DER STANDARD durfte mit der Vorstufe von Opels erstem Elektroauto fahren - mit der Technik des Ampera, versteckt in einem Chevrolet Cruze
Opel schickt sich an, im Wettlauf um das erste serienmäßige Elektroauto ganz vorn zu sein. Schon 2012 sollen die ersten Amperas in den europäischen Auslagen stehen. Dabei ist der Ampera streng genommen ein Hybridauto. Er ist zwar für überwiegend elektrischen Betrieb konzipiert, führt aber noch einen kleinen Benzinmotor mit, der die Batterien nachlädt, wenn der Stromvorrat zur Neige geht. Dieser verlängert also die Reichweite und wird folgerichtig "Range Extender" genannt. Zum Einsatz soll übrigens der kleinste Benzinmotor aus dem GM-Werk Aspern kommen.
Die Kombination von Verbrennungsmotor und Elektromotor ist übrigens alle andere als neu. Auch dieselelektrische Lokomotiven und extrem schwere Bergwerks-Trucks erzeugen zuerst mit einem Verbrennungsmotor elektrischen Strom und treiben damit die Räder an. Es gibt keinen direkten Durchtrieb vom Verbrennungsmotor zu den Rädern. Hier allerdings nicht aus Gründen der Sparsamkeit, sondern wegen der extrem hohen Drehmomente, für die ein herkömmlicher Antriebsstrang nicht mehr realisierbar ist.
Geht es um Sparsamkeit, darf der Benzinmotor tatsächlich nur zur Verlängerung der Reichweite eingesetzt werden, also eher im Ausnahmefall, denn sobald der Benzinmotor in Betrieb geht, kommt es zu erheblichen Umwandlungsverlusten, womit der Ampera dann keinesfalls sparsamer ist als ein normaler Benziner.
Die Entscheidung zur Range-Extender-Lösung basiert auf der Statistik, dass etwa 80 Prozent der deutschen Autofahrer normalerweise nicht weiter als 50 Kilometer pro Tag fahren. 60 Kilometer weit soll der Ampera mit einer Ladung Strom kommen. Sollte sich das nicht ausgehen, tritt eben der Range Extender in Aktion.
Wir hatten nun Gelegenheit, eine der Vorstufen des Opel Ampera zu fahren, ein sogenanntes Muli (Kreuzung aus zwei Arten), einen Chevrolet Cruze, unter dessen Blechkleid die vollständige Technik des Ampera steckte. Wir sehen daraus schon, die Basis des Ampera heißt Astra, auf dem ja auch der Cruze aufbaut. Das Wesentliche ist die Bodengruppe, wo Benzinmotor, Elektromotor und Batterien so untergebracht werden müssen, dass möglichst wenig Platz verlorengeht.
Nachteil mit Vorteil
Die doch relativ geringe Reichweite hat immerhin zwei Vorteile: Die Lithium-Ionen-Batterie ist recht kompakt und dadurch auch billiger als beispielsweise bei einem Elektro-BMW mit etwa doppelter Kapazität. Sie sitzt im Mitteltunnel und vor der Hinterachse und nimmt dort kaum Platz weg. Dahinter muss ja immer noch ein ganz normaler Tank Platz haben, um im Bedarfsfall die Reichweite bis auf 500 Kilometer zu dehnen. Und vorne sitzen die Steuerungselektronik - die in punkto Volumen und Gewicht nicht zu unterschätzen ist - sowie die beiden Motoren.
Mit den 111 Kilowatt Leistung und einem kräftigen Drehmoment, das elektromotorgemäß bereits vom Stand weg zur Verfügung steht, ergibt sich ein tolles Fahrgefühl, also vergnügliches Hochbeschleunigen ohne Zugkraftunterbrechung bis 160 km/h, wobei man durch den Wegfall des Motorgeräuschs einen neuen Zugang zu den übrigen Lärmquellen erschließt.
Und da gibt es durchwegs noch einiges zu tun: Wind-, Roll- und Knacksgeräusche bekommen eine neue Bedeutung, weil nichts mehr vom Motorsound kaschiert werden kann - und wie das ist, wenn der Range Extender in Kraft tritt, werden wir erst nach der nächsten Probefahrt wissen, an seinem Klangbild wird offenbar noch getüftelt. Das Automobil als Gesamtkunstwerk aus Geräuschkulisse und Dynamik will in diesem Fall wieder neu definiert werden. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/19.2.2010)