Putsch

Militär übernimmt Macht

19. Februar 2010 06:13

Präsident Tandja festgenommen - Artillerie-Kommandant zum Chef der Junta ernannt - Schüsse in der Hauptstadt Niamey, drei Soldaten getötet

Niamey - Nach dem gewaltsamen Staatsstreich im westafrikanischen Niger ist der Kommandant der Artillerie, Salou Djibo, zum Chef der jetzt herrschenden Militärjunta ernannt worden. Das verkündeten die Putschisten am Freitag in Niamey. Djibo kommandiert die für die schwere Artillerie zuständige Einheit der nigrischen Armee, die maßgeblich an dem Sturz von Staatschef Mamadou Tandja beteiligt war.

Laut Informationen der BBC haben Soldaten Mamadou Tandja während einer Kabinettssitzung festgenommen. In der Hauptstadt Niamey waren Schüsse zu hören, Panzer fuhren auf. Über dem Präsidentenpalast stieg Rauch auf. Ein Geheimdienstmitarbeiter erklärte zunächst, die Präsidentengarde schlage den Putsch nieder. Nach Angaben aus Polizeikreisen waren Angreifer mit gepanzerten Fahrzeugen in die Hauptstadt gekommen.

Tandja wird offenbar in einer Kaserne nahe der Hauptstadt Niamey festgehalten. Ein Verantwortlicher, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag, auch der Tandja beigeordnete Offizier sei in die 20 Kilometer westlich von Niamey gelegene Garnison Tondibia gebracht worden. Mehrere Regierungsmitglieder wurden demnach in einem Gebäude nahe des Präsidentenpalasts festgehalten.

Minister eingesperrt

Zwei Minister sagten in einem per Handy geführten Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, sie seien eingesperrt und kämen nicht heraus. Sie befänden sich an dem Ort, wo eigentlich die Kabinettssitzung hätte stattfinden sollen. Auch Präsident Tandja sei weggebracht worden. Ihre Namen wollten die beiden Minister nicht nennen.

Die Botschaft des afrikanischen Landes in London veröffentlichte dagegen am Abend eine Stellungnahme, in der es hieß, Tandja und seine Minister seien in Sicherheit und es gehe ihnen gut. Der Putschversuch dauere an.

Militärmusik im Radio

Der staatliche Rundfunk erwähnte die Vorgänge bisher mit keinem Wort, sondern spielte Militärmusik. Private Rundfunksender dagegen berichteten von Rauchwolken aus dem Präsidentenpalast und Menschen, die aus der Umgebung des Palastes eilten. Die Geschäfte in dem Viertel seien geschlossen, berichtete die BBC.

Verfassung ausgesetzt

Nach dem Putsch hat ein Offizier im Namen eines "Obersten Rats für die Wiederherstellung der Demokratie" im staatlichen Hörfunk die Aussetzung der Verfassung verkündet. Der Rat habe beschlossen, "alle aus der sechsten Republik hervorgegangenen Einrichtungen aufzulösen", hieß es in einer von Oberst Goukoye Abdoulakarim verlesenen Erklärung.

Gegen Mittag waren Gefechte mit Maschinengewehren und schweren Waffen ausgebrochen. Soldaten sperrten Straßen, auch die zum Büro des Ministerpräsidenten. Laut dem französischen Radiosender France 24 wurden zumindest drei Soldaten getötet. In ein Krankenhaus der Hauptstadt wurden fünf verwundete Soldaten eingeliefert. "Die Kämpfe zeigen, dass sich die politische Krise verschärft hat", sagte Sicherheitsexpertin Rolake Akinola. Selbst unter den Anhängern des Präsidenten wachse die Unzufriedenheit. Das Pariser Außenministerium gab eine Warnung aus und forderte französische Staatsbürger in Niger auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Rakete traf Panzer

Ein Augenzeuge sagte, die toten Soldaten seien aus einem Panzer geborgen worden, der vor einem Krankenhaus unweit des Präsidentenpalastes postiert war. Der Panzer wurde demnach von einem Geschoss getroffen. "Es ist direkt vor mir passiert", berichtete der Straßenhändler. "Ich habe gesehen, wie die Rakete das Deck des Panzers komplett zerstört hat."

In dem Land sind die politischen Spannungen gewachsen, seit Präsident Mamadou Tandja im vergangenen Jahr seine Machtbefugnisse ausgebaut hat. Er löste das Parlament auf und arrangierte eine Verfassungsreform, um nach Ablauf seiner zweiten fünfjährigen Amtszeit im Dezember 2009 an der Spitze des Staates bleiben zu können. Das Verfassungsgericht hatte ein von Tandja dazu veranstaltetes Referendum für illegal erklärt. Daraufhin löste er das Gericht auf und besetzte es mit seinen Vertrauten. Sein Vorgehen ist bei direkten Nachbarländern und der internationalen Gemeinschaft auf scharfe Kritik gestoßen.

AU besorgt

Die Afrikanische Union zeigte sich besorgt über den mutmaßlichen Putschversuch. AU-Friedenskommissar Ramtane Lamamra sagte in Addis Abeba, die Afrikanische Union verurteile jegliche Anwendung von Gewalt, um einen Politikwechsel herbeizuführen. Dies gelte für Niger genauso wie für andere Länder.

Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen liegt Niger auf dem fünftletzten Platz. Das am Südrand der Sahara gelegene Land leidet unter Dürre und dem Vormarsch der Wüste. Der Anteil der Analphabeten liegt bei 70 Prozent, das Bevölkerungswachstum ist weltweit das höchste. Niger ist reich an Uran und anderen Bodenschätzen. An deren Ausbeutung sind internationale Firmen wie Frankreich Areva und Kanadas Cameco beteiligt.  (Reuters/AFP)

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Herzerzog Johann
19.02.2010 11:26
Realistisch gesehen ...

... wird nichts Bessers nachkommen.

Cogito Ergo Dumm
19.02.2010 14:13
Viel Schlechteres auch nicht...

tunguska
19.02.2010 09:15
Das Militär hat das einzig Richtige gemacht.

Leider geht es nicht immer ohne Gewalt, wie man sieht.
Der Präsident hätte niemals freiwillig aufgegeben.

For the greater good.

tunguska
19.02.2010 09:11
Das Militär hat das einzig Richtige gemacht.

Und leider geht es nicht immer ohne Gewalt.
For the greater good.

Horst Holger
19.02.2010 00:33
also im Zweifelsfall

ist für viele hier in den Foren sicherlich die CIA wieder am Putsch beteiligt.....

Andronikos III
 
19.02.2010 13:06
Nein

Aber dafür die DGSE.

Niger gehört zur französischen Einflusssphäre, und wenn man meint, dass in einem frankophonen Land Afrikas das Militär ohne das Einverständnis des Élysée-Palastes erfolgreich putschen kann, ist man ein hartnäckiger Realitätsverweigerer.

Prof. Wolf
19.02.2010 19:36
Ich habe heute in Radio gehört,

dass Frankreich oder GB den Präsident in Sicherheit gebracht haben. Der DGSE wird sich ins Zeug werfen um den Push rückgägnig zu machen.

Cogito Ergo Dumm
19.02.2010 14:15
Der Uranabbau ist bereits in französischen Händen

Ein neuer Präsident mag durchaus entweder Nachverhandlungen fordern, oder den Vertrag als Null und Nichtig erklären.

Diese Gefahr gehen die Franzosen sicher nicht ein. Also wussten sie entweder nichts, oder zu wenig.

Die Armee ist - leider Gottes - in vielen afrikanischen Staaten tatsächlich der beste Garabt für Demokratie, selbst, wenn es Ausrutscher gibt con generälen, die sich an die Macht gewöhnen und dort verbleiben wollen.

Solange es keine Zivilgesellschaft gibt!

Horst Holger
19.02.2010 00:32
ich kenn nicht viel vom Land und Bevölkerung, aber..

allein die Tatsache, daß der Präsi seine Macht ins unendliche ausdehnen wollte (Verlängerung der AMtszeit, Verfassungsreformen etc.) erinnert stark an die Möchtegern-Diktatoren in Honduras (ist kläglich gescheiter, Zelaya im Exil) oder Venezuela (laufende Diktatur mit sämtlichen antidemokratischen Auswüchsen, die man so kennt). Was soll also der große Wirbel um (wieder) einen afrik. Präsi der abgesägt wurde? Sowas passiert wenn das Volk in Bananenrepubliken nun mal die Schanuze voll hat vom Despoten, der sich zumeist auch selbst an die Macht geputscht hat...

Dr. Lari and Mr. Fari
 
19.02.2010 09:18
nur Ruhe, der nächste Präsi wird sich genauso entwickeln...

;-))

Malkaye
18.02.2010 23:03
also hatten die leute doch recht

als ich vor einigen monaten noch dort war und sich wirklich 99,9 % gegen den de facto staatsstreich von tandja äußerten, hörte ich oft: "die armee wird es mit ihm wie damals mit ibrahim mainassara barré machen, der dachte auch er könne tuen was er will. aber die armee in niger ist nicht so homogen wie in anderen ländern afrikas.".

Der Freund Deiner Frau
19.02.2010 10:11
Bin schon gespannt, wie die Franzosen heute offizill reagieren.


Die Enwicklungshilfe der EU ist ja im Uebrigen auch schon seit Oktober auf Eis.

Ich war auch vor einigen Monaten im Niger. Als Biologe aber eher im Busch und vA im W-NPark unterwegs wos natuerlich wunderschoen war. Obwohl schon ein wenig "Dritte Welt erfahren", hat mich die Misère im Niger doch gewaltig geschockt. Die Bilder rund um Niamey erinnern an das juengste Gericht, dort fressen 150-Kilo-Rinder Plastiksaecke auf brennenden Muellhalden. Den Leuten fehlt es an Allem.

Als "Tourist" wuensche ich mir manchmal, dass man bald wieder nach Agadez und ins Aïr darf, als Mensch nur, dass die Bevoelkerung halbwegs zu essen und Zugang zu basalen Medikamenten hat.

Françafrique raus!
Areva raus!
Cinesen raus!
Amis raus!

Malkaye
20.02.2010 22:07
Bei Niger braucht die Hoffnung ausdauer.

Bin gespannt wie die folgende Regierung mit Areva und Frankreich verfährt. Ob es wirklich nur gegen die demokratiefeindlichen Akte von Tandja ging, oder auch gleich sein korruptes Anbändeln mit Sarkozy und Areva. Der Tuareg-Frieden und die Zugänglichkeit des Nordens hängt eher von äußeren Faktoren ab.

Das mit der Ernährungslage... Der sinkende Niger-Pegel und das wahnsinnige Bevölkerungswachstum stimmen eher hoffnungslos.

Stimme von vorn bis hinten mit Ihnen über ein.
Ich war übrigens auch im Busch. Kein Nachbarskind ohne Kwashiorkor.

somit verbleiben wir...
19.02.2010 09:46

was hast du dort gemacht?

Malkaye
20.02.2010 21:53
Freiwilligendienst

El.Kargolito
18.02.2010 22:34

schade das unser pimperl heer net einsatzfähig ist...

LapuLapu
18.02.2010 21:20
der monatliche Putsch-(Versuch) in Afrika...

News ?
Das ist leider Standard, Routine, Regelmässigkeit in der Sub-Sahara-Region

jost
 
19.02.2010 00:18

wow! was für eine intelligente analyse des afrikanischen kontinents! hut ab, ich habe immer auf jemanden gewartet der mir in einem satz die welt erklären kann. immer weiter so und dann vielleicht bald am aschermittwoch in ried?

Chakotay
18.02.2010 22:53
man sollte so einen Putsch-Blog einrichten :D

Cogito Ergo Dumm
18.02.2010 20:07
Die AU ist immer nur besorgt,

unternimmt aber rein gar nichts, um Demokratie vorwärts zu bringen.

Kein Wunder, wenn man sich anschaut, wer da Mitglied ist...

Kiembeni
18.02.2010 20:16
Na wer ist Mitglied

Alle afrikanischen Staaten. Wo ist da das Problem?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
19.02.2010 09:19
Eben.

Zu 90 % völlig verluderte "Regierungen".

Der Ruhestifter
19.02.2010 01:41
bei fast allen afrikanischen staaten ist das problem

die funktionierenden demokratien sind da nämlich eine ziemlich kleine minderheit

pumickl
18.02.2010 15:28
CIA dahinter

Cogito Ergo Dumm
19.02.2010 14:18
Aber nein!

KGB!!

Warum?

Weiß ich auch nicht!

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