Das Springen auf der großen Schanze endete wie jenes auf der kleinen. Und daran war nicht Ammanns Bindung schuld. Im Teambewerb ist Österreich Favorit
Ja natürlich, Simon Ammann (28) mag Nordamerika. Schließlich passieren dort die tollsten Dinge in seinem Sportlerleben. Den beiden Olympiasiegen 2002 in Salt Lake City, Utah, ließ er in British Columbia zwei weitere goldene Taten folgen und sprach: „Vor acht Jahren ist es einfach herausgebrochen. Jetzt war es viel durchdachter."
Der nun erfolgreichste Schweizer bei Winterspielen zog damit in der Skispringerabteilung mit dem Finnen Matti Nykänen gleich, der aber eine seiner Goldenen mit der Mannschaft gewann. Die Schweiz hat keine Mannschaft hier. Und also ist Ammann, der auf der großen Schanze überlegen mit 14,2 Punkten vor dem Polen Adam Malysz (32) und Gregor Schlierenzauer (20) siegte, beim Teambewerb am Montag (ab 19 Uhr) keine Bedrohung für die Österreicher.
Mit der Leistung vom Samstag - der amtierende Tourneesieger Andreas Kofler wurde Vierter, Thomas Morgenstern, der Olympionike 2006, Fünfter, Wolfgang Loitzl, Tourneesieger 08/09, Zehnter - gewännen sie locker Gold.
Das Thema Bindung ist vorderhand vom Tisch. Jene von Ammann besitzt hinter den Fersen gebogene Zapfen, die dafür sorgen, dass die Skier direkt und nicht schräg zum Wind stehen. Die Österreicher legten den angekündigten Protest natürlich nicht ein, nachdem die Jury die Bindung für regelkonform erklärt hatte. Und also werden sie, die sich in der Vergangenheit immer wieder Vorteile durch Innovationen beim Material verschafft hatten, wohl an einem eigenen System basteln. War es, im Nachhinein betrachtet, gescheit, die Bindungs-Diskussion auszulösen, die in der spezifisch interessierten Welt für Kopfschütteln sorgte?, frug man Cheftrainer Alexander Pointner. „Natürlich. Ich stehe dazu, dass alles transparent dargelegt wird. So hat jeder die Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen. Sonst wäre die Diskussion erst nach den Spielen gekommen, und dann hätte es berechtigt geheißen, wir sind schlechte Verlierer. Ammann ist sensationell gut gesprungen."
Glückwünsche
Und deshalb gratulierten alle Herrn Ammann mit reinen Herzen. Keiner wusste zu sagen, wie viele Meter Ammanns System bringt. Aber alle waren der Meinung, dass der Schweizer auch so gesiegt hätte. „Er hat keine Fragen offengelassen", meinte Kofler. Loitzl: „Wenn er sie nicht hat, gewinnt er auch. Und wenn er etwas gefunden hat, was ihm hilft, muss man ihm gratulieren. Das versuchen die anderen auch."
Es schien so, als wäre Gregor Schlierenzauer mit seiner zweiten Medaille nicht ganz so glücklich, wie er es mit der ersten gewesen war. „Ich bin zwar froh, aber es tut auch weh, weil mehr möglich gewesen", sagte der Tiroler, mit 32 Weltcupsiegen diesbezüglicher österreichischer Rekordler. Anton Innauer, heute Direktor der Springer und der nordischen Kombinierer, war 17-jährig bei den Spielen 1976 in Innsbruck, nachdem er als Favorit geführt hatte, Landsmann Karl Schnabl unterlegen. Überwunden? „Ich hab lange gebraucht, und heute ist es eine gute Geschichte.
Und die guten Geschichten haben einem irgendwann einmal wehgetan." Innauer holte die Goldene 1980 in Lake Placid nach. „Wenn's dann funktioniert, hast du einen Erlebnishintergrund. Mit dem Talent, das der Gregor hat, und der Professionalität, wird das eines Tages funktionieren. Dann wird er das in einem noch höheren Ausmaß genießen." Ammann hat schon bei seine ersten Spielen zwei Goldene gewonnen, ein Problem? „Ja, er wurde dann daran gemessen. Und hat zwei, drei Jahre lang schwer gelitten darunter, weil er dem Doppelgold nicht gerecht wurde."
Ist Gold für die Mannschaft Pflicht? Pointner: „Wir haben schon seit fünf Jahren die Situation, dass wir als Favoriten gelten. Jeder wird mit strahlenden Augen auf der Schanze stehen. Es wäre Tiefstapeln, wenn wir nicht sagen, wir springen um Gold." (Benno Zelsacher aus Whistler, DER STANDARD Printausgabe 22.02.2010)