Geistliches Oberhaupt der Tibeter besucht USA - Gespannte Beziehungen mit China
Zum Glück hat das Weiße Haus genügend Zimmer, um Spielraum für die feinen Nuancen der Diplomatie zu bieten. Wenn Barack Obama am Donnerstag den Dalai Lama empfängt, dann nicht im Oval Office, was protokollarisch die höchste Ehre wäre. Stattdessen wird er den illustren Gast im Map Room treffen, dort, wo Franklin D. Roosevelt im Zweiten Weltkrieg auf Landkarten den Verlauf der Fronten studierte.
Der Dalai Lama an der Pennsylvania Avenue, es ist ein Termin mit Tradition. Seit George Bush senior hat noch jeder US-Präsident dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter den roten Teppich ausgerollt. Es gehört zum Selbstverständnis der amerikanischen Demokratie, einen Mann willkommen zu heißen, der das Streben eines unterdrückten Volkes nach Selbstbestimmung symbolisiert. Doch jedes Mal achtete man darauf, China nicht allzu sehr zu reizen. Ein Handshake vorm Kamin des Oval Office blieb dem Friedensnobelpreisträger immer verwehrt, auch unter den Bushs und Bill Clinton.
Obama war noch einen Schritt weiter gegangen, um die Volksrepublik gnädig zu stimmen. Im Oktober, einen Monat vor seiner Reise nach Peking, ließ er den Dalai Lama noch ausladen. Für John Delury, den China-Experten der New Yorker Asia Society, war es ein Fehler, ein Zugeständnis, das nicht belohnt wurde. "Obamas Administration hat mit unrealistischen Erwartungen angefangen. Für all ihre Anstrengungen hat sie kaum Früchte geerntet."
Zwölf Monate lang hat sich das Weiße Haus alle Mühe gegeben, die Chinesen für einen ruhigen, kühlen Interessenausgleich zu gewinnen. Außenministerin Hillary Clinton, eigentlich bekannt als Streiterin für die Menschenrechte, schlug so leise Töne an, dass es an Selbstverleugnung grenzte. Die Zurückhaltung hatte Gründe. Mit mindestens 800 Milliarden Dollar steht die alte Supermacht bei der potenziell neuen in der Kreide. Seit der Finanzkrise hält China die meisten US-Staatsanleihen. Eine wechselseitige Abhängigkeit: Als Exporteur und Investor hat das Reich der Mitte kein Interesse daran, Uncle Sam im Stich zu lassen und den Dollar auf Talfahrt zu schicken.
Bei allen traditionellen Reizthemen sind die beiden Seiten jüngst aneinandergeraten: bei Anti-Dumping-Zöllen und Währungsmanipulation, bei Klimaschutz, Internetzensur und Waffenverkäufen an Taiwan. Obama muss schon deshalb dagegenhalten, weil daheim der Druck wächst. Die Folge sind schärfere Töne. Hillary Clinton forderte vehement Meinungsfreiheit im Internet und wetterte gegen die chinesische Zensur. Dann verteidigte das Weiße Haus ein Rüstungsgeschäft mit Taiwan. Auch die Kontroverse um die Währungspolitik wird nun öffentlich ausgetragen. Die Zeit der Moll-Töne scheint fürs Erste vorbei. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2010)