vergrößern 500x380Der große österreichische Bildhauer Bruno Gironcoli, Schöpfer monumentaler Skulpturen, ist vergangenen Freitag in Wien gestorben.
Wien - Vierzehn Nächte lang wurden auf Tiefladern 16 Skulpturen die paar Straßen von den Wunderkammern seines Praterateliers ins Museum für angewandte Kunst transportiert; in Budapest musste ein Teil der Museumsmauern ausgebrochen werden, um die gigantischen Figuren in den Ausstellungsraum schaffen zu können; und der Kunst-Transport zur Biennale von Venedig im Jahr 2003 gestaltete sich, wie der damalige Kommissär Kaspar König betonte, auch als anspruchsvolle logistische Transportleistung.
Nein, Bruno Gironcoli machte es sich und der Kunstwelt buchstäblich nicht leicht mit seinen oft bis zu zwei, drei Meter hoch wuchernden Objekten aus Aluminium und Stahl, aus Gips, Holz und früher auch aus Polyester, dessen krebserregende Dämpfe ihn letztlich das Leben kosteten.
"Eine Skulptur ist für mich Endpunkt eines Gedankenganges", erläuterte der "Künstler der Apoka-lypse" (© Peter Weiermair) einmal den Entstehungsprozess seiner beklemmenden, überwältigenden und einzigartigen Aneinander- und Ineinanderfügungen von Formen und Figuren. Embryos, Gebärmütter, Totenköpfe, Ähren, Trauben, Schüsseln, Blätter, Becher und Buchten: Erinnerungs- und Vorstellungssplitter, mit Nabelschnüren und Schläuchen zu einem Universum voller Pathos, Sehnsüchte, Ängste und Zärtlichkeiten verkabelt. "Apparate der Entblößung und Verblüffung, fremdartige Formationen, Traumwelten bösartiger beweglicher Fehlkonstruktionen", nannte Peter Noever Gironcolis Weltzustandsbeschreibungen.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine; Gironcoli machte das Persönliche allgemein und das Allgemeine zu seinen persönlichen Obsessionen: die (Über-)Mutter, Kindsein als Verlorengehen in der Kleinbürgerlichkeit; Sex, Scheitern, Glück, Tod. "Ich messe dem Ringen um das menschliche Abbild auch große Bedeutung bei, nur wende ich nicht diese Formhülse Menschenbild dafür an. Ich versuche, in Umschreibungen, in Umwegen das Menschenbild zu erfassen", sagte er einmal. Und: "Die Skulptur ist Fluchtraum, Tagtraum."
Gescheiterte Dinge
Bruno Gironcoli, geboren am 27. September 1936 in Villach, aufgewachsen in Kärnten und Tirol, hatte nach einer Goldschmiedlehre Malerei bei Eduard Bäumer an der Angewandten studiert. Aber fasziniert von Alberto Giacomettis Figuren, schuf er Anfang der 1960er-Jahre erste filigrane Drahtplastiken, "gescheiterte Dinge", wie er es nannte.
Erst vierzig Jahre später, 2003, wurde ihm durch die Teilnahme an der Biennale von Venedig die ihm gebührende internationale Aufmerksamkeit zuteil. Er freue sich, sagte er, bereits schwer von jener Krankheit gezeichnet, der er am Freitag in Wien im Alter von 73 Jahren erlegen ist, "Nutznießer der Biennale" sein zu dürfen, und hoffe, dass er "durch diese Arbeit Meriten nach Österreich bringen kann." Der Hoffmann-Bau sei für seine "Kinder", wie er die Objekte nannte, allerdings "zu possierlich: Ich brauche Luft zum Atmen." Weshalb zwei der monumentalen Skulpturen vor dem "wunderschönen Kiosk" (Gironcoli) aufgestellt wurden.
Was an Bruno Gironcoli vielleicht am meisten berührte, war die unglaubliche Zartheit und Eleganz seiner Gedanken. Er war ein sensibler Gesprächspartner, umfassend klug, doch nie herablassend; humorvoll, aber nie zynisch. Und er war ein großartiger Lehrer. 1977 übernahm er die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba und leitete sie bis 2004. Mit dem fixen Einkommen finanzierte er sich und seiner Familie die Unabhängigkeit vom Kunstmarkt. Im Jahr seiner Emeritierung wurden der Gironcoli-Kristall in der Wiener Strabag-Zentrale und das Gironcoli-Museum in Herberstein eröffnet.
Der künstlerische Grenzüberschreiter prägte Generationen von Künstlern: Franz West etwa, Hans Schabus. Auch Werner Schwab studierte vier Jahre bei ihm. In seinem Prosaband Abfall, Bergland, Cäsar sollte der Brachialdichter später schreiben: "Wer sich für das, was er gerne hat, nicht anzünden läßt wie einen heustadl, der hat nichts besseres verdienen können als den bösen himmel."
Bruno Gironcoli hat für seine Kunst gebrannt. (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe 22.2.2010)
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