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Annja Krautgasser im Wohnatelier vor ihrem selbst entworfenen Bücherregal und Archivsystem: "Ich brauche Überblick, sonst bekomme ich die Menge an Information in meinem Kopf nicht unter Kontrolle."
Original Tanzszene aus Bande à part (1964) von Jean-Luc Godard (oben) und darauf basierende Lektionen für Annja Krautgassers kollektive Performance Le Madison (unten).
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Dokumentationsfotografien von Le Madison im Amsterdamer Ausstellungsraum W139. Das gerasterte Setting des Videoshootings stammt von Bernd Trasberger.
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Videostills aus Annja Krautgassers Architekturstudie What remains (oben) und Ausstellungsansichten (unten) von ...what remains... in der Innsbrucker Andechgalerie.
Links:
www.annjakrautgasser.net
www.le-madison.net
www.sixpackfilm.com
"Ich brauche Überblick", sagt Annja Krautgasser, "weil ich oft an vielen unterschiedlichen Dingen gleichzeitig arbeite - sonst bekomme ich die Menge an Information in meinem Kopf nicht unter Kontrolle." Im Mittelpunkt des Wohnateliers der in Wien lebenden Künstlerin, die neben ihrer künstlerischen Arbeit auch im Vorstand der Tiroler Künstlerschaft und als Universitäts-Assistentin an der Akademie der bildenden Künste Wien tätig ist, steht ihr Archiv: das selbst entworfene Bücherregal, das eine ganze Wand ausfüllt.
"Ich habe dieses Ordnungssystem, seitdem ich aus Amsterdam zurückgekommen bin," so die Künstlerin, deren Arbeiten sich durch einen stark interdisziplinären Ansatz und einen hohen Grad an Komplexität auszeichen, "und für meinen Bedarf funktioniert es wirklich gut." In Amsterdam war Annja Krautgasser für ein knappes Jahr auf Residency bei der dort ansässigen Institution Agentur. Während dieses Aufenthalts ist eine ganze Reihe unterschiedlicher Projekte entstanden, an denen sie auch jetzt - einige Monate nach ihrer Rückkehr - noch weiterarbeitet.
Performative Filmgeschichte
Le Madison (2009) etwa steht programmatisch für die Vielschichtigkeit von Annja Krautgassers beharrlichem Versuch, die Genregrenzen zwischen Film, Video, bildender Kunst und Performance aufzuweichen. Ausgangspunkt für das als Intervention angelegte Projekt bildet eine Szene aus Jean-Luc Godards Film Bande à part / Die Außenseiterbande (1964), in der Anna Karina, Sami Frey und Claude Brasseur einen durch Klatschen und Schnippen stark rhythmisierten Gruppentanz in einem Pariser Café aufführen. Über E-Mail-Aussendungen, Inserate und Flyer hat Annja Krautgasser Laien dazu aufgerufen, sich die Tanzschritte aus diesem Film der Nouvelle Vague anzueignen und im Kunstraum W139 in Amsterdam als einmalige Kunstintervention gemeinsam zu performen.
Zu diesem Zweck hat sie auf ihrer Webseite kurze Videolektionen veröffentlicht, in denen drei professionelle TänzerInnen und Performance-KünstlerInnen nachstellen, was die SchauspielerInnen im Film als Odile, Franz und Arthur vormachen. Bereits bei diesen kurzen Videoeinheiten kündigt sich das Spiel mit künstlerischen Formbildungsprozessen an, das für Le Madison so charakteristisch ist und sich durch den gesamten Projektverlauf zieht: Krautgasser montiert alternierend filmisches Bildmaterial aus Die Außenseiterbande mit Videobildern der Tanzlektionen. Sie überlagert die französische Erzählerstimme aus dem Godard-Film mit den englischen Anweisungen der von ihr mit einem Text-to-Speech-Programm digital erzeugten SprecherInnen. Im Hintergrund die Original-Musik aus den 1960er Jahren, die sich als verbindendes Element durchzieht.
Räumliche Konfrontationen
Die markante und großzügige Location des Videodrehs, deren Wände zum Zeitpunkt der Tanzperformance mit einem raumfüllenden grafischen Raster des Berliner Künstlers Bernd Trasberger bedeckt waren, irritiert auf den ersten Blick und lässt erst bei genauerem Hinsehen einen Kunstraum erkennen. "Die räumliche Situation bei Le Madison war in zweierlei Hinsicht entschärft", erklärt die Künstlerin, die das Setting als Teil der Performance versteht: "Zum einen durch die formalistische Dekonstruktion des Ausstellungsraums und zum anderen durch die Tänzer und Tänzerinnen. Beim Videshooting wurde dieser ansonsten eindeutig definierbare und zweckgerichtete Raum zu einem neutralen Raum." Bei der zweistündigen Intervention ging es Annja Krautgasser darum, den Produktionsprozess eines Videos in den Ausstellungsraum zu transferieren und dabei Funktionsverschiebungen vorzunehmen.
Für den Videodreh standen der Künstlerin schließlich mehrere Kameras zur Verfügung: auf Schienen, um kinematografisches Material aufzunehmen, mit einer fixen Einstellung aus der Vogelspersektive, eine, die dokumentarisch das Setting filmte und zwei weitere mit Blick auf die TänzerInnen und auf den Moderator der Performance. Für Annja Krautgasser steht bei Le Madison aber weniger das Endprodukt des Videodrehs im Vordergrund, als vielmehr der Gruppentanz an sich - als Medium der Intervention. Schritt für Schritt, bereits bei den Tanzlektionen beginnend, formiert sich aus einer unbestimmten Anzahl von Individuen ein koordiniertes Kollektiv. Die oft hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen Ausstellungsräume der bildenden Kunst werden durch die gemeinschaftlich ausgeführten Körperbewegungen der TänzerInnen mit sozialem Raum konfrontiert. "Aus dem gesammelten Videomaterial soll ein von der Performance unabhängiges Projekt entstehen", sagt Krautgasser: "Daran werde ich in den kommenden Monaten arbeiten."
Multimodale Versionierungen
Dass die Künstlerin Themen meist über einen längeren Zeitraum verfolgt und dabei das Ausgangsmaterial immer wieder in unterschiedliche Anordnungen bringt, zeigt sich auch bei einer zweiten Arbeit, die während ihrer Residency in Amsterdam entstanden ist. What remains (2009-2010) ist ein architektonisches Videoporträt dreier Gebäude im ehemaligen Zeitungsviertel der niederländischen Hauptstadt. Ausgangspunkt für das Video war der Ausblick der Künstlerin vom Fenster ihrer Residency-Wohnung auf das gegenüberliegende Hausdach. Trouw, das niederländische Wort für Treue, stand dort in einem gelben und kursiv gesetzten Schriftzug aus den 1970er Jahren. "Trouw ist der Name einer niederländischen Zeitung", erklärt Krautgasser: "Ein protestantisches Blatt, das während der deutschen Besetzung im zweiten Weltkrieg aus dem Untergrund entstanden ist. Mittlerweile gehört die Zeitung zu einer größeren Mediengruppe und ist nicht mehr in diesem Gebäude tätig - auch das Erscheinungsbild hat sich verändert."
Direkt neben Trouw befinden sich zwei weitere ehemalige Zeitungshäuser, die heute leer stehen oder von anderen Firmen als Büroräumlichkeiten gemietet werden. Het Parool und De Volkskrant - zu deutsch Das Wort und Die Volksstimme sind ebenfalls Teil des Videos What remains: leere Büros, verlassene Stiegenhäuser, einzelne architektonische Details wie Ecken und Kanten oder Produktionshallen mit Druckerpressen - das rege Zeitungstreiben von früher kann nur erahnt werden. Die Ruhe der statischen Videobilder wird hin und wieder von kurzen Gesprächen unterbrochen und vom Wummern und der Geräuschkulisse begleitet, das die porträtierten Räume auf dem Videoband hinterlassen. Verbindendes Element zwischen den drei Architekturen ist der Blick vom jeweils gegenüberliegenden Gebäude auf den Schriftzug der andere Häuser. Jener Blick, der auch die Szenenwechsel im Video ankündigt und jener tägliche Blick der Künstlerin aus dem Fenster ihrer Wohnung.
Umfelder der Bildproduktion
Unter dem Titel ...what remains... (2009), der den Kontext der Videoproduktion reflektieren soll, war Annja Krautgassers begleitende Recherche zu den drei Zeitungsgebäuden auch als Installation im Ausstellungsraum der Innsbrucker Galerie im Andechshof zu sehen: Fotografien von Redaktionssitzungen, Dokumente aus den Archiven der Zeitungen, eine Replik des Schriftzugs Trouw - die Geschichte der drei Häuser in ihrem Zusammenspiel und Gebrauch. "Es kommt leider nicht so oft vor, dass man die Möglichkeit hat, in Ausstellungen an eigenen Themen zu arbeiten. Bei Gruppenausstellungen sind die Themen vorgegeben und bei Einzelausstellungen handelt es sich meistens um eine Rückschau auf bereits produzierte Arbeiten", so die Künstlerin: "Bei dieser Installation konnte ich die gesamte Thematik aufspannen, indem ich vom Video ausgehend die Ideen auch durch andere formale Mittel weiterverfolgt habe."
Seien es soziale Muster oder kollektive Verhaltensweisen, die in der Videoproduktion Le Madison zur Diskussion stehen und sich mit den - wörtlich und sinnbildlich zu verstehenden - Mustern und Körperschaften des Kunstbetriebs reiben; seien es die Überreste von den - wörtlich und sinnbildlich zu verstehenden - Archiven der Nachrichtenräume, die die Künstlerin in What remains Stück für Stück über ihren subjektiven Blick auf Architektur rekonstruiert; sei es die Filmgeschichte oder seien es die Geschichten menschlichen Zusammenlebens. Die Arbeiten Annja Krautgassers sind gekennzeichnet von der Irritation und dem Spiel mit Formaten, das sie einsetzt, um die Grenzen zwischen den Kunstgenres zu nivellieren und dabei den jeweiligen Produktionszusammenhang, den Kontext ihrer Bildwelten, mitzudenken. The image is not exclusively an element of the visible - das Zitat Jacques Rancières empfängt BesucherInnen auf der Startseite ihres Online-Portfolios, starke Bilder empfängt das Auge, noch stärkere der Kopf.
(fair, derStandard.at, 01.03.2010)
Zur Person:
Annja Krautgasser wurde 1971 in Tirol geboren, sie lebt und arbeitet in Wien. Die Absolventin der Universität für angewandte Kunst (Digitale Kunst) ist Trägerin des Staatspreises für bildende Kunst (2009), des Tiroler Landespreises für Kunst (2006) und des MAK Schindlerstipendiums Los Angeles (2005). Zuletzt wurden ihre Arbeiten in der Wiener Secession, der Galerie Stadtpark Krems, dem Kunstraum Innsbruck, dem Netherland Institut for Media Art - Montevideo und zahleichen weiteren internationalen Festivals und Ausstellungen gezeigt.
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Schade das die meisten Künstler alles im Sinne des gegenwärtigen Wiener "Kunst/Angewandte/Bildende nachplappern und keine "eigenen Worte" mehr finden.
Und: Nein, ich bin kein gescheiterter, neidiger Künstler.
PS: das selbstentworfene Bücherregal ist aber nicht wirklich der Rede wert, oder?
PPS: Vielleicht sollte sie die Menge an Information mal auf einen "konrekten Gedanken" kanalisieren.
Hat man diese Floskeln nicht schon 1000x gehört?
"....aber weniger das Endprodukt des Videodrehs im Vordergrund, als vielmehr der Gruppentanz an sich - als Medium der Intervention."
warum das ENDPRODUKT nie im Mittelpunkt steht, machen die Werke selbst offenbar.
"Zum einen durch die formalistische Dekonstruktion des Ausstellungsraums und zum anderen durch die Tänzer und Tänzerinnen. Beim Videshooting wurde dieser ansonsten eindeutig definierbare und zweckgerichtete Raum zu einem neutralen Raum."
"neutraler Raum"???
Bei der zweistündigen Intervention ging es Annja Krautgasser darum, den Produktionsprozess eines Videos in den Ausstellungsraum zu transferieren und dabei Funktionsverschiebungen vorzunehmen.
So what?
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