Strache wirkt viel zu angestrengt beim Versuch, seinen ausländer- und regierungsfeindlichen Phrasen den Schein von Originalität und Esprit zu verleihen
Wenn nur die SPÖ nicht auch noch mit Aschermittwochreden anfängt! Die Verlockung, mit dieser von Franz Josef Strauß erfundenen Kombination aus alkoholgetränkter Faschingslaune und politischer Gehässigkeit mediale Präsenz zu ergattern, ist offenbar zu groß, als dass ihr auch andere als die Bierzeltparteien auf Dauer standhalten könnten. Hat ja auch funktioniert. Peter Pilz ist damit ebenso ins Fernsehen gekommen wie Präsident Leitl, der seinen Kammerwahl-Slogan "Handeln statt Experimentieren" mit der Forderung konterkarierte, irgendwer möge doch Goldman Sachs auf eine EU-Watchlist setzen. Die ÖVP?
Ob Strache pur das Lokal füllen könnte, lockte nicht noch immer der Geist Jörg Haiders zur Einnahme von Fisch und Vorurteil, ist zu bezweifeln. Die meisten Konsumenten kommen aus Nostalgie, sie sind mit den Hohntiraden des Vorgängers älter und gescheiter höchstens insofern geworden, als sie merken, dass die Doublette nicht an das Original heranreicht.
Talent lässt sich nicht durch Haargel ersetzen. Strache wirkt viel zu angestrengt beim vergeblichen Versuch, seinen abgestandenen ausländer- und regierungsfeindlichen Phrasen wenigstens den Schein von Originalität und Esprit zu verleihen. Seine Gagschreiber sind intellektuelle Frührentner, und gäbe es nicht den Krone-Herausgeber, als dessen Wurmfortsatz er in Ried nun ebenfalls den Austritt aus der EU forderte - die Zuhörer hätte schier gar nichts mitbekommen, seine politische Seriosität einzuschätzen.
Wenn er bei den nächsten Wahlen dennoch mit Zulauf rechnen darf, hat das kaum etwas mit eigener Überzeugungskraft zu tun, sondern eher mit dem Bemühen der Koalitionsparteien, ihm durch unwandelbare und nicht zuletzt inseratenmäßige Anbiederung an Dichand und seine Klientel, zuzuarbeiten, getrieben von der Angst, die jeweils andere könnte in deren Gunst voran liegen. Auch eine Art, an die Zukunft des Landes zu denken: Die Öffentlichkeitsarbeit einer Regierung, die sich zur EU bekennt, finanziert unter dem Vorwand von Information die Brachialwerbung für einen Austritt aus der EU. Im Wettlauf um die Gunst der Asylanteneinsperrer hat die ÖVP mit Maria Fekter die Nase vorn. Der Einspruch der SPÖ kommt spät, und was er bewirkt, ist offen.
Dass die Bürger verdrossen sind, verraten nicht nur Umfragen der letzten Tage. Das Vertrauen in die Handlungswilligkeit der Regierung in einer Frage, die den nächsten Landtagswahlen ihren Stempel aufdrücken wird, ist dramatisch gesunken. Wo die Regierung versagt, greifen die Jüngeren zur Selbsthilfe. Sie mobilisieren überparteilich und auf Facebook, wo die angefragte Entscheidung zwischen einem "seelenlosen Ziegelstein" und einem geistlosen FPÖ-Chef mit überzeugender Mehrheit zugunsten der Freundschaft mit dem Ziegel ausgeht. Der Koalition muss ein derartiger Bund unheimlich sein. Fällt dieser Ziegel doch nicht nur Strache, sondern auch seinem Chefideologen in der Krone auf den Kopf, den es unbedingt zu schonen gilt. Denn was sind 120.000 Freunde auf Facebook gegen drei Millionen Leser - und wer weiß, wie eine Entscheidung Ziegel gegen Faymann-Pröll ausfallen würde? (Günter Traxler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.02.2010)