Bewährtes in neuen Variationen

Karl Sigmund, 20. Februar 2010 17:30
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Mathematik, um die Welt auszuleuchten: Rudolf Taschner unternimmt wieder einen seiner Spaziergänge durch die Kulturgeschichte

Seit bald zweihundert Jahren wächst das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Popularisierung. Im Englischen wird sie als "Pop Science" bezeichnet und im Französischen als "vulgarisation", was alleine schon zeigt, wie vielfältig hier die Zugänge sein können. Wie steht es damit in Wien? Wir sind weit davon entfernt, ein Wissenschaftsmuseum zu besitzen, das sich mit jenem Barcelonas messen könnte, und wer das ORF-Wissenschaftsprogramm mit britischen oder bayrischen Vorbildern vergleicht, muss in Depression verfallen. Doch zum Trost gibt es bei uns eine Einrichtung, um die uns andere beneiden können: Das sogenannte "math.space" im MQ, das von Rudolf Taschner betrieben wird.

Nicht selten drängen sich fünfhundert Zuhörer zu Taschners Vorträgen. Mehr erlaubt die Feuerpolizei nicht. Viele wissen das und kommen früh, und ihr erwartungsvolle Raunen weist darauf hin, dass ein Event ins Haus steht.

Das Publikum ist von jenem im Konzerthaus kaum zu unterscheiden, außer durch die bemerkenswerte Anzahl junger Leute. Taschner hat viele begeisterte Anhänger. Das muss einer Besprechung seines neuesten Buches (im ALBUM schon als Tipp gewürdigt) vorausgeschickt werden: Denn Rechnen mit Gott und der Welt richtet sich an einen weit größeren Leserkreis, ist aber entscheidend geprägt durch die Vorträge im math.space und ihr Publikum. Dessen Ansprüchen zu genügen ist nicht leicht. Es erwartet Neues, und zwar in rascher Folge, am besten monatlich; andererseits soll dieses Neue doch dem bewährten Rezept folgen, also "mehr vom selben" sein. Die Taschnerianer haben da ähnlich feste Vorstellungen wie Konzertabonnenten.

Zum Glück kann Bewährtes fast unbegrenzt variiert werden. Taschner vertraut Vertrautem: den platonischen Körpern, musikalischen Tonfarben, astronomischen Weltvorstellungen, dem goldenen Schnitt, den Launen des Münzwurfs und Pythagoras in all seinen Aspekten. Das wird immer aufs Neue kombiniert, wie im Kaleidoskop, und immer wieder auf andere Gebiete projiziert, mit souveräner Virtuosität. So heißen denn auch die Kapitel etwa "Mathematik und Wirtschaft", "Mathematik und Kunst", "Mathematik und Moral" und sogar "Mathematik und Fußball" (mit besonderer Berücksichtigung des abgestumpften Ikosaeders).

Wie Taschner selbst im Vorwort ankündigt, berichtet er nicht über Mathematik. Vielmehr setzt er sie ein, um andere Themen auszuleuchten, in freien, scheinbar schwerelosen Assoziationsketten, die wie Spaziergänge durch die Kulturgeschichte wirken. Man muss nicht mit allem einverstanden sein. Mir persönlich ist Taschners Deutung des Zufalls in der Evolution ein wenig zu postmodern. Und wenn er die Sicherheit der Mathematik so entschieden auf dem Zählprozess gründet, so will mir scheinen, dass die historische Rolle der Geometrie allzu kurz kommt. Dort wurde ja das Beweisen zur hohen Kunst entwickelt. Doch Taschner hat wohl nicht die Absicht, zu dieser oder jener Meinung zu bekehren. Er unterscheidet zwischen "Wissenden" (etwa Galilei, dem klar war, dass sein Widerruf der Astronomie keinen Schaden zufügen konnte) und "Glaubenden" (wie Giordano Bruno, der für sein Weltbild auf den Scheiterhaufen ging). Das erlaubt es, jedem Widerspruch mit Milde zu begegnen.

Es gibt unter meinen Kollegen den einen oder anderen, dem Taschners wortgewandte Vermittlung des Genusses, den die Mathematik bereiten kann, etwas zu glatt erscheint. Vielleicht meinen sie auch, dass eben dadurch eine ganz besondere Art mathematischer Freude zu kurz kommt: nämlich jene, nach angestrengtem Nachdenken ein Problem plötzlich lösen zu können. Ein distinguierter Rezensent von Taschners Buch hat sich ein paar Formeln gewünscht. Vielleicht wären ihm schon ein paar Denksportaufgaben recht gewesen. Der Verlag, der Taschners Buch erlesen illustriert hat, würde sich wohl nicht zieren. Aber es wäre ein Stilbruch.

Der Mathematik kann man sich auf vielerlei Wegen annähern. Nur wenige sind so verführerisch wie jener, der im math.space entwickelt wurde. Taschners Buch ist ein probates Mittel gegen den Widerwillen, den allzu viele mit dem Schulfach verbinden. (Karl Sigmund, DER STANDARD, Print-Ausgabe, Album, 20./21. Februar 2010)


Publikation

Rudolf Taschner.
"Rechnen mit Gott und der Welt".
€ 22,00 / 240 S.
Ecowin, Salzburg 2009.
ISBN 978-3-902404-78-7.

Zur Person
Karl Sigmund ist Professor für Mathematik an der Universität Wien.

Solist
21.02.2010 14:22
Vielleicht wird das ein Avartar im Web, der den Kids Mathe nahe bringt!

Immer abrufbereit, mit tollen Beispielen aufzeigend und die Lehrkörper müssten nicht vor jeder Stunde eine Stunde den alten Stoff neu einüben.

Nach dem Motto "Haltet den veralteten Lehrkörper fern" könnten wir Erfolge in der Bildung verbuchen und der Lehrkörper könnte seine Arbeitsstunden von 607 je Jahr auf 500 Schulstunden zur Qualtiätsverbesserung reduzieren.

Damit unsere Kinder ein Chance bekommen.

jokergirl
22.02.2010 13:45

Hm, das hat aber jetzt nicht wirklich was mit Prof. Taschner zu tun...
(der übrigens auch ein Lehrbuch für Mathematik herausgebracht hat, wäre vllt. einmal etwas, zuerst dort nachzuschauen.)

;)

1komma144729886
21.02.2010 21:43
???

was bitte ist mit "vor jeder stunde den alten stoff einüben" gemeint? die vorbereitung? als müssten "alte hasen" den stoff einüben, den sie schon jahrzehnte erklären mussten ...

qualitätsverbesserung dadurch? haben sie auch nur ansatzweise eine ahnung vom lehrerjob? die einzige verbesserung wären mehr stunden beim gleichen stoff mit stützlehrern, damit differenziert geübt und gelernt werden kann, nicht stets weniger unterricht.
daneben müssten neue konzepte für die kinder von heute entwickelt werden, denn unsere "armen tschaperln" haben leider keine ahnung vom aufbauenden lernen und versinken zumeist heillos im kurz-vor-der-schularbeit-totüben und nachher-schnellstmöglich-vergessen, dass ebbinghauses vergessenskurve blass wird vor neid.

Frotzel
23.03.2010 10:45
Gemeint ist das Inkasso beim zu Hause sitzen und Nichtstun - bezahlt als Arbeitstunde!

So ähnlich wie Sozialbetrug?

John Sandwich
22.02.2010 11:54
sogenanntes Bulimie-Lernen

1komma144729886
22.02.2010 15:29

danke, das trifft es genau.

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