Mit offenen Armen in den Überwachungsstaat

Andreas Huber, 22. Februar 2010, 18:01
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    foto: apa/robert jaeger

Wie PassantInnen die Videoüberwachung im öffentlichen Raum bewerten

Fingerabdrücke im Pass, Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und die geplante Einführung von Nacktscannern markieren die letzten Entwicklungen im Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus. Um die Sicherheit der BürgerInnen zu gewährleisten, so wird argumentiert, müsse der Staat auch mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet werden. Die Effektivität derartiger Maßnahmen scheint dabei oftmals außer Frage zu stehen. Der Soziologe Robert Rothmann untersuchte in seiner Masterarbeit Akzeptanz und vermitteltes Sicherheitsgefühl durch Videoüberwachung an den "Kriminalitätsbrennpunkten" Schwedenplatz und Karlsplatz.

Verflechtungen: behördliche und privatrechtliche Überwachung

Als wichtigste Grundlage für die behördliche Videoüberwachung gilt die Novellierung des Sicherheitspolizeigesetzes (SPG) im Jahr 2005, wodurch die Überwachung an so genannten Kriminalitätsbrennpunkten ermöglicht wurde. Der Start erfolgte im Februar desselben Jahres in der Shopping City Süd, woraufhin bis zum heutigen Tag 17 weitere Videoüberwachungssysteme - vordergründig in den Landeshauptstädten - installiert wurden.

Wie Rothmann darlegt, hat die Exekutive aber auch Zugriff auf das Bildmaterial privatrechtlicher Überwachungssysteme - und derer gibt es viele: die ÖBB betreiben 3400 Kameras, die ASFINAG 2300 und die Wiener Linien 1200 Kameras alleine in den U-Bahn-Stationen. Über 900 weitere privatrechtliche Betreiber sind beim Datenverarbeitungsregister (DVR) gemeldet.

Die Kooperation mit den Behörden ist dabei nicht nur auf die nachträgliche Bereitstellung von Videomaterial beschränkt, wie zwei Beispiele illustrieren: So stellen die Wiener Linien der Exekutive die Überwachungsanlage am Karlsplatz zur Verfügung, während die Vorgänge im Bahnbereich Wiens (der ÖBB) via "live-streaming" in die Bundespolizeidirektion Wien übertragen werden.

Verhältnismäßigkeit gegeben?

Die entscheidende Frage aber ist, ob der Betrieb Tausender Kameras die Sicherheit wirklich erhöht. Internationale Studien bescheinigen der Videoüberwachung in der Verbrechensreduktion eher geringe Erfolge. Aufklärungsquoten sind in erster Linie bei ordnungswidrigem Verhalten oder Trunkenheitsdelikten gestiegen. Inwieweit aber erhöht sich das Sicherheitsgefühl der BenutzerInnen dieser "Kriminalitätsbrennpunkte"? Immerhin 77 Prozent der 318 Personen, die am Schwedenplatz und am Karlsplatz von Rothmann befragt wurden, halten die Videoüberwachung an öffentlichen Orten für sinnvoll; 57 Prozent wünschen sich gar eine Ausdehnung. Dabei zeigt sich, dass die Akzeptanz sinkt, wenn man selbst und nicht die anderen zum Objekt der Beobachtung werden: Befürworten 97 Prozent die Überwachung in Banken, sind es für den Arbeitsplatz nur noch 11 Prozent; die Überwachung in Schulen wiederum wird von Unter-30-Jährigen klar abgelehnt (76 Prozent), von Personen über 60 klar begrüßt (64 Prozent). Die anderen dürfen und sollen also beobachtet werden.

Erhöhen mehr Kameras aber wirklich das Sicherheitsgefühl? Nein, so die These Rothmanns, denn die befragten Personen, die über die Videoüberwachung am Schweden- bzw. Karlsplatz Bescheid wussten, fühlten sich nicht sicherer als Personen, die über das Überwachungssystem nicht informiert waren. Ein gewichtiges Argument für die Videoüberwachung, die Erhöhung des Sicherheitsgefühls, kann daher - der These des Autors folgend - empirisch nicht nachgewiesen werden.

"Gefühlte Sicherheit durch Unwissenheit"

Weshalb spricht sich dennoch eine überwiegende Mehrheit für die Videoüberwachung aus? Weil zwei Drittel der Befragten die Meinung vertreten, Videoüberwachung verbessere die Sicherheit der Bürger. Genau hierin liegt aber der Trugschluss, denn eben dieser Effekt ließ sich empirisch nicht nachweisen. Denkbar wäre, dass diese "gefühlte Sicherheit durch Unwissenheit" auf die vor allem positive Darstellung der Videoüberwachung in den Medien zurückzuführen ist. Der zweite Grund für die hohe Akzeptanz ist die Gleichgültigkeit vieler Menschen in Bezug auf die eigene Privatsphäre: Lediglich 26 Prozent fühlen sich durch Videoüberwachung beobachtet, nicht einmal die Hälfte der Befragten (46 Prozent) betrachtet sie als Eingriff in die Privatsphäre. Schließlich habe man bei rechtstreuem Verhalten nichts zu befürchten - meinen 77 Prozent der interviewten PassantInnen.

Rothmann gelingt mit seiner Arbeit eine skizzenhafte Bestandsaufnahme zu einer in Österreich bislang nur wenig erforschten Thematik. Er unterstreicht, dass in punkto Videoüberwachung durchaus mehr Zweifel angebracht wären, als es derzeit der Fall ist. Weitergehende Auseinandersetzungen mit Überwachung in Österreich wären alleine schon aus diesem Grund wünschenswert.

Die Masterarbeit "Videoüberwachung als Instrument der Kriminalprävention. Eine Analyse von Akzeptanz und Sicherheitsgefühl auf ausgesuchten Wiener Kriminalitätsbrennpunkten" von Robert Rothmann ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.


Der Autor

Robert Rothmann (M. A.) studierte Soziologie an der Universität Wien und ist derzeit in der Bildungsforschung tätig.

Der Rezensent

Andreas Huber (Mag. phil.) studierte von 2003 bis 2009 Geschichte und seit 2005 Soziologie an der Universität Wien.

 

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 113
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Jens Kampe
00
11.7.2010, 12:53
Ja seitdem es die Videoüberwachung gibt...

...kann ich auch nicht mehr so unbeschwert durch die Straßen tanzen.

schwarze löcher nicht nur im weltraum
00
jahhh

der mensch ist so blöd u. glaubt es sei zu seinem schutz und muß so sein....
w

PeKoV
00
10.6.2010, 09:54
Auswertungen strikt kontrollieren statt Aufnahmen verbieten ...

In jedem Notebook ist eine Video-Cam eingebaut - stört offensichtlich niemanden. Nicht die Video-Cam ist also das Problem oder gar eine Freiheitseinschränkung sondern eine nicht anlaßbezogene Auswertung !

Video-Aufzeichnungen kann und soll man genau so sicher machen in der Auswertung wie Kontodaten. Es gibt Millionen Konten und trotzdem große Sicherheit.
Zugriffe mit Delikten und Berechtigungen koppeln und protokollieren. So wird auch unser Internet überwacht.

Es ist an der Zeit, diese Maßstäbe auch für Video-Aufzeichnungen anzulegen anstatt eine der wirksamsten Präventiv- und Aufklärungsmaßnahmen in sturer Wiederholung zu bekämpfen.

Schelmin
05

Those who would give up essential liberty to purchase a little temporary safety deserve neither liberty nor safety. (Benjamin Franklin)

werwolfi
08

"Die anderen dürfen und sollen also beobachtet werden. (...) Die anderen dürfen und sollen also beobachtet werden."

"Lediglich 26 Prozent fühlen sich durch Videoüberwachung beobachtet, nicht einmal die Hälfte der Befragten (46 Prozent) betrachtet sie als Eingriff in die Privatsphäre."

der mensch ist wirklich ein trottelviech...

sieht so aus, als würden sich die bürger den überwachungsstaat aber so was von verdienen - diejenigen die es anders sehen, sind die leidtragenden, aber die sind ja die minderheit...

Stinkefinger für Pröll
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die massen lieben es überwacht zu werden...

gesehen u. gesehen werden.
warum: weil hirn fehlt.

zwergleviathan
02
wie lange noch?

bis die Knöllchen von PCs ausgestellt werden die mittels Kameras die Kurzparkzonen überwachen?

wie lange bis die Wiener Linien Geld fürs Schwarzfahren einheben weil man ja auf der Kamera zu sehen ist aber nicht beim Ticket-lösen?

wie lange bis man die Polizei nichtmehr holen muss weil bei der Erwähnung von "Unfall" am Handy der mitlauschende Computer Alarm auslöst?

wie lange noch bis Geldscheine RFID-Tags bekommen und niemand mehr anonym bezahlen kann?

wann ist es endlich so weit daß wir die Gedanken anderer überwachen können?

und wann bekomm ich endlich meinen GPS-chip unter das Schädeldach implantiert?

SK26
00

Kurzparkzonen...dann wär es endlich fair und jeder bekommt eines, nicht nur die, die zufällig erwischt werden....
nur weil man kein ticket löst fährt man nicht schwarz, es gibt jahreskarten, semesterkarten...da ist es eher wahrscheinlich dass es ein zutrittsystem geben würde, welches man nur mit gültigem ticket passieren kann...geldscheine werden nie soetwas bekommen, wenn dann bekommen menschen chips implantiert und geld verschwindet vollkommen, oder nur die kreditkarten bleiben erhalten....

phaidros
20
12.3.2010, 14:08

das wirds alles nicht geben - ist technisch teilweise auch unmoeglich.

Neeo1
00
11.6.2010, 12:45
Gibts - Londoner Mautsaystem,

Sectioncontroll, der Rest dann in 5-10 Jahren!

ChesneyB
00
24.4.2010, 16:37

Ah so?

Handys, die automatisch die Rettung rufen, gibt es jetzt schon. Die erkennen Unfälle mittels Erschütterungssensor und rufen automatisch die Rettung, wenn man nicht innerhalb einer bestimmten Zeitspanne Entwarnung gibt.

phaidros
00

spaetestens nach dem 100.mal, wo so ein handy einem unbemerkt aus der tasche faellt, wird diese glorreiche erfindung auch wieder von der erdflaeche verschwinden.

WeltenBrand
00
sie irren sich

derartige systeme verbreiten sich immer weiter; zwar nicht am handy, aber immer öfter in fahrzeugen verbaut, automatische alarme bei unfällen oder wenn die batterie abgeklemmt wird, inklusive gps-ortung und remote-motorblockade.

zwergleviathan
00
dafür gibts doch den klumpert!

damit eben der staat der sich so an seinen Bürgern vergeht nicht irgendwann von letzteren einer neuen Ordnung zugeführt werden kann installiert man diese ganze Technik.

so stellt man sicher daß man
a) immer genug Dreck gegen andere in der Hand hat um sie aus dem Weg zu räumen wenn sie missliebig sind
b) eine Zusammenrottung von unzufriedenen möglichst schon auflösen kann bevor sie irgendjemandem auffallen und noch mehr unzufriedene anlocken
c) jene die so frech sind für oder gegen irgendwas zu demonstrieren namentlich ausforschen und bestrafen kann

so kann sich wer auch immer überwacht immer einen schönen Vorteil aufrechterhalten....

Goa Gil100
07
26.2.2010, 12:01
mann

stelle sich vor im 3 reich hätte es so ein überwachungssystem gegeben.... ich glaube die geschichte hätte sich zu einem noch größeren übel entwickelt, das vertrauen in den staat, der sich momentan durch korruption ( straftaten) auszeichnet ist einfach viel zu groß..., sollte die regierung gestürzt weden kann sich jemand einen totalitären staat nach seinem belieben aufbauen u. jeglichen formierten widerstand im vorhinein erkennen u. zerschlagen. Es fehlen nur noch drohnen! ( ps huxley u. orwell haben recht :D)

phaidros
00
12.3.2010, 14:14

das 3. reich hat ein viel effizienteres ueberwachungssystem gehabt, aufgebaut auf der angst, niedertracht und feigheit von millionen ottonormalverbrauchern - bespitzelung ist um potenzen wirkungsvoller als jede nur erdenkliche art technischer ueberwachung.

und was heisst "momentan"? zeigen sie mir einen staat, der nicht korrupt ist.

Gegrillte Galle
01
27.2.2010, 08:10
Die Drohnen werden kommen...

Siehe INDECT-Programm.

http://www.indect-project.eu/

Manfred Wimmer
220
25.2.2010, 17:56
Jeder....

..der gegen die durchaus sinnvollen Überwachungsmethoden etwas hat, ist potentziell kriminell.
Diese Leute sollte man sich näher ansehen.

verzweifelter Optimist
00
28.9.2011, 15:59

Troll...

WeltenBrand
00

jeder, der uneingeschränkt für derartige überwachungsmethoden ist, ist auch potentiell kriminell (gilt hauptsächlich für politiker, die die herde unter kontrolle halten wollen).

Heiße Luft
00
14.4.2010, 16:02

wow, respekt HR. WIMMER! SIE beSItzeN Durchaus EIN detektivisches gespür. Ich würde vorschlagen sich beim cia zu bewerben. aber tipp von mir: fangen sie KLEIN an. mit dieser Gabe würde man sie bEIm privaten wachdienST sicher mit offenen armen empfangen;-)

ChesneyB
00
24.4.2010, 16:38

Da ist ein großes I zu viel!

rnix
00
sozusagen

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Nick Tameer
00
15.3.2010, 08:46

Mit Hilfe der Genforschung werden wir hoffentlich bald dazu kommen, solche Leute aus dem Verkehr ziehen zu können, noch bevor sie Unheil anrichten konnten!

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