Skifahren muss kein Kampfsport sein

19. Februar 2010, 19:36
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allermann-Flair und teure Lifte schrecken die Leute ab, Ex-Rennläuferin Nicola Werdenigg will das mit einer sanften Form des Skifahrens ändern

Innsbruck/Wien - Skifahrer kennen es: Um neun oben auf der Piste, um zwölf Uhr unten in der Hütte, Brachialromantik, dazu der erste Willi. Am Nachmittag schwungvoll bis halsbrecherisches Auf und Ab und dann: Après-Ski, mehr Willi und mitsingen - Hölle! Hölle! Hölle!

Für viele ist das der perfekte Skitag. Doch immer mehr fühlen sich von Ballermann-Angeboten in österreichischen Skigebieten abgestoßen. Die Nächtigungszahlen rutschten im Winter 2008/09 erstmals ins Minus - bis zu 17 Prozent. Besonders Amerikaner und Briten blieben fern, auch weniger Deutsche kamen. Die Wirtschaftskrise allein erklärt das nicht.

"Im Großteil der Skigebiete ist man nichts anderes als Massenvieh", sagt die Ex-Rennläuferin Nicola Werdenigg (geb. Spieß). Sie propagiert eine Gegenbewegung: Für harmonischeres Erleben von Piste und Skilauf und intensivere Wahrnehmung von Natur. Seit zehn Jahren stellt Werdenigg den Edelwiser-Ski, einen Carver, selbst her und vertreibt ihn auch. Der Ski soll eine neue Art des Fahrens ermöglichen: In Kursen vermittelt sie ihre Idee vom harmonischen Carven - wie es ist, mit "Formen und Kräften des Bergs zu spielen" und Skifahren nicht als Kampfsport zu erleben.

Für viele Familien mit Kindern sei der einwöchige Skiurlaub nicht mehr leistbar, sagt Werdenigg. Die Hüttenpreise seien astronomisch, Selbstversorgerräume fehlten meist. Bergbahnen seien preislich zu unflexibel: Die satten Spannen ließen etwa Ermäßigungen bei Schlechtwetter zu. Wie eine Piste nach Werdeniggs Geschmack aussehen könnte, überlegt sich James G. Skone, Designprofessor an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Mit Studenten entwickelt er kommendes Semester Gegenentwürfe zum Brutalskitourismus, abseits der rüden Schwarz-rot-blau-Ästhetik.

Interesse an der Umsetzung besteht. Der Kühtaier Tourismusdirektor und Hotelier Christian Stolberg plant im Skigebiet eine eigene Chill-Out-Piste, wo die Tempobolzer draußen bleiben müssen. In der Schweiz sind solche Rückzugsgebiete bereits eingeführt. Ein Pendant in Österreich fehlt. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.2.2010)

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