohl, dass ich zumindest noch nicht ganz domestiziert bin):

Eine Kündbarkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Richter einem Druck von außen nachgibt. Ihr Beweis, wonach der Verfassungsgrundsatz der Gewaltentrennung den Einfluss auf die Justiz verhindert, scheint mir, vorsichtig formuliert, etwas sehr optimistisch.

Wenn Sie aber meinen, dass die Absetzbarkeit von Richtern, die das Amt missbrauchen (jetzt mal schnell ohne genaue Definition hingeschrieben) erleichtert werden soll: ganz bei Ihnen, aber hier muss das Prozedere sehr, sehr genau durchdacht werden.

valentinapuma
00
23.2.2010, 16:46
>wonach der Verfassungsgrundsatz der Gewaltentrennung ... sehr optimistisch

????
Inwiefern sich hier die Frage von Optimismus/Pessimismus stellt, erhellt sich mir nicht!??
Die GEWALTENTRENNUNG ist FAKTUM. Basta.

>Wenn Sie aber meinen, dass die Absetzbarkeit von Richtern, die das Amt missbrauchen .. erleichtert werden soll

Von "erleichtern" kann keine Rede sein, da dieser Terminus impliziert, daß etwas grundsätzlich möglich ist. Ist aber de facto eben gar nicht!

RichterInnen haben dzt NUR RECHTE, KEINE PFLICHTEN, TRAGEN KEINERLEI VERANTWORTUNG und dies verfassungsmäßig abgesichert bis zum Pensionsantritt.
Diese Allmachtstellung und absolute Ausgeliefertheit der Rechtssuchenden DAS MACHT DEN "RECHTSSTAAT" zur Farce.

Mathias
 
00
24.2.2010, 08:51
Die GEWALTENTRENNUNG ist FAKTUM. Basta

Auf dem Papier! Und wenn der Bürger weiterhin so schön schläft, dann wird dieses Faktum flott umgeschrieben! Geht in anderen Bereichen der Bürgerrechte ohne wenn und aber, bzw. das es die Bürger groß kümmern würde!

Erst als über Rauchverbot diskutiert wurde, hat es den Schläfer munter gemacht, denn jetzt ist sein Chickkonsum gefärdet. Aber bei Grundrechten schläft der Österreicher weiterhin schön brav.

Muß nur etwas ala USA insziniert werden, dann geht die Gewaltentrennung schnell zum Teufel! In Deutschland hat Stasi-Schäuble das versucht. Die Gefahr von Terroranschlägen wurde ewig künstlich hochgehalten, vorgeführt wurden dann stümperhaft agierende Möchtegernterroristen und Trittbrettfahrer.

Kuldip K.
 
00
24.2.2010, 05:19
Narrenfreiheit eben.

Verbesserungsvorschlag:
Umbenenneung Hofrat zu: HofNARR.

Emil Kratky
13
22.2.2010, 17:57
Wie sieht der Arbeitstag eines Richters aus?

und zwar bitte realistisch!

valentinapuma
00
23.2.2010, 14:58
Das ist mangels vorgeschriebener Dienstzeiten und Erledigungsfristen nicht beantwortbar.

Sherlock85
10
23.2.2010, 17:08

Lesen sie sich mal die ZPO und die StPO durch (wenn es ihnen nicht zu mühsam ist) ...

4311503
01
24.2.2010, 10:01

Da werden sie mehr erfahren, wenn sie mit Leuten reden die gerade ihr Gerichtsjahr machen. Das ist dann näher an der Realität ;)

Walter Kaiser
11
23.2.2010, 12:48
Bei denen, die ich kenne: Täglich von früh bis spät abends.

Ausgenommen manche Wochenenden.

Das hängt davon ab, wie genau man die Aktenlage studiert bevor man "Recht spricht"

Macht mans übergenau, dauerts viel länger als einer, der "aus dem Bauch" entscheidet und begründet. Allerdings wird Letzterer halt mehr Minuspunkte durch verlorene Berufungen einsammeln, was sich in der Karriere auswirkt.

In großen Fällen wird sicher eher genau gearbeitet, schließlich sind die idR Anwälte routinierte alte Hasen, oft rouinierter als der Richter.

Und idR nimmt einem Richter keiner Arbeit ab, er muss halt länger und mehr arbeiten, wenns mehr Fälle gibt. Wenn er krank wird, muss er die aufgestaute Arbeit nachholen ...

Nein, Honiglecken ist das keines. Zumindest bei meinen Bekannten.

Kleinhirn
02
23.2.2010, 16:26

Das was ich von Gerichten und Richtern bis jetzt gesehen habe entspricht ca. dem von Ihnen beschriebenen.
Die meisten Leute unteschätzen den Aufwand, den selbst eine einfache Gerichtsversammlung mit sich bringt.

Ein einfaches Handybetrugsanmeldeverfahren kommt locker schon auf hundert Seiten. Noch ein Gutachten, eine Bewährungshilfe, etc. dazu und man hat einen netten Aktenstapel vor sich.

Und alle die motzen dass Richter nichts arbeiten, sollen sich mal in Verhandlungen reinsetzen. Die Richter sind meist die einzigen welche den Stapel gelesen haben.

Sherlock85
11
23.2.2010, 17:13

Es macht den unwissenden Leutchen hier eben Spaß auf den "Beamten" (obwohl Richter gar keine sind, aber das ist eine Frage des Dienstrechts) herumzuhacken! Die glauben, dass sie die einzigen seien die arbeiten müssen und alle anderen einfach nur stinkfaul sind! Ja, es ist keine körperliche Arbeit, wohl aber geistige Schwerstarbeit sich durch mehrere hundert Seiten Vorbringen, Gutachten, Zeugenvernehmungen etc. zu quälen, vielleicht noch mehrere Stunden am Tag zu verhandeln und nebenbei noch die Urteile zu schreiben (nein, die formulieren sich nicht von selber, will man keinen Heber seitens des übergeordneten Gerichts muss das schon Hand und Fuß haben). Aber das schafft ja jeder Standard-Poster "mit links".

Grüass eich god olle mitanonda
00
22.2.2010, 16:44
seit wann

ist der Gerhard Scheucher Richter-Gewerkschafter? Die würden sich schön bedanken!

oneeyedcat
03
22.2.2010, 16:24

als der lehrerstreik im raume stand gab es tausende posts der erzürnten bevölkerung und jetzt........!

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