Präsident Tandja festgenommen - Artillerie-Kommandant zum Chef der Junta ernannt - Schüsse in der Hauptstadt Niamey, drei Soldaten getötet
Niamey - Nach dem gewaltsamen Staatsstreich im westafrikanischen Niger ist der Kommandant der Artillerie, Salou Djibo, zum Chef der jetzt herrschenden Militärjunta ernannt worden. Das verkündeten die Putschisten am Freitag in Niamey. Djibo kommandiert die für die schwere Artillerie zuständige Einheit der nigrischen Armee, die maßgeblich an dem Sturz von Staatschef Mamadou Tandja beteiligt war.
Laut Informationen der BBC haben Soldaten Mamadou Tandja während einer Kabinettssitzung festgenommen. In der Hauptstadt Niamey
waren Schüsse zu hören, Panzer fuhren auf. Über
dem Präsidentenpalast stieg Rauch auf. Ein Geheimdienstmitarbeiter erklärte zunächst,
die Präsidentengarde schlage den Putsch
nieder. Nach Angaben aus
Polizeikreisen waren Angreifer mit gepanzerten Fahrzeugen in die
Hauptstadt gekommen.
Tandja
wird offenbar in einer Kaserne nahe der Hauptstadt Niamey festgehalten.
Ein Verantwortlicher, der nicht namentlich genannt werden wollte,
sagte der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag, auch der Tandja
beigeordnete Offizier sei in die 20 Kilometer westlich von Niamey
gelegene Garnison Tondibia gebracht worden. Mehrere
Regierungsmitglieder wurden demnach in einem Gebäude nahe des
Präsidentenpalasts festgehalten.
Minister eingesperrt
Zwei Minister sagten in einem per Handy geführten
Telefongespräch
mit der Nachrichtenagentur AFP, sie seien eingesperrt und kämen nicht
heraus. Sie befänden sich an dem Ort, wo eigentlich die
Kabinettssitzung hätte stattfinden sollen. Auch Präsident Tandja sei
weggebracht worden. Ihre Namen wollten die beiden Minister nicht
nennen.
Die Botschaft des afrikanischen Landes in London
veröffentlichte
dagegen am Abend eine Stellungnahme, in der es hieß, Tandja und seine
Minister seien in Sicherheit und es gehe ihnen gut. Der Putschversuch
dauere an.
Militärmusik im Radio
Der staatliche Rundfunk erwähnte die Vorgänge bisher mit keinem
Wort, sondern spielte Militärmusik. Private Rundfunksender dagegen
berichteten von Rauchwolken aus dem Präsidentenpalast und Menschen,
die aus der Umgebung des Palastes eilten. Die Geschäfte in dem
Viertel seien geschlossen, berichtete die BBC.
Verfassung ausgesetzt
Nach dem Putsch hat ein Offizier im Namen eines "Obersten Rats für die
Wiederherstellung der Demokratie" im staatlichen Hörfunk die
Aussetzung der Verfassung verkündet. Der Rat habe beschlossen, "alle
aus der sechsten Republik hervorgegangenen Einrichtungen aufzulösen",
hieß es in einer von Oberst Goukoye Abdoulakarim verlesenen
Erklärung.
Gegen Mittag waren Gefechte mit Maschinengewehren und
schweren Waffen ausgebrochen. Soldaten sperrten Straßen, auch
die zum Büro des Ministerpräsidenten. Laut dem französischen Radiosender France 24 wurden zumindest drei Soldaten getötet. In
ein Krankenhaus der
Hauptstadt wurden fünf verwundete Soldaten eingeliefert. "Die
Kämpfe zeigen, dass sich die politische
Krise verschärft hat",
sagte Sicherheitsexpertin Rolake Akinola. Selbst unter den
Anhängern des Präsidenten wachse die
Unzufriedenheit. Das Pariser Außenministerium gab eine Warnung aus und forderte französische Staatsbürger in Niger auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.
Rakete traf Panzer
Ein Augenzeuge
sagte, die toten Soldaten seien aus einem Panzer geborgen worden, der
vor einem Krankenhaus unweit des Präsidentenpalastes postiert war.
Der Panzer wurde demnach von einem Geschoss getroffen. "Es ist direkt
vor mir passiert", berichtete der Straßenhändler. "Ich habe gesehen,
wie die Rakete das Deck des Panzers komplett zerstört hat."
In dem Land sind die politischen
Spannungen gewachsen, seit
Präsident Mamadou Tandja im vergangenen Jahr seine
Machtbefugnisse ausgebaut hat. Er löste das Parlament auf und
arrangierte eine Verfassungsreform, um nach Ablauf seiner
zweiten fünfjährigen Amtszeit im Dezember 2009 an der Spitze des
Staates bleiben zu können. Das Verfassungsgericht hatte ein von
Tandja dazu veranstaltetes Referendum für illegal erklärt.
Daraufhin löste er das Gericht auf und besetzte es mit seinen
Vertrauten. Sein Vorgehen ist bei direkten Nachbarländern und der
internationalen Gemeinschaft auf scharfe Kritik gestoßen.
AU besorgt
Die Afrikanische Union zeigte sich besorgt über den
mutmaßlichen
Putschversuch. AU-Friedenskommissar Ramtane Lamamra sagte in Addis
Abeba, die Afrikanische Union verurteile jegliche Anwendung von
Gewalt, um einen Politikwechsel herbeizuführen. Dies gelte für Niger
genauso wie für andere Länder.
Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen liegt Niger
auf
dem fünftletzten Platz. Das am Südrand der Sahara gelegene Land
leidet unter Dürre und dem Vormarsch der Wüste. Der Anteil der
Analphabeten liegt bei 70 Prozent, das Bevölkerungswachstum ist
weltweit das höchste. Niger ist reich an Uran und anderen Bodenschätzen. An deren
Ausbeutung sind internationale Firmen wie Frankreich Areva und
Kanadas Cameco beteiligt. (Reuters/AFP)