Die Online-Ausstellung "Welt der Habsburger" will ab Mai mehr als 600 Jahre Geschichte neu erlebbar machen - per Mausklick und ohne Zuckerguss
In Österreich gibt es in Sachen Vergangenheitsbewältigung noch viele offene Kapitel. "Nicht nur für die Jahre 1938 bis 1945", stellt der Wiener Historiker Karl Vocelka fest. "Dies trifft auch auf die Habsburger zu." Verehrt und verhasst gleichermaßen, prägte die Herrscherfamilie 640 Jahre lang (von 1278 bis 1918) die Geschichte des Landes und Europas. Und sorgt noch heute für politische Diskussionen.
Vergangenheitsbewältigung
Als Ansatz zur Vergangenheitsbewältigung versteht sich die Ausstellung "Welt der Habsburger". Veranstaltet wird sie in einem Ort, der heute einer wachsenden Bevölkerungszahl Zugang zu einst vornehmlich den Eliten vorbehaltenen Bildungsmaterialien ermöglicht: dem virtuellen Raum des Internets. "Anders als ein Buch, ist diese virtuelle Ausstellung ein Projekt, das nie fertig wird, das verändert werden kann", nennt Vocelka den entscheidenden Vorteil für diese Präsentationsform. Ein weiterer Vorteil: 2000 Seiten Text und 1400 Abbildungen hätten in gedruckter Form einen kaum handhabbaren, geschweige denn für jedermann leistbaren Geschichtsfolianten ergeben.
Der Grundstein für das Projekt, das mit 600.000 Euro budgetiert ist, findet sich im Regierungsübereinkommen 2008 der damaligen Staatslenker Alfred Gusenbauer (SP) und Wilhelm Molterer (ÖVP), das für Schloss Schönbrunn die Errichtung eines Habsburg-Zentrums festschrieb. Da angesichts der ständigen Umbauarbeiten in der imperialen Schlossanlage ein physisches Museum sehr schwierig geworden wäre, griff die Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsgesellschaft gerne die Idee auf, im Cyberspace eine Zweigstelle zu eröffnen.
Ohne Zuckerguss
Befürchtungen, dass mit dem Projekt der Habsburg-Mythos im Interesse des touristischen Publikums mit einer weiteren Schicht Zuckerguss getüncht würde, versucht Schloss Schönbrunn-Geschäftsführer Franz Sattlecker im Vorhinein zu zerstreuen. "In den 'Club zur Wiederauferstehung' der Habsburger werden wir damit sicher nicht aufgenommen". Denn die Ausstellung soll vor allem eins sein: "eine kritische Präsentation". Sprich: Das Volk soll nicht zu kurz kommen.
"Die Welt der Habsburger geht über eine reine Dynastiegeschichte hinaus", betont denn auch Sozialhistoriker Franz Eder, der gemeinsam mit Vocelka die Online-Ausstellung kuratiert. Der virtuelle Museumsbesucher soll sich hier ebenso über Arbeitsbedinungen am Hof oder im Erzbergwerk, über Energie- und Umweltprobleme der Epoche, Vergnügungen für Aristokratie und Volk ein Bild machen können.
Ende Mai soll die Ausstellung mit in deutscher Sprache online gehen. Eine Englisch-Version soll Juli/August folgen. In einem Blog können Habsburg-Interessierte den Entstehungsprozess der Website bereits jetzt schon mitverfolgen - und mit der Vergangenheitsbewältigung beginnen. (kat, DER STANDARD, Printausgabe, 19. Februar 2010)