Wifo: Wirtschaft wächst "erneut ungenügend"

9. April 2003, 17:14
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2002 um nur ein Prozent - Auftriebskräfte ließen im zweiten Halbjahr merklich nach

Wien - Mit nur einem Prozent BIP-Anstieg ist Österreichs Wirtschaft 2002 aus Sicht des Wifo "erneut ungenügend" gewachsen. Während im 1. Halbjahr der Aufschwung in Gang zu kommen schien, hätten die Auftriebskräfte im weiteren Jahresverlauf merklich nachgelassen. Am deutlichsten zeigte sich die Konjunkturschwäche laut Wifo-Experten Marcus Scheiblecker im kräftigen Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen, jedoch waren auch die Konsumenten bei Neuanschaffungen sehr zurückhaltend. Die Arbeitslosenrate blieb EU-weit eine der niedrigsten, erklärte Scheiblecker am Mittwoch. Für 2003 sagte die EU-Kommission am Dienstag in ihrem Frühjahrsgutachten 1,2 Prozent voraus, Wifo und IHS zuletzt 1,1 und 1,5 Prozent.

Mitte 2002 habe sich die Stimmung der Unternehmen vor allem wegen der internationalen Börsenkrise und der anhaltend unsicheren internationalen Konjunktur wieder eingetrübt. Die Bruttoanlageinvestitionen der Betriebe sanken im Gesamtjahr real um fast 5 Prozent. Erheblich zurück gingen die Investitionen in Maschinen und Elektrogeräte (-9,5 Prozent) und jene in Fahrzeuge (-8,2 Prozent). Auch die Bauinvestitionen waren rückläufig (-1,2 Prozent), allerdings wesentlich weniger als andere Bereiche.

Konsumenten zurückhaltend

Die öffentliche und die private Konsumnachfrage lieferten mit einer realen Ausweitung von nur rund einem Prozent keinen Beitrag zu einem Aufleben der heimischen Konjunktur. Die Konsumenten waren angesichts der schlechten Arbeitsmarktlage und der Unsicherheiten über ihre künftige finanzielle Situation (auch infolge der Pensionsdebatte) bezüglich Neuanschaffungen sehr zurückhaltend. Der Konsum der privaten Haushalte stieg 2002 real um 0,9 Prozent, nach +1,5 Prozent im Jahr zuvor. Der öffentliche Konsum wuchs hingegen mit real +1,3 Prozent stärker als 2002 (-0,5 Prozent).

Der Außenbeitrag erwies sich im Jahr 2002 als Konjunkturstütze. Zwar fiel das Exportwachstum mit real +2,6 Prozent mäßig aus; wegen der Schwäche der heimischen Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern stagnierte aber der Import (+/-0,0 Prozent). Als Konsequenz verringerte sich das Leistungsbilanzdefizit, und erstmals seit über einem Jahrzehnt war der Saldo ausgeglichen. In geringem Maß gab auch der höhere Dollarkurs des Euro den Ausschlag, der einen Großteil der Importe aus Drittländern verbilligte.

Niedrige Inflation

Die Verbraucherpreise stiegen 2002 gemessen am nationalen VPI um 1,8 Prozent - dank der Beruhigung der Energiepreise in der ersten Jahreshälfte um fast einen Prozentpunkt langsamer als 2001. Die Bargeldeinführung des Euro machte sich laut Wifo nur teilweise in Form von Preiserhöhungen bemerkbar, etwa im Bereich der persönlichen Dienstleistungen und einiger Güter des täglichen Bedarfs. Der harmonisierte europäische Verbraucherpreisindex (HVPI) stieg 2002 im Schnitt um 1,7 Prozent. Damit lag Österreich unter den Euro-Ländern mit der niedrigsten Inflationsrate an dritter Stelle nach Deutschland (+1,3 Prozent) und Belgien (+1,6 Prozent).

Die Konjunkturschwäche verschlechterte die Arbeitsmarktlage 2002 erneut, jedoch blieb die Arbeitslosenrate eine der niedrigsten in der EU. Die Zahl der Arbeitsplätze sank im Jahresschnitt um fast 15.000 (-0,5 Prozent), besonders stark in der Sachgüterproduktion (-2,5 Prozent), im Bauwesen (-2,8 Prozent) und im Verkehrs- und Nachrichtenwesen (-1,8 Prozent). In der öffentlichen Verwaltung hielt der Beschäftigungsrückgang weiter an (-1 Prozent).

Höhere Arbeitslosigkeit

Da das Arbeitskräfteangebot trotz Konjunkturschwäche anwuchs, legte die Zahl der Arbeitslosen mit fast +29.000 unerwartet kräftig zu. Dies ging laut Wifo auf die Zunahme des Angebotes von ausländischen Arbeitskräften und die Anhebung des Antrittsalters für die Frühpension zurück. Nach österreichischer Berechnung stieg die Arbeitslosenquote von 6,1 auf 6,9 Prozent. Nach Eurostat-Definition erhöhte sie sich von 3,6 auf 4,1 Prozent, womit Österreich nach wie vor eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU aufwies.

Im OECD-Raum entwickelte sich die Wirtschaft 2002 mit (vorläufig) 1,3 Prozent BIP-Plus nur wenig besser als 2001 (+0,8 Prozent). Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten im 2. Halbjahr 2002 kam die Investitionsnachfrage nicht in Schwung, die üblicherweise die Basis einer Wachstumsbeschleunigung bildet, wie Wifo-Experte Scheiblecker am Mittwoch in einer Aussendung erklärte: "Vor dem Hintergrund der weiteren Kursverluste an den Weltbörsen hat sich das Vertrauen der ökonomischen Akteure in die Weltwirtschaft eingetrübt."

Die EU-Wirtschaft schien im 1. Halbjahr 2002 wieder an Dynamik zu gewinnen, die Expansion beschleunigte sich jedoch nicht weiter. Im Euro-Raum wuchs das BIP nach vorläufigen Angaben um 0,8 Prozent. Die Konjunkturschwäche kam vor allem von der gedämpften Binnennachfrage. Die öffentlichen Haushalte verhielten sich angesichts der Sparzwänge durch den Wachstums- und Stabilitätspakt eher restriktiv, die Privathaushalte waren mit ihren Konsumausgaben wegen der unsicheren Arbeitsmärkte und der europaweiten Pensionsdiskussion äußerst zurückhaltend. Auch die Betriebe sahen wegen der Verzögerung des globalen Konjunkturaufschwungs und der anhaltenden Unsicherheiten kaum Anreize, ihre Investitionen deutlich auszuweiten.(APA)

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