Ziegel gegen "Krone"

18. Februar 2010, 18:52

Strache wirkt viel zu angestrengt beim Versuch, seinen ausländer- und regierungsfeindlichen Phrasen den Schein von Originalität und Esprit zu verleihen

Wenn nur die SPÖ nicht auch noch mit Aschermittwochreden anfängt! Die Verlockung, mit dieser von Franz Josef Strauß erfundenen Kombination aus alkoholgetränkter Faschingslaune und politischer Gehässigkeit mediale Präsenz zu ergattern, ist offenbar zu groß, als dass ihr auch andere als die Bierzeltparteien auf Dauer standhalten könnten. Hat ja auch funktioniert. Peter Pilz ist damit ebenso ins Fernsehen gekommen wie Präsident Leitl, der seinen Kammerwahl-Slogan "Handeln statt Experimentieren" mit der Forderung konterkarierte, irgendwer möge doch Goldman Sachs auf eine EU-Watchlist setzen. Die ÖVP?

Ob Strache pur das Lokal füllen könnte, lockte nicht noch immer der Geist Jörg Haiders zur Einnahme von Fisch und Vorurteil, ist zu bezweifeln. Die meisten Konsumenten kommen aus Nostalgie, sie sind mit den Hohntiraden des Vorgängers älter und gescheiter höchstens insofern geworden, als sie merken, dass die Doublette nicht an das Original heranreicht.

Talent lässt sich nicht durch Haargel ersetzen. Strache wirkt viel zu angestrengt beim vergeblichen Versuch, seinen abgestandenen ausländer- und regierungsfeindlichen Phrasen wenigstens den Schein von Originalität und Esprit zu verleihen. Seine Gagschreiber sind intellektuelle Frührentner, und gäbe es nicht den Krone-Herausgeber, als dessen Wurmfortsatz er in Ried nun ebenfalls den Austritt aus der EU forderte - die Zuhörer hätte schier gar nichts mitbekommen, seine politische Seriosität einzuschätzen.

Wenn er bei den nächsten Wahlen dennoch mit Zulauf rechnen darf, hat das kaum etwas mit eigener Überzeugungskraft zu tun, sondern eher mit dem Bemühen der Koalitionsparteien, ihm durch unwandelbare und nicht zuletzt inseratenmäßige Anbiederung an Dichand und seine Klientel, zuzuarbeiten, getrieben von der Angst, die jeweils andere könnte in deren Gunst voran liegen. Auch eine Art, an die Zukunft des Landes zu denken: Die Öffentlichkeitsarbeit einer Regierung, die sich zur EU bekennt, finanziert unter dem Vorwand von Information die Brachialwerbung für einen Austritt aus der EU. Im Wettlauf um die Gunst der Asylanteneinsperrer hat die ÖVP mit Maria Fekter die Nase vorn. Der Einspruch der SPÖ kommt spät, und was er bewirkt, ist offen.

Dass die Bürger verdrossen sind, verraten nicht nur Umfragen der letzten Tage. Das Vertrauen in die Handlungswilligkeit der Regierung in einer Frage, die den nächsten Landtagswahlen ihren Stempel aufdrücken wird, ist dramatisch gesunken. Wo die Regierung versagt, greifen die Jüngeren zur Selbsthilfe. Sie mobilisieren überparteilich und auf Facebook, wo die angefragte Entscheidung zwischen einem "seelenlosen Ziegelstein" und einem geistlosen FPÖ-Chef mit überzeugender Mehrheit zugunsten der Freundschaft mit dem Ziegel ausgeht. Der Koalition muss ein derartiger Bund unheimlich sein. Fällt dieser Ziegel doch nicht nur Strache, sondern auch seinem Chefideologen in der Krone auf den Kopf, den es unbedingt zu schonen gilt. Denn was sind 120.000 Freunde auf Facebook gegen drei Millionen Leser - und wer weiß, wie eine Entscheidung Ziegel gegen Faymann-Pröll ausfallen würde? (Günter Traxler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.02.2010)

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Posting 1 bis 25 von 27
1 2
farbrauschen
02
19.2.2010, 18:44


traxler, wie er leibt und lebt -
immer wieder ein lichtblick,
oft sogar weit und breit
der einzige...

Harry Y.
 
00
23.2.2010, 18:58

Großartige Kolumne.

scala2
00
19.2.2010, 17:37
Gegen einen Ziegel hat politisch keiner eine Chance

Der Ziegel ist politisch nämlich fast vollkommen Inhaltsleer, da kann sich jeder in seine Stimme für den Ziegel jeden beliebigen Inhalt hineindenken.

Und seit dem wir das perfekte Amorphe, das vollkommen Inhaltsleer, das Geld als Weltbeweger und Erklärer uns religiös zu verehren eingelernt haben sind auch alle darin geübt die Ähnlichkeit des Ziegels auf Facebook diesem in politischer Hinsicht zu erkennen.

Strpüpl Kotu
00
20.2.2010, 23:54
Ja, die Inhalte kommen von den Menschen...

.. und die sind eben nicht xenophob.

Wüstenläufer
00
19.2.2010, 17:35
ist eigentlich ein Hammer,

ich lasse mich bei den nächsten Wahlen als Listenführer der Nichtwähler aufstellen, ich brauche nicht einmal grossartige Parteiwerbung, gar nichts und werde auf Anhieb mit der Regierungsbildung beauftragt...falls nicht wieder so einer...wenn wir Dritte werden, gehen wir in Opposition BK von hinten mit den Rechten mauschelt.

*QED*
20
19.2.2010, 17:14
Politische Gehässigkeit

In dieser Disziplin hätte FJ Strauss von Günther Traxler eine Menge lernen können.

grad ischach
03
19.2.2010, 13:27
Was soll ein bisschen Facebook schon gegen

jahrzehntelange kleinformatige Hirnwäsche ausrichten, zumal die chronischen Nachplapperer der vertrottelten Feindbilparolen ohnedies nicht dort reinschauen?

Philipp Gudenus
 
00
19.2.2010, 13:13
Ist Krone des Heiligen rômischen Reich's

durch Ziegelwurf gefährdet?

opti
02
19.2.2010, 08:34
JA

zu allem - es tut halt nur weh, zu sehen, dass sich unsere politker und zwar alle, diese gedanken aus verschiedenen gründen aber mit gleichem resultat nicht zu herzen nehmen werden
die nächsten wahlergebnisse werden es zeigen

DI Henning
02
19.2.2010, 13:02
Das Problem ist

das es mittlerweile die Wahlergebnisse eben nicht mehr zeigen, weil immer mehr Wähler nicht mehr an der Wahl teilnehmen. Bei den letzen NR Wahlen waren die Nichtwähler mit 30 % die grösste Wählergruppe.

Aufgrund dieses mathematischen Umstands, das Nichtwähler nicht mitgezählt werden, können Koalitionen mit 55 % Mehrheit gebildet werden, obwohl nur ein Bruchteil der Wahlberechtigten überhaupt am Mandat teilgenommen hat.

Wenn es dann erst zu Situationen wie in Rumänien (Wahlbeteiligung weniger als 30 %) kommt, muss man sich schon über die Legitimation Gedanken machen.

Denn der Grund warum Heerscharen von Wahlberechtigen nicht mehr am demokratischen Prozeß teilnehmen ist nicht das schöne Wetter, sondern die Performance der Parteien.

farbrauschen
01
19.2.2010, 19:09
genau. ich hätt so gern, dass in allen diagrammen

und listen nach den wahlen
ausschließlich
nur mehr die bruttoergebnisse
(also die w a h r e n ergebnisse -
in % von a l l e n wahlberechtigten) gezeigt werden dürfen.
dann sieht man auf einen blick, von
wie wenigen
die geschicke des volkes bereits gesteuert werden.

beispiel letzte eu-wahlen:
mehr als 6 millionen (genau 6 362 761) wahlberechtigte,
aber etwa 858tausend övp-wähler werden
als 30% abgefeiert -
das sind in wirklichkeit
nur mehr 13,5% der wahlberechtigten - wahnsinn!,
etwa 680tausend spö-stimmen
als 23,7%
etc.

und die parteienförderung muss sich ab sofort nach den absoluten %zahlen richten, statt dass sich die schrumpfparteien
den immer gleich riesigen förderkuchen behalten und untereinander aufteilen dürfen

opti
03
19.2.2010, 13:09
ganz richtig

@DI Henning
vielleicht könnte derstandard die wahlergebnisse in einer
"sinnerfassenden" weise darstellen, die nichtwähler in der ergebnistabelle als "partei" behandeln und die echten prozente and den wahlberechtigten darstellen

wenn diese zahlen öfter publik gemacht werden, beginnt vielleicht ein denkprozess ..

Außerirdischer
00
26.2.2010, 08:38
Nichtwähler stärken, mathematisch gesehen, den/die Stimmenstärkstenen!

G.W.Bush wurde seinerzeit nur von ca. 20 Prozent aller wahlberechtigen Wähler gewählt! Das "Nichtwählen" bewirkt gar nix!

luquas
51
19.2.2010, 07:19
"...mit dieser von Franz Josef Strauß erfundenen Kombination..."

Leider nicht ganz, Herr Traxler.
In der wikipedia steht zum Thema "Politischer Aschermittwoch zu lesen: 1580 trafen sich bayrische Bauern erstmals in Vilshofen an der Donau zum Vieh- und Rossmarkt und feilschten dabei nicht nur über die Preise, sondern diskutierten auch heftig die Themen des Tages, darunter seit dem 19. Jahrhundert auch die königlich-bayerische Politik."

Emiliano Zapata
 
00
19.2.2010, 13:55

dein zitat sagt ja nur was über das alter von fj strauss aus... erfunden hat er's trotzdem.

hobsch
01
19.2.2010, 11:01
Ähem ...

Das Zitat lautet aber (vollständiger):

"... mit dieser von Franz Josef Strauß erfundenen Kombination aus alkoholgetränkter Faschingslaune und politischer Gehässigkeit ..."

Steht in der Wikipedia im Zusammenhang mit dem politischen Aschermittwoch auch was über "alkoholgetränkt Faschingslaune" und "politische Gehässigkeit"?

luquas
00
19.2.2010, 19:38

Ja eh: ich find' den Traxler ja eh voll supi und treffend und ich wollte ihm ja überhaupt nicht ans Bein pinkeln. Aber: wo steht in meinem Zitat, dass sich die Vilshofener damals frei von politischer Gehässigkeit und alkoholgetränkter Faschingslaune getroffen hätten? FJ Stauß hat 's jedenfalls nicht erfunden und damit basta!

Harry Y.
 
00
23.2.2010, 23:12

Für die Politik aber sehr wohl - ? FJS hat dann den mit Bier eingedeckten Bauern vorgetragen, statt sie vortragen zu lassen...?

hobsch
00
19.2.2010, 23:12
FJ Stauß hat 's jedenfalls nicht erfunden und damit basta!

Traxler behauptet FJS sei der Urheber der "Kombination as politischer Gehässigkeit und alkoholgetränkter Faschingslaune", dem wird hier widersprochen (und damit basta!) - ohne Beleg.

P.S.: Der Vollständigkeit halber: Trotzdem und nochmal Danke für das Zitat über die Urheberschaft des politischen Aschermittwochs.

Tramontana
12
19.2.2010, 09:51
Rotes Stricherl

Warum Sie für diesen zutreffenden Kommentar ein rotes Stricherl kassieren, ist mir schleierhaft. Für eine richtige Tatsachenbehauptung gibt es wohl nur hier im Standardforum, wo die geballte intellektuelle Kompetenz postet, ein rotes Stricherl.

Wenn man es allerdings ganz genau nimmt, so war eigentlich die Bayernpartei nach dem zweiten Weltkrieg diejenige, die den 1919 vom Bauernbund eingeführten politischen Aschermittwoch wieder aufleben ließ. Die CSU unter Franz-Josef Strauß machte ihn dann allerdings bundesweit bekannt.

Harry Y.
 
00
23.2.2010, 23:29

Tja, die geballte intellektuelle Kompetenz dieses Landes hat sich leider vor ein paar Jahren in Richtung höhere Sphären verabschiedet....

Weich ab oh Todt, du kommst zu spat
Dich Reinhardt überwunden hat,
indem er auch nach seinem Todt
Zur Cron der Tugendt lebt bey Gott.
Sein Stamm ihn zwar ein Mandl nennet,
die Tugend doch ein Mann erkennet.

(Um 1650. Eigentlich für einen Herren Viktor Mandl geschrieben)

(Ähm - Für eventuelle Taktlosigkeiten bitte ich i.V. und i.V. um Verzeihung. Es ist nicht so gemeint. Der Spruch aber, fast, ganz ernst. mfG )

hobsch
00
19.2.2010, 11:04

Traxler hat - so lese ich das - nicht behauptet, dass Strauss den politischen Aschermittwoch erfunden hätte, sondern die Kombination aus "akoholgetränkter Faschingslaune" und "politischer Gehässigkeit".

Insofern ist luquas Zitat zwar sehr interessant (danke dafür!), aber (noch) kein Widerspruch zu Traxler.

P.S.: "richtige Tatsachenbehauptung"?

tossi namas
13
18.2.2010, 23:16
Bravo!

gehreropfer
050
18.2.2010, 21:25
Herr Traxler!

Unter fast jeden ihrer Kommentare würd ich "Danke" schreiben, wenns nicht gar so aufdringlich wäre. Also, einmal für die letzten hunder mal: Bleiben Sie dran. Was wäre der österreichische Journalismus ohne Sie!

ehschowissn3
10
19.2.2010, 15:57
naja

als draxler zuletzt bei einer zeitung was zu reden hatte, wurde sie kurz darauf eingestellt.

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