Fehlende soziale Interaktion

"Fernseh-Kinder" brau­chen häufiger Therapien

19. Februar 2010, 14:37
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    foto: apa/robert jäger

    Sprechen lernt man nicht vor dem Fernseher: Für die sprachliche - und natürlich auch motorische Entwicklung - ist es wichtig, dass die Kinder sich und ihre Umwelt im richtigen Leben wahrnehmen.

Fast jedes zweite Schulkind braucht therapeutische Unterstützung - Der Austausch mit anderen Kindern ist extrem wichtig

Hamburg/Wien - Rund die Hälfte der Schulkinder hat bereits zumindest einmal therapeutische Unterstützung bekommen. Zu diesem Schluss kommt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der deutschen Techniker Krankenkasse (TK). Demnach hat jedes vierte Kind zwischen sechs und 18 Jahren Sprachtherapie (Logopädie) erhalten, fast jedes fünfte Ergotherapie und ebenso viele Kinder waren bei der Krankengymnastik. Mindestens eins von zehn Kindern wurde psychotherapeutisch betreut. Zudem ergab die Umfrage, dass Mädchen deutlich häufiger betroffen sind, nur knapp 40 Prozent der therapierten Kinder waren Buben.

"Erfreulicherweise gibt es inzwischen sehr gute Möglichkeiten, Kinder mit Entwicklungsproblemen therapeutisch zu unterstützen. Dass mittlerweile aber fast jedes zweite Schulkind therapieerfahren ist und diese Tendenz sogar zunimmt, ist bemerkenswert. Es wirft die Frage auf, ob wir den Kindern in ihrem Alltag ausreichend Anreize und Raum geben, sich zu entwickeln", sagt York Scheller, Psychologe bei der TK zu den Zahlen.

"Fernsehkinder" häufiger betroffen

Die TK-Umfrage ergab zudem, dass der Anteil der Kinder, die täglich mehr als zwei Stunden fernsehen, unter Kindern mit Therapieerfahrung größer ist als unter Schülern, die ohne professionelle Hilfestellung groß werden. "Sprechen lernt man nicht vor dem Fernseher. Für die sprachliche - und natürlich auch motorische Entwicklung - ist es wichtig, dass die Kinder sich und ihre Umwelt im richtigen Leben wahrnehmen. Dafür ist der Austausch mit anderen, die soziale Interaktion ganz wesentlich", so Scheller. "Unsere Umfrage zeigt jedoch, dass gerade die Kinder, die heiltherapeutische Hilfe benötigen, seltener mit Freunden spielen als andere. Was für unsere Generation noch selbstverständlich war, sich nach Schule und Hausaufgaben mit Gleichaltrigen zu treffen, gilt heute offensichtlich für immer weniger Kinder. Dabei ist genau dies für sie so wichtig"

Unleistbare Therapie

Auch im Bereich der Psychotherapie sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. So sind in Österreich rund 100.000 Kinder und Jugendliche manifest arm. 14 bis 18 Prozent davon zeigen psychische Auffälligkeiten. Der Versorgungsgrad für Behandlungen sei extrem gering, hieß es bei einer Pressekonferenz des Bundesverbandes für Psychotherapie in Wien. "Wir gehen davon aus, dass es einen Bedarf für Psychotherapie bei 2,1 bis 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen gibt", so Eva Mückstein, Präsidentin des Verbandes.

Der Versorgungsgrad liegt laut Mückstein bei 0,3 Prozent - und nur die Hälfte dieser 0,3 Prozent sind kassenfinanziert. Die andere Hälfte ist auf die geltende Zuschussregelung durch die Krankenkassen angewiesen. Sie zahlen pro Psychotherapie-Einheit 21,80 Euro, eine Einheit kostet 80 Euro. Rund 60 Euro Aufzahlung pro Stunde können sich jedoch gerade arme Familien nicht leisten.  (pte)

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13 Postings
der bunte faschist
00
22.2.2010, 15:44

ich erachte es als glück, ohne fernseher aufgewachsen zu sein und heute auch noch keinen zu besitzen.

das soll kein intelektuell-verbrämtes niederschauen auf andersweitige sein, sondern ist einfach nur ein glück.

360er
 
00
22.2.2010, 12:57
was das fernsehen angeblich alles anrichtet ....

Andrea Balaz
13
21.2.2010, 13:49

Wir haben seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr, meine Tochter ist ohne aufgewachsen.
Sie hat sich zu einem wortgewandten, gebildeten, mäßig sogar sozial interessierten, gerade pupertären Teenager entwickelt, gewohnt in Entscheidungen eingebunden zu werden, gewohnt, dass bei Bedarf jemand zum Sprechen da ist.
Und einem unerschütterlichen Ego was das Recht auf diese Dinge in jeder Kleinigkeit betrifft.

Im Moment sind Eltern natürlich urpeinlich.
Und manchmal bin ich die, die Therapie bräuchte...

Trotzdem, ich finde das war der richtige Weg.
Aber ANSTRENGEND. Naja, pflegeleicht ist ja auch nicht auf der Packung gestanden.

Ein Stein unter vielen Steinen
11
22.2.2010, 07:27

wir haben den gleichen weg gewählt und haben einen ähnlichen zustand zuhause.

dr. horst
01
20.2.2010, 14:48
80 euro kostets deshalb, weil

psychotherpaie in österreich von den freudjüngern dominiert wird und diese eine art mafiöses kartell entwickelt haben.

um psychoanalytischer psychotherapeut zu werden, muss man jahrelang selbst zum psychotherapeuten!
das allein kostet schon viele tausend euro, die ausbildungskurse und die anfängliche supervision durch einen anderen psychotherapeuten kostet ebenfalls locker über 10000 euro.

alles damit der club schön exklusiv bleibt, man viel verdienen kann und nicht zuviel konkurrenz zu befürchten hat.

pesigny
00
19.2.2010, 22:33
80 euro stundenlohn (5)

... ist als eine organisation, um die ökonomischen interessen einer spezifischen berufsgruppe durchzusetzen. darauf kann ich verzichten. nicht verzichten aber will ich auf politisch engagierte personen mit psychotherapeutischer ausbildung, die über den tellerrand ihrer individuellen existenz hinausdenken und sich mit der frage befassen, wie - ohne dabei ökonomisch darben zu müssen - einen sinnvollen beitrag zur gesellschaftlichen entwicklung leisten können. in diesem sinn: rein in die schulen und familien, auch für einen studensatz von 40 euro und, wenn erforderlich, auch 25 euro! why not?

A. Sieberer
13
20.2.2010, 17:05

Why not?
Es wird sie überraschen, aber auch Therapeuten haben Kosten und müssen Sozialversicherung und Steuern zahlen!
Eine von einem renommierten Steuerberater ausgearbeitete Beispielberechnung ergibt für einen Therapeuten mit einem Stundensatz von €42,- bei einer Arbeitsleistung, die einem 40-Stunden Angestellten entspricht, einen Monatslohn von knapp € 850,- 14mal jährlich.
Deshalb gibt es niemanden für 25 oder 40.
Aber ab € 50,- gibt es schon Angebote, weil´s nicht anders geht, nicht weil der Lohn der Leistung gerecht würde!

Shark Abuser
11
21.2.2010, 07:05

Die Mechanikerstunde kostet derzeit 90.-
Psychotherapie ist bei weitem zu billig.

Um den Unterschied in der Ausbildung auch nur halbwegs auszugleichen, sollte Psychotherapie nicht unter 500.- zu bekommen sein.

pesigny
02
19.2.2010, 22:29
80 euro stundenlohn (4)

erwarten, dass sie ihre leistung zu bezahlbaren konditionen anbieten. das argument, dass der wert der arbeit auch an seiner entlohnung gemessen werden muss, überzeugt nicht: verdienen reinigungskräfte, was sie verdienen, insbesondere wenn sie mit der reinigung öffentlicher herrentoiletten beschäftigt sind? mitnichten! verdienen strassenprostituierte, die leben und gesundheit riskieren, um sich zwecks sicherung des ökonomischen überlebens von latenten oder manifesten sexisten und/oder rassisten penetrieren zu lassen, was sie verdienen? mitnichten! und verdienen banker und manager, die sich an der arbeit anderer bereichern, was sie verdienen? mitnichten! eben deshalb ist es geboten, dass die psychotherapeutenvereinigung mehr ...

pesigny
01
19.2.2010, 22:21
80 euro stundenlohn (3)

nicht wirklich überraschen.
aber wenn einem dieses - psychotherapeutisch schwer zu erreichendes - klientel besonders wichtig ist, wie ja die vereinigung der psychotherapeuten glauben machen will, dann würde ich es politisch korrekt finden, den stundensatz sozial zu differenzieren. wie um gottes willen soll sich eine alleinerziehende mutter, die für 800 euro netto 120 stunden im monat bei billa arbeitet, sich mit 60 euro pro stunde an der therapie für ihren drogengefährdeten sohn beteiligen können? das ist absurd. da von der politik und ihrem faktisch hochgradig therapiebedürftigen personal nicht zu erwarten ist, dass mehr geld für psychotherapie bereit gestellt wird, kann man von politisch engagierten psychotherapeuten/innen einen ...

pesigny
00
19.2.2010, 22:14
80 euro stundenlohn (2)

- muss systemisch angelegt sein und die ökologischen und sozialen bedingungen des kindes systematisch berücksichtigen und im therapeutischen prozess praktisch - wie auch immer konkret zu gestalten - integrieren.
dass insbesondere in den sogenannten bildungsfernen unterschichten - aber sicherlich nicht nur dort! - der therapiebedarf besonders hoch sein soll, weil in diesen kontexten die verhaltensauffälligkeiten der kinder besonders krass zutage treten (insbesondere aggressive konfliktlösungsstrategien, sprachliche und kognitive defizite, aufmerksamkeitsdesorganisation und empathielosigkeit u.a.) und in besonders krasser weise den erwartungen der arbeitsgesellschaft widersprechen (potentielle arbeitslose bzw. prekär beschäftigte) - es kann

pesigny
02
19.2.2010, 22:08
80 euro stundenlohn (1)

vielen kritischen punkten in diesem artikel ist zuzustimmen. was mich an des psychotherapeutischen analysen aber etwas arg stört, ist ein mangel an problemanalytischer komplexität und differenzierung. der verlust sozialer interaktionserfahrung ist genauer zu betrachten - und das mit blick auf die strukturellen veränderungen in familien und kindlichen lebenswelten. tatsächlich bedeutet ein leben in der stadt für kinder, dass sie sich in hochgradig technisierten lebenswelten bewegen müssen. wien als stadt ist extrem kinder-ungerecht gestaltet. zwischen parkenden autos, hundstrümmerlhaufen und überfüllten, zumeist neonbeleuchteten kindergartengruppen spielt sich das leben der kleinen ab. psychotherapie - wenn sie denn sinn machen soll -

platz, hirsch!
00
19.2.2010, 22:28
sie sind zwar scheinbar noch am schreiben -

aber ich verstehe ihr posting nicht. mückstein bezieht sich offensichtlich auf den therapiebedarf von kindern in österreich generell. die studie beleuchtet das bild in deutschland und nur teilweise die situation der psychotherapie.

wenn ich an die letzte rechnung bei meinem kfz-mechaniker denke, kommen mir 80EUR für eine leistung von jemandem, der ca 10 jahre in seine ausbildung investiert hat (im vergleich zu einem mechaniker mit 3 jahren bezahlter lehre) nicht sehr hoch vor?

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