Der Wettbewerb der 60. Berlinale fiel enttäuschend aus, doch in Nebenschienen gab es einiges zu entdecken
Man mag die thematischen Linien der Jubiläumsausgabe der internationalen Filmfestspiele von Berlin ansetzen, wo man will. Am Ende ist jedoch weniger der Inhalt der Filme entscheidend, nicht die Politik, auf die man auf der Berlinale so viel hält, als die Form, die Vision, die Lust und das Vermögen, der Welt ein gültiges, ein triftiges, ein wahres Bild abzugewinnen.
Von solchen Bildern fand man im Wettbewerb der Berlinale viel zu wenige. Anders als die Auswahl anderer größerer A-Festivals ist jene der Berlinale eine, welche die Dynamiken des Weltkinos nur unzureichend wiedergibt. Zu wenige Regisseure mit unverwechselbarem Stil treffen auf zu viele Varianten eines Kinos, das sich in Beliebigkeit erschöpft, kaum etwas riskiert - darunter gerade solche, die die Berlinale zu ihren Entdeckungen zählt, etwa den Chinesen Wang Quan'an (Apart Together).
Die von Werner Herzog geleitete Jury hat mit einer ärgerlichen Ausnahme passable Entscheidungen getroffen. Roman Polanski für seinen durchaus erquicklichen, aber eben auch recht konventionellen Verschwörungsthriller Der Ghostwriter mit einem Silbernen Bären für die beste Regie auszuzeichnen riecht zu sehr nach einer Geste der Solidarität. Ein Festival ist nicht der Ort, um in einen Kriminalfall zu intervenieren, und die Kunst das falsche Vehikel.
Meditative Bilder
Mit dem Goldenen Bären für den türkischen Film Honig (Bal) von Semih Kaplanoglu setzt sich der Trend der letzten Jahre fort, kleine, zurückhaltene Filme auszuzeichnen. Honig ist der Abschluss einer Trilogie (Ei, Milch) um einen Protagonisten namens Yussuf, der nicht unbedingt immer derselbe ist, im Lauf der Filme jedenfalls jünger wird:
Als kleiner Bub folgt er nunmehr seinem Vater, einem Imker, durch die Berglandschaften nahe dem Schwarzen Meer. Die beiden verbindet ein Geheimnis, das sie nur flüsternd miteinander sprechen lässt; eines Tages kehrt der Vater dann nicht zurück. Honig ist ein undramatischer Film über das Partizipieren an der Natur, in meditativen, schönheitstrunkenen Einstellungen, die die Grenze zum Kitsch nicht überschreiten.
Mit Alexej Popogrebskis How I Ended This Summer findet sich ein weiterer Film unter den Preisträgern, der viel über die Wildnis von Landschaften vermittelt - Entscheidungen, die Werner Herzogs Vorlieben erkennen lassen. Zwei Männer auf einer isolierten Polarstation, der eine jung und energetisch, der andere wortkarg und grüblerisch, werden in eine Extremsituation eingebunden. Popogrebski studiert die karge Gegend, die Arbeit und ihre Routinen vielleicht etwas zu gemächlich, bevor eine Nachricht aus der Außenwelt die beiden Kollegen einander entfremdet und schließlich zu erbitterten Gegnern macht.
Starkes deutsches Kino
Konzeptuellere Filme wie Rafi Pitts' düster-surreales Rächerdrama The Hunter und Benjamin Heisenbergs balladesker Der Räuber, die zu den stärksten Arbeiten des Wettbewerbs gehörten, hatten es bei dieser Jury ganz offensichtlich schwer. Schade, denn gerade mit einem Preis für Heisenbergs Film hätte man auch ein Zeichen für ein erstarktes deutsches Kino setzen können, eines, das mit Reduktion arbeitet und dennoch ausdrucksstarke Bilder findet, um von Notlagen zu erzählen.
Auch Thomas Arslan hat einen Film mit Genrebezug gedreht. Im Schatten ist ein Gangsterfilm im Stile von Jean-Pierre Melville, ein "caper-movie", mit einem zentralen Überfall, der rigide vorbereitet werden muss, und mit dieser Zerfallsbewegung, die typisch ist für kriminelle Milieus - am Ende arbeitet ja doch ein jeder in die eigene Tasche.
Arslan gelingt eine stilsichere Übertragung dieser Formel in ein lokales Bezugsfeld, hier in ein graues Berlin, in dem er tolle Zonen für zwielichtige Geschäfte entdeckt. Trojan (Misel Matièeviæ), der wortkarge Einzelgänger, kennt keine Loyalitäten, sondern nur kurzfristige Übereinkünfte. Seine Professionalität erfordert Misstrauen. Mehr als um diese existenzielle Ebene scheint es Arslan aber um funktionalistische Abläufe zu gehen, in denen der Film dann gelassen in sich ruht.
Das Forum, wo Im Schatten lief, ist auf der Berlinale traditionell der Ort für wagemutigere Filme. Hier waren auch der Sundance-Siegerfilm Winter's Bone von Debra Granik und Matt Porterfields Putty Hill zu sehen - beide liefern ein Bild von ärmlichen Randzonen der USA, die man im Wettbewerb vergeblich sucht. In Winter's Bone, der in einer üblen White-Trash-Gemeinde in den Ozark-Bergen von Missouri spielt, sucht ein siebzehnjähriges Mädchen ihren Vater, einen Drogenfabrikanten, weil das Familienhaus gepfändet zu werden droht.
Granik erweitert ihr wuchtiges Sozialdrama allmählich zum Krimi, samt fiesen Mutproben für harte Mädchen, während Porterfields Porträt von Jugendlichen am Rande von Baltimore zwischen fiktionalen und dokumentarischen Strategien wechselt: Der Überdosistod eines Skaters bildet hier den Ausgangspunkt einer mit großer Selbstverständlichkeit inszenierten Studie freundschaftlicher und familiärer Bande - fragile Gemeinschaften, mit denen man dem Leben trotzt.
Einen weiteren Höhepunkte der 60. Berlinale bildete die Aufführung der restaurierten Fassung von Rainer Werner Fassbinders rarem Science-Fiction-Film Welt am Draht aus dem Jahr 1973, der dieser Tage auch auf DVD erscheint. Die an Matrix erinnernde Dystopie vom Leben in einer Welt der Simulationen überzeugt als Film mit geradezu unheimlicher Langzeitgültigkeit und mit wunderbaren modernistischen Dekors. Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit - hier war die Zeit einen kurzen Moment aufgehoben. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD / Printausgabe 22.1.2010)