"Amerika muss im Fahrersitz sein"

9. April 2003, 19:46
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Joschka Fischer spricht mit Arafat und Abu Mazen

Dass der deutsche Außenminister Joschka Fischer am Mittwoch als erster wichtiger westlicher Politiker seit Monaten Yassir Arafat in Ramallah aufsuchte, wurde von den Getreuen des Palästinenserchefs wie der Bruch eines Banns gefeiert - die Israelis sahen darin die falsche Weichenstellung für die Zeit nach dem Irakkrieg, in der Fortschritte nach israelischer und US-Lesart nur möglich sind, wenn der designierte Ministerpräsident Abu Mazen aufgewertet wird. Der aber tut sich mit der Regierungsbildung schwer, an der er seit drei Wochen arbeitet.

Fischer, der von den Israelis als Freund geschätzt wird und einigen Einfluss auf Arafat haben soll, hatte in Jerusalem erklärt, er wolle "vor allem zuhören". "Amerika muss im Fahrersitz sein, sonst ist eine Lösung nicht möglich", relativierte der deutsche Außenminister die europäische Rolle, empfahl den Israelis aber gleichzeitig, ihre Beziehungen zur EU zu reparieren.

Der Verzweiflung nahe

Die "road map", der vom internationalen "Nahost-Quartett" getragene Friedensplan, soll veröffentlicht werden, sobald mit dem Amtsantritt eines Regierungschefs ein wichtiger Reformschritt vollzogen ist, Abu Mazen soll aber zuletzt der Verzweiflung nahe gewesen sein, weil Arafat ihm bei der Auswahl seiner Minister dazwischenfunkt.

"Im Gelände" ging der Konflikt nach dem bekannten Muster weiter. Dienstagabend waren bei einem israelischen Raketenschlag in Gaza nicht nur ein Hamas-Kommandant und zwei seiner Assistenten getötet worden, sondern auch vier offenbar unbeteiligte Personen, rund 50 Menschen wurden verletzt. Der 38-jährige Said el-Arabid soll in den letzten zehn Jahren Serien von Terroranschlägen eingefädelt und durchgeführt haben.

Mittwochfrüh schossen Palästinenser wieder Raketen auf Israel und eine jüdische Siedlung ab, worauf Bodentruppen in den Gazastreifen vorrückten. In einem Schulhof in einem Dorf bei Jenin explodierte unter zunächst ungeklärten Umständen ein Sprengkörper und verletzte rund 20 Jugendliche - eine mysteriöse jüdische Gruppe, die sich "Rache der Kleinkinder" nennt, übernahm die Verantwortung. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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