Ob Falco die Freunde hatte, die er verdiente, vermag man nicht zu beurteilen - Fest steht, dass etliche, die sich seine Freunde nennen, auch gut an ihm verdienen
Falcos Grabstätte - Tor 2, Gruppe 40, Grab 64 - ist mit Abstand die auffälligste, geschmackloseste und natürlich eine der meistbesuchten auf dem Zentralfriedhof. Frische Blumen liegen dort, Kerzen brennen, dazwischen flattern im Wind ein paar Fanbriefe, jede Woche neue. Auf einer großen Glasplatte ist Falco mit schwarzem Umhang abgebildet, so wie auf dem Cover seiner Platte Nachtflug. Im Titellied sang er: "Er bucht den Nachtflug einmal täglich / Zur Sicherheit den Heimweg auch / Lichtjahre Luxus - vergeblich / Es bleibt beim harten Puls im Bauch." Hans Mahr faltet die Hände und schließt die Augen.
Als Hans Hölzels Mitsubishi Pajero frontal mit einem Bus kollidierte, am 6. Februar 1998, war er sofort tot, der Hölzel, der Falco. Polytrauma, multiples Organversagen, nichts zu retten. Eine bittere Obduktionspointe am Rande: Herzriss. Das Herz, sang doch Falco einst, geht so lang zum Messer, bis es sticht. Mahr hat bei der Beerdigung gemeinsam mit Rudi Dolezal zu den Klängen von Falcos Dylan-Interpretation It's all over now, baby blue den Barhocker, auf dem sitzend Falco dieses Lied in Konzerten immer gesungen hatte, dem Sarg hinterdrein ins Grab geworfen. "Was vorbei is, is vorbei - Baby Blue", sang Falco vom Band, man konnte es weithin auf dem Zentralfriedhof hören. "Ohne Wien ging's nicht - und mit Wien schon gar nicht", sagt Mahr, verneigt sich und geht von dannen, zurück nach Köln, wo nicht so viel geraucht wird wie in Wien.
In Wien rauchen sogar Friseure während der Arbeit: Michael Patrick Simoner zum Beispiel. Tagsüber schneidet er rauchend Haare, und an ungefähr 200 Abenden im Jahr tritt er als Falco auf. Maria Hölzel habe ihn "quasi adoptiert" , sagt er; nachdem sie seinen ersten Auftritt als Falco-Wiedergänger gesehen hatte, habe sie ihn gar "sozusagen autorisiert" , die Lieder ihres Sohnes zu singen, und damit er das noch wirkungsvoller tun kann, hat sie ihm die Bühnengarderobe des Toten zur Verfügung gestellt. Der ganze Salon hängt voll mit Falco-Bildern, denkt man auf den ersten Blick, doch sind das Bilder des Friseurs - in Falco-Kostümen. Die Wiener Falco-Spezialisten sagen, Simoner sei "a bissl oarg, a bissl mühsam", er halte sich ja mittlerweile tatsächlich für den Falco auf Erden.
Simoner schießt zurück, Schere und Zigarette in der Hand, er ist jetzt sehr aufgeregt: "Nehmen S' zum Beispiel den Falco-Film, so was ist doch das Hinterletzte, Leichenfledderei!" Alles darin sei gelogen, das fange schon bei den Kostümen an, Fälschungen seien das, die Originale habe schließlich er. Ist nicht der Film ein, nun ja, Film? Papperlapapp! Eigentlich sei er die erste Wahl für den Hauptdarsteller gewesen, sagt Simoner, das solle man nicht schreiben, aber so sei es gewesen, nur habe er es dann nicht gemacht, weil "der Mutter" , also Maria Hölzel, das Drehbuch nicht gefallen habe. Zum Beispiel schmeiße Falco im Film eine Frau auf einen Glastisch, und, Verzeihung, so sei das ja gar nicht gewesen. Falco selbst sei einmal besoffen auf einen Glastisch gefallen, Simoner weiß sogar noch, woher er da gerade kam, der Falco. Simoner war praktisch dabei. Man könnte fast sagen, dass Simoner selbst auf den Glastisch gefallen ist. Ein Hund kommt herein, der tatsächlich Falco heißt. Simoner streichelt ihn.
Im Café Ritter sitzt Thomas Roth, der Regisseur des besagten Films Verdammt, wir leben noch, Kinostart ist pünktlich zum zehnten Todestag. Roth trägt Jogginghose, Vollbart, Brille - und schmunzelt. Der Friseur? Ach, der Friseur! Zu keinem Zeitpunkt habe man daran gedacht, den zu besetzen. Roth labert, es sei "gelungen, dem Mythos von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll sehr nah zu kommen" , und jetzt ahnt man, dass die Geheimnistuerei nicht grundlos ist, das klingt ja fürchterlich. Hans Mahr hatte den Film schon gesehen und sehr geschimpft, es werde darin nur Falcos ausschweifende, exzessive Seite gezeigt, nicht aber, dass und warum er ein so großer Künstler war. Wenn einer so viele Millionen Platten verkauft hat, müsse wohl irgendwas dran sein, mault Mahr. Soso, der Mahrhansi wolle ihn schon gesehen haben, den Film? Könne er gar nicht - behauptet Roth. "Schmarrn" , sagt Mahr, "sie wollten ihn ja ins Ausland verkaufen, da ham s' mir den natürlich gschickt."
Die Messer san gschliffn
Langsam bekommt man eine Ahnung davon, was Wiener meinen, wenn sie sagen, in Wien sei es nicht auszuhalten. Man erkundigt sich in harmloser Rechercheabsicht ein wenig - und schwups, steht man mittendrin im Kreuzfeuer paranoider Grabenkämpfer, watet in einem Dickicht aus Gerüchten, Verleumdungen und Widersprüchen; nicht sehr appetitlich, aber hochamüsant. Roth lehnt sich zurück: "Des woaß i eh, da san die Messer schon gschliffn! Wenn die Mythos-Beschützer die san, die nach Falcos Tod als große Freunde ins Licht getreten san - vor denen hob i kaane Angst."
Natürlich geht es ganz handfest um Geld: Abenteuerliche Geschichten ranken sich um die Vollstreckung des Testaments, plötzlich tauchten dubiose Bierdeckel-Schuldscheine auf, verschiedene zweifelhafte Personen sollen sich bereichert haben, es gab allerlei Prozesse; die als Alleinerbin eingesetzte Mutter hat nach mehreren Schlaganfällen inzwischen einen Vormund, es ist alles sehr kompliziert. Ob Falco die Freunde hatte, die er verdiente, vermag man nicht zu beurteilen, fest steht aber, dass es eine sich Freunde nennende, nicht kleine Zahl Menschen gibt, die an ihm verdient. Einem berühmten Spruch Falcos nach hat die 80er-Jahre nicht miterlebt, wer sich noch an sie erinnern kann - und genauso haben viele, die sich heute besonders gut an Falco erinnern zu können behaupten, ihn eventuell gar nicht gekannt. Oder sie haben ihre Erinnerungen an ihn mittlerweile zu oft formuliert, als dass sie noch wahr sein könnten. Statt an die Person Falco erinnern sich die Wiener Erinnerungsfanatiker nur mehr an die nachrufenden Erzählungen; das Ende im Sinn, wird auch der Weg dorthin derart schlüssig verdichtet und zugespitzt, dass man allenfalls eine Wachsfigur nach diesen Angaben modellieren kann: Falco war Genie und Depp, Charmeur und Arschloch, reich und verschuldet, manisch und depressiv, Angeber und Angsthase, nüchtern ein Engel und berauscht aber der Teufel - er selbst hat das natürlich in Rock me Amadeus viel schöner gedichtet, als er über Mozart (und sich) sang, "Er hatte Schulden, denn er trank / Doch ihn liebten alle Frauen" und "Er war Superstar, er war populär / Er war so exaltiert, because er hatte Flair" .
Unweit der U-Bahn-Station Kettenbrückengasse, an der "Falcostiege" , wartet nun einer, der Falco wirklich gekannt hat, dafür gibt es Zeugen und es gibt Fotos: Conny de Beauclair, eine Wiener Türsteherlegende aus dem Club "U4" , dem Nachtleben-Ort zu der Zeit, als aus Hans Hölzel "Falco" wurde, der den Club im Liedtext Ganz Wien verewigt hat - "Im U4 geigen die Goldfisch'" . Heute geigen sie dort nicht mehr so, es finden eher Studentenpartys statt, aber zu Falcos Geburts- und Todestag immerhin regelmäßig Gedenknächte. In diesem Jahr wird dort auch der Doppelgängerfriseur auftreten, er wird "das Original-Hemd aus Falcos Titanic-Video" tragen, schwarz mit weißen Punkten. Unter dem Straßenschild "Falcostiege" fehlt neuerdings die Tafel mit der Inschrift: "Falco" Hans Hölzel (1957-1998), Popsänger, eroberte 1986 mit "Rock me Amadeus" die internationalen Charts.
Jemand hat sie abmontiert, es gibt also noch richtige, mutige Fans, insofern lebt das Werk. Gut so, oder? Geht so, sagt Conny de Beauclair und erzählt von Leuten, die kartonweise Memorabilia aus Falcos Landsitz in Gars am Kamp herausgetragen haben, nach seinem Tod. Die so Beschuldigten erzählen ebenfalls von solchen Raubzügen, allerdings bezichtigen sie wiederum andere namentlich. Wer weiß schon, was hier die Wahrheit ist? In Wien weiß es leider jeder, pro Falco-Zeuge gibt es eine Wahrheit, mindestens.
Conny de Beauclair hat Maria Hölzel erst bei der Beerdigung ihres Sohnes kennengelernt, sie mochten einander auf Anhieb, noch heute besucht er sie regelmäßig. Zwar sei sie geizig, sagt er, aber sie habe ihm eine goldene Lampe geschenkt, Falcos Schreibtischlampe. Als Folge der Schlaganfälle könne sie nurmehr "Datisda" sagen, "Datisda" entgegne sie auf jede Frage, und es gebe nur wenige, die verstehen, was sie damit sagen wolle. In diesem Fall hätte "Datisda" gemeint, er solle bitte diese Lampe an sich nehmen.
Im nächsten Friseursalon spätestens wird man endgültig kirre: Erich Joham, der Udo Walz Wiens, der hinter vorgehaltener Hand höchst stolz die Liste seiner prominenten Kunden aufzählt, so verschwörerisch, als breche er gerade ein Arztgeheimnis oder so etwas, der also bietet an, "ein Video aus dem Jenseits" zu zeigen. Bitte, was? Auf dem Bildschirm sieht man, wie er Falco die Haare schneidet. Die Aufnahme stammt aus dem Winter 1996, Falco spricht anlässlich seines bevorstehenden 40. von den Feierlichkeiten zu seinem 30. Geburtstag, aber das macht ja nichts, man muss es nur anders sehen, eben als Video aus dem Jenseits, dann wirkt es gleich besser. Also spricht der gestorbene Falco nun aus dem Friseurfernseher: "Februar vor zehn Jahren, kannst dich erinnern?" Friseur Joham triumphiert, und Falcos Gerede ist sehr schwer zu verstehen, da Joham immer, wenn es interessant wird, dazwischenkreischt: "Host des gheert? Willst des nochamoal hörn?" Dann spult er zurück, Falco setzt zu sprechen an - und Joham schreit: "Da! Host des gheert? I spul's gern nochamoal zrück." Nach und nach beginnt man zu verstehen, wie Falco auf die Idee kommen konnte, von Wien in die Dominikanische Republik überzusiedeln. Im Rausgehen hört man ihn im Jenseits-Video wunderbar gelangweilt zu Joham sagen: "Noch was zur Lage der Nation? Nicht von mir, ich fahr in die DomRep."
Sie ahnte nicht, wer da wohnte
Am Abend wird es richtig deprimierend, Johams Kollege Simoner tritt beim "Wiener Finanzball" im Palais Auersperg als Falco auf. Der echte Falco drehte hier das Junge Römer-Video, heute gibt es nach der "Tombola mit vielen Preisen" und dem "Scherenschnittkünstler Janko Schukaroff" die "Mitternachtseinlage ,A Tribute to Falco‘ mit Michael P. Simoner" . Der singt natürlich den Kommissar, und die Zeile "Drah di ned um" bekommt eine neue Bedeutung, wenn man sie - nach dem Video aus dem Jenseits etwas metaphysisch gelaunt - als Grußbotschaft Richtung Zentralfriedhof interpretiert.
Um die Wallfahrt zu komplettieren, noch ein Besuch in Falcos letzter Wohnung, Schottenfeldgasse 7. Es brennt Licht, und aus der Gegensprechanlage blecht eine junge Frauenstimme. Die Schauspielerin Hilde Dalik öffnet die Tür. Als sie die Wohnung vor drei Jahren angemietet hat, ahnte sie nicht, wer da gewohnt hatte, aber als der Makler es ihr erzählte, nahm sie das als "voll gutes Zeichen" , denn Falcos Musik hat sie immer gern gehört.
In einer Falco-Dokumentation der unvermeidlichen DoRos hat sie ihre Wohnung wiedererkannt, "da hingen die Nitsch-Bilder" , sagt sie - und zeigt auf die weiße Wand. Und weil Falco nun mal Falco war, stand davor ein schwarzes Ledersofa. Jetzt steht da ein Wäscheständer. Irgendwelche Reliquien? Aber ja! An der Innenseite der Tür zum begehbaren Kleiderschrank klebt tatsächlich noch eine David-Bowie-Fototapete, schwarz-weiß, Amerikaflagge im Hintergrund, und weil zwischen dem großen Bowie-Bewunderer Falco und Hilde Dalik nur noch Maria Hölzel hier wohnte, darf man annehmen, dass Falco tatsächlich Bowie, diesen Schwarz-Weiß-Bowie, vor Augen hatte, wenn er sich anzog. Somit ist man endlich wieder bei der Musik, wurde auch Zeit nach all den Friseuren.
In einem Kellerstudio beginnt der Musiker und Produzent Thomas Rabitsch seine Nachtschicht. Rabitsch hatte mit Falco seit Jugendtagen in Bands gespielt, in berüchtigten Wiener Chaotentruppen zunächst und später dann als Falco & Band in Japan und wo nicht überall. Bis zum Schluss haben sie immer wieder gemeinsam Musik gemacht, und Rabitsch macht sogar nach dessen Tod mit Falco Musik: Mit dem DJ Peter Kruder mischt er ein Lied aus dem Nachlass neu ab, es heißt Die Königin von Eschnapur, Falco und Rabitsch hatten es 1995 zusammen geschrieben. Rabitsch testet jetzt, ob Bollywood-Streicher im Hintergrund passen, und dann singt Falco, dass die Kellerwände wackeln: "Lebend begraben / Werden sie uns nie" und "Was von uns überbleibt / ist alles original".
Nein, niemand, kein Regisseur, kein Friseur, kein superguter Wiener Freund kann das Werk dieses Genies beschädigen, wenn es auch noch so viele Wiener ausdauernd versuchen. Peter Kruder hat extra für diese Studionacht einen Falco-Bildschirmhintergrund auf seinem Laptop installiert: Falco grinsend, am Piano sitzend. Solange der Falco grinse, sei alles in Ordnung, was sie hier tun, sagt Kruder. "Siehst, noch gfallt's ihm." Dann wird der Monitor dunkel, Energiesparmodus. Kruder tippt auf eine Taste, die Arbeit geht weiter - Falco ist wieder da. Und grinst. (Benjamin von Stuckrad-Barre, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.02.2010)
Hinweis:
Der (hier gekürzte) Text wurde 2008 anlässlich des
Todestages von Falco am 6. 2. 1998 geschrieben. Er erscheint in
Stuckrad-Barres neuem Buch Auch Deutsche unter den Opfern (ab 22. Februar).
Zur Person:
Benjamin von Stuckrad-Barre, geb. 1975 in Bremen, ist deutscher Popliterat und Journalist (u.a. für Die Welt, Rolling Stone). Zuletzt erschien Was.Wir.Wissen (2006).