Aktive Sterbehilfe

"Eine g'fährliche G'schicht'"

18. Februar 2010, 18:40

Laut Umfrage der Uni Graz befürwortet eine Mehrheit der Österreicher aktive Euthanasie - Experten sind dagegen

Wien - Ein 79-jähriger krebskranker Mann, der aus medizinischer Sicht bald sterben wird und starke Schmerzen hat, bittet seinen Arzt, ihn mit einer Spritze zu töten - soll der Arzt das tun? Diese Frage stellte ein Umfrageinstitut 1000 Menschen im Auftrag der Uni Graz. 58 Prozent sagten Ja. Der allgemeineren Formulierung - sollen unheilbar Kranke auf Wunsch ein Mittel gegeben werden, das sie tötet - stimmten sogar 62 Prozent zu. 30 Prozent waren dagegen, acht Prozent wollten sich nicht entscheiden. 2000 und 2006 beantworteten nur 49 Prozent die Frage mit Ja, 26 Prozent waren unentschieden.

Würde der Arzt dem Wunsch der Mehrheit folgen, verstieße er gegen das Gesetz. In Österreich ist aktive Sterbehilfe verboten, nur passive ist erlaubt: Wiederbelebung oder das Anhängen an eine Herz-Lungen-Maschine dürfen unterlassen werden, wenn der Patient das vorher bestimmt hat. Mit einer "Patientenverfügung" kann er festlegen, dass lebenserhaltende Maschinen unter bestimmten Bedingungen abgeschaltet werden. Nachhelfen darf der Arzt dem Sterben aber nicht.

So wird es auch bleiben, wenn es nach dem Studienautor und Sozialmediziner Wolfgang Freidl geht. "Eine g'fährliche G'schicht'", nennt er aktive Euthanasie. "Es könnte dann normal werden, sich euthanasieren zu lassen", sagt er. Die Entscheidung würde dann davon abhängen, ob unheilbar Kranke sich eine gute Pflege leisten könnten oder wie sie von ihrer Familie behandelt würden. Außerdem sei unklar, wie mit Wachkomapatienten oder schwer dementen Menschen umgegangen werden würde. In den Niederlanden, wo aktive Sterbehilfe erlaubt ist, gebe es etwa 1000 dokumentierte Fälle von aktiver, nichtfreiwilliger Sterbehilfe pro Jahr - die Dunkelziffer sei wahrscheinlich noch viel höher.

Trend zur Legalisierung

"Auch immer mehr Medizinstudenten befürworten aktive Euthanasie", sagt Freidl. Er erklärt sich die Zunahme mit der "gesellschaftlichen Liberalisierung und der neoliberalen Vorstellung vom eigenverantwortlichen Subjekt." Außerdem hätten die Medien in den vergangenen Jahren oft über todkranke Menschen berichtet, die sterben wollten, aber nicht dürften.

Von einem "allgemeinen Trend zur Legalisierung" der aktiven Sterbehilfe in Europa spricht Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Medizin der Uni Wien. Als Grund für die hohe Zustimmung sieht er mangelnde Aufklärung: "Gerade jüngere Menschen sind oft dafür, gleichzeitig wissen sie aber nichts über die Möglichkeiten der Palliativmedizin oder über die Patientenverfügung", sagt er. Palliativmediziner kümmern sich um unheilbar kranke Menschen. Sie versuchen nicht zu heilen, sondern Schmerzen zu lindern und psychologisch zu unterstützen - nicht nur die Patienten, sondern auch die Angehörigen. Hier herrsche ein großer Aufklärungsbedarf, sagt Körtner. Untersuchungen aus den Niederlanden hätten gezeigt, dass der Wunsch nach Euthanasie seltener werde, je dichter die Betreuung Todkranker sei, das bestehende Palliativangebot müsse daher unbedingt ausgebaut werden - vor allem die Hausbetreuung. Derzeit sterben etwa 27 Prozent aller Menschen in Österreich zu Hause.

An einem solchen Ausbau wird in Österreich gerade gearbeitet: Bis 2012 soll es 59 mobile Palliativteams geben (2008: 35), die etwa krebskranke Menschen zu Hause oder im Altersheim betreuen. Für sehr pflegeintensive Patienten soll es 336 Betten auf Palliativstationen geben (2008: 225) und 167 in Hospizen (2008: 46).

Wer mit seinem eigenen Ende konfrontiert sei, entwickle ein anderes Verhältnis dazu als Menschen, die die Erfahrung nicht haben, sagt Johann Baumgartner, Vizepräsident des Verbandes der Palliativ- und Hospizeinrichtungen. Auch er will nicht, dass aktive Sterbehilfe legal wird: "Die Ungerechtigkeit des Verbots ist kleiner als die der Erlaubnis." (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 19.2.2010)

Kommentar posten
15 Postings
Naeich
 
00
22.2.2010, 02:17
Wieso gibt man bei so starken Schmerzen nicht Morphium?

Und zwar hohe Dosen? Wenn jemand sterbenskrank ist muss man ja vielleicht nicht aktiv toeten sondern kann eben mit dem Schmerzmittel lockerer umgehen ... etwa die Suchtgefahr oder vielleicht sogar grobe Nebenwirkungen ignorieren, wenn nur die Schmerzen gestillte werden.
Wird das gemacht? Wirkt das?
Wenn ja verstehe ich den Bedarf an aktiver Sterbehilfer nicht mehr so ganz.

Kuldip K.
 
00
20.2.2010, 16:28
Aktive Sterbehilfe wird in Österleich bereits im Kindesalter praktiziert:

durch "Liegenlassen" der "nicht wirklich behinderten" Neugeborenen mit Behinderung.

Wolkengedanken
03
19.2.2010, 16:20

Aktive Sterbehilfe findet doch sicher statt. Aber halt wie bei so vielem nur dann wenn jemand Zugang zu "Medikamenten" hat oder zu Menschen, die eine Mordanklage riskieren

Michael Jack Dundee
 
00
19.2.2010, 16:48
Aktive Sterbehilfe ist indirekt erlaubt

Es muß nur ein Medikament, daß notwendig ist, aus der Behandlung genommen werden und im Patientenbericht dementsprechend umgeschreiben werden - die Notwendigkeit des Medikamentes.

Es ist auch bei Invaliden Menschen in österreichischen Spitälern erlaubt notwendige Stützmaßnahmen zum Weiterleben des Patientens einfach so zu entfernen, ist demnach auch eine aktive Sterbehilfe, sogar eine unerwünschte.

eagle13
 
22
19.2.2010, 10:55
Ich finde die immer wieder aufkeimende Diskussion in dem derzeit herrschenden System nicht unbedingt für sinnvoll, bzw. halte ich einige, die diese Diskussion anstacheln regelrecht für kriminell und Mörder zu mindest im Sinne des deutschen Rechts.

(Mörder ist wer aus niederen Beweggründen wie Habgier einen Menschen tötet.) Ich habe vollstes Verständnis für jeden, der sich Gedanken um sein Ende macht und die Qualen für sich und seine Lieben verkürzen will.
Nur habe ich kein Verständnis für die Mediziner, Juristen, Politiker usw. die den pflegebedürftigen Menschen als volkswirtschaftlichen Kostenfaktor sehen, bei dem mit jedem Tag des früheren Ablebens einige 1.000 € gespart werden können.
Von daher schließt sich die Diskussion in eigentlich jedem System aus, weil es hauptsächlich kaum um den ethischen Aspekt geht, sondern um den finanziellen, wobei dies natürlich nicht offen zugegeben wird.

Nachbar Totti
35
19.2.2010, 02:59

meine mutter hat jahrelang in der palliativpflege gearbeitet.
ihre erfahrung ist, daß ärzte es nach wie vor eher sparsam mit schmerzlindernden medikamenten halten.
ich stell mir das in der praxis so vor:
patient: "herr doktor, mein krebs bereitet mir furchtbare schmerzen, würden sie mir bitte morphin verschreiben?"
arzt: "a geh! ich geb ihnen eine kleine giftspritze, dann haben sie´s hinter sich. mit dem anderen zeug werden sie doch bloß zum junkie!"

Kuldip K.
 
21
19.2.2010, 10:56
im klinikum Mödling unter dem Euphemismus "die andere Therapie" bekannt

Markus M.
11
18.2.2010, 23:19
Nichts schlimmer,

als selbsternannte Moralapostel, die sich ungefragt in die Lebensentscheidungen anderer Menschen einmischen. Dass eine flaechendeckende palliativmedizinische Versorgung notwendig und richtig ist und Menschen darueber aufgeklaert werden sollten, ist eine Sache. Aber warum immer diese unsaegliche Einmischung in autonome Entscheidungen, ein unertraegliches Leben zu beenden? Sollte ich im Wachkoma liegen und meinen Sterbewunsch irgendwie mitteilen koennen, waere es fuer mich das letzte, wenn sich da jemand zwischen mich und einen gnaedigen Arzt stellt. Setzt man die Oma ins Auto, besteht immer die Chance, dass sie im Strassenverkehr ungewollt stirbt. Warum ist dieses kleine Risiko bei von ihr verlangter, aktiver Sterbehilfe sooo furchtbar?

Meine Wenigkeit mit viel Senf
11
19.2.2010, 13:18
Das Eine hat mit dem Anderen nichts tun.

Wenn die Oma im Straßenverkehr stirbt, ist das ein Unfall. Wenn die Oma eine Giftspritze bekommt, ist es keiner.

Nachdem Selbstmord auch legal ist, könnte es Euthanasie ebenfalls werden. Unter entsprechenden Rahmenbedingungen, das heißt: Aufklärung des Patienten durch mehrere Ärzte, Kenntnisnahme der Aufklärung durch den Patienten, Willenserklärung des Patienten, Tötung, und das alles unter Beisein eines Notars, der den ordnungsgemäßen Vorgang bestätigt.

Aber sicher nicht anders, sonst ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Wer nicht mehr klaren Verstands ist oder sich nicht äußern kann, hat Pech gehabt. Geht leider nicht anders, sonst wäre der Arzt mit einem Fuß im Kriminal und der Patient tot, obwohl er das vll. gar nicht wollte.

Michael Jack Dundee
 
00
19.2.2010, 16:52

Ärzte stehen aber mit Hilfe ihrer selbst geschriebenen Dokumentationspflicht außerhalb der Klagbarkeit und könn(t)en damit nachweisen legal gearbeitet zu haben.

Robin aus dem Wald
 
26
18.2.2010, 23:15
Ich halte eigentlich nicht viel von so genannten „Experten“

Allerdings fände ich es begrüßenswert, wenn auch jene Menschen, die es betrifft, also im Grunde eigentlich jeder, ein wenig mehr nachdenken würden, bevor sie unreflektiert irgendwelche Meinungen nachplappern.

Aktive Sterbehilfe ist gefährlich!

PS: Bevor wieder irgendwelche Katholikenpostings kommen. NEIN, ich habe mit Religion nichts am Hut.

hagane
10
19.2.2010, 08:59

Aktive Sterbehilfe ist ganz sicher gefährlich und praktisch würde sie gewiss auch missbraucht werden, wie das sonst überall auch der Fall ist.

Die Doppelmoral versteh ich aber nicht. Jede Sekunde wird von Menschenhand Leben in verschiedensten Formen direkt oder inidrekt vernichtet ohne mit der Wimper zu zucken und beim thema Sterbhilfe machen sich alle ins Hoserl und kommen mit Ethik und Moral.

Ich bin für aktive Sterbehilfe, weil das Leid des Dahinvegetierens und zu "Todepflegens" von Menschen für mich zu groß ist.

Zugegeben möchte ich aber nicht derjenige sein, der die Definitionen und Gesetzt für eine aktive Sterbehilfe auszuformulieren hat.

kritischesauge
31
18.2.2010, 20:16
Experten sind dagegen

Experten in persönlicher Meinungsfindung?
Experten im Moralisieren?
Experte im Gewissen?

twertwert
00
20.2.2010, 16:24

Im Zweifelsfall... Leute, die sich mit dieser Thematik tiefgehender beschäftigen als der typischer Standardposter.

Drew R. Man
20
18.2.2010, 20:07

institut für ethik und RECHT IN DER medizin!!!

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