"Wir können nicht noch länger fahren"

16. Februar 2010, 19:30
  • Ideen zum Verkehr der Zukunft gibt es viele. An fliegende Autos wie in Luc Bessons "Das fünfte Element" glaubt die Verkehrsforscherin Barbara Lenz freilich nicht.
    foto: apa

    Ideen zum Verkehr der Zukunft gibt es viele. An fliegende Autos wie in Luc Bessons "Das fünfte Element" glaubt die Verkehrsforscherin Barbara Lenz freilich nicht.

Die Verkehrsforscherin Barbara Lenz glaubt, dass die Grenzen der Mobilität erreicht sind - Peter Illetschko sprach mit ihr über barrierefreie Wege und den Klimawandel in den Metropolen

STANDARD: Mobilität ist die Grundlage unseres Lebens. Je mobiler, desto besser für die Karriere, lautet die Devise. Wird der Bedarf jemals gedeckt sein?

Lenz: Ich würde sagen: An diesem Punkt sind wir schon längst angekommen. Wir können im Alltagsverkehr nicht noch länger und noch weiter fahren. Die Statistiken zeigen: Die zurückgelegten täglichen Distanzen von der Wohnung zur Arbeit und wieder zurück steigen seit einiger Zeit kaum mehr. Die Menschen suchen sich schließlich ein Zuhause, von wo sie Arbeit, Kindergarten oder Schule der Kinder leicht erreichen können. Ich sehe das sehr positiv. Planer müssen nicht mehr wie im Wettlauf trachten, dem wachsenden Bedarf rasch gerecht zu werden. Sie erhalten Spielräume, um den Verkehr in der Stadt effizienter zu gestalten. Da gibt es neue Konzepte.

STANDARD: Wo zum Beispiel?

Lenz: In vielen europäischen Städten wie Berlin versucht man, den Verkehr auf den Hauptstrecken zu bündeln. Die Nebenstrecken werden dadurch ruhiger.

STANDARD: Ist es zielführend, auf Hauptstrecken noch mehr Verkehr zu verlagern?

Lenz: Wenn dazu gleichzeitig Alternativen angeboten werden, ja. Man muss Lösungen finden, um die Leute dazu zu bringen, nur einen Teil des Weges mit dem Auto zu fahren, und dann auf die Bahn oder auf ein Rad umzusteigen. Wer Verkehrsmittel wechselt, das heißt, nicht nur das Auto, sondern auch mal den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad nutzt, trägt einen Teil zur Verkehrsberuhigung bei. Natürlich braucht das Zeit, und die Verkehrsteilnehmer werden nicht von heute auf morgen ihre Routinen ablegen. Wenn aber das Angebot attraktiv ist, wenn die Bahn mit Carsharing ein Auto zur Verfügung stellt, das vor der Station auf dem Parkplatz steht, dann könnte das einen Wandel im Verhalten einleiten. Die Städte sind auch angehalten, derartige Konzepte umzusetzen, denn die EU-Richtlinien für Lärm und Luftqualität sind strenger geworden.

STANDARD: Wenn aber Städte wachsen, wird auch das Verkehrsaufkommen wachsen. Ist angesichts der Umweltproblematik eine Vision von fliegenden Leichtbauautos, die wenig Sprit brauchen und keinen Stau am Boden verursachen, vorstellbar?

Lenz: Technisch ist das irgendwann sicher kein Problem mehr. Die Frage ist, ob wir das brauchen werden: Ich glaube nicht. Da müssten die Städte mehr in die Höhe als in die Breite wachsen, wie das im Film Das fünfte Element der Fall war. Der Bedarf an Fahrzeugen wird außerdem nicht so dramatisch wachsen, dass man ein solches Platzproblem damit haben würde. Da gibt es andere Faktoren, die mehr Einfluss auf den Verkehr haben werden. Zum Beispiel die älter werdende Gesellschaft.

STANDARD: Welches Verkehrsmittel wählen ältere Menschen?

Lenz: Diejenigen, die jetzt ins Alter kommen, sind an das Auto gewöhnt. Wenn die Leute dann 80 sind, dann gehen sie viele Wege zu Fuß. Das heißt aber auch, dass die Stadt barrierefrei werden muss, zum Beispiel durch Absenken von Stufen oder Gehsteigkanten. Das heißt auch, über die Verkehrsplanung hinausdenkend, dass die Infrastruktur, die in den Städten zum Teil weggebrochen ist und zum Teil in Einkaufszentren am Stadtrand gebündelt wurde, wieder aufgebaut werden müsste. Die Mobilität der älteren Generation ist ein großes Thema der Verkehrsforschung. Da müssen sogar Folgen des Klimawandels miteinbezogen werden.

STANDARD: Inwiefern?

Lenz: Wir stellen uns heute schon Fragen wie: Was passiert, wenn es längere Hitzeperioden gibt? Wie benutzbar wird dann die U-Bahn beispielsweise für Menschen mit Kreislaufproblemen? In London wurde vor sechs Jahren ein entsprechendes Szenario simuliert. Was dazu führte, dass noch stärkere Klimaanlagen eingebaut wurden. Man hat sich aber auch überlegt, was passiert, wenn die Themse aufgrund des höheren Meeresspiegels steigt oder wenn aufgrund der Hitze manche Schienen nicht befahrbar sind. Viele Städte könnten vom Klimawandel betroffen sein, auch Wien. Da muss man gar nicht an Schreckensszenarien vom Weltuntergang denken, man muss vielmehr die Verkehrssysteme widerstandsfähig gegen Extremwetterlagen machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.02.2010)

Zur Person
Barbara Lenz ist Professorin der TU Berlin für Verkehrsnachfrage und Verkehrswirkungen und Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Am Dienstagabend hielt sie einen Vortrag im Rahmen des Forums "Was bewegt uns morgen?" des Infrastrukturministeriums.

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