Karin Pollack sprach mit der Expertin Ingrid Pabinger-Fasching über molekulare Mechanismen der Hämophilie, gefährliche Handicaps und die Gentherapie der Zukunft
STANDARD: Laut Studien wissen Bluter mit leichter Hämophilie wenig über ihre Erkrankung. Stimmt das?
Pabinger: In Österreich haben wir eine recht einzigartige Situation, denn es gibt die Österreichische Hämophilie-Gesellschaft (ÖHG), eine 1969 gegründete Selbsthilfegruppe, die eng mit Ärzten zusammenarbeitet und auch in den Bundesländern aktiv ist. Schwere Bluter wissen über ihre Erkrankung gut Bescheid, allerdings gibt es mittlere und leichte Formen, die keine Beschwerden verursachen und deshalb oft unentdeckt bleiben. Diese Gruppe weiß wenig.
STANDARD: Wie viele Betroffene gibt es in Österreich?
Pabinger: Etwa 500 Patienten mit Hämophilie A und 50 mit Hämophilie B und ungefähr noch einmal 500 bis 700 mit Willebrand-Jürgens-Syndrom (siehe Wissen).
STANDARD: Wie entdeckt man die Erkrankung?
Pabinger: Hämophilie ist über das X-Chromosom vererbt und betrifft in ihrer schweren Form deshalb hauptsächlich Männer. Bei Frauen, die ja zwei X-Chromosomen tragen, wird der genetische Fehler oft ausgeglichen, sie sind im Alltag nicht beeinträchtigt, und die Erkrankung wird eher per Zufall entdeckt - etwa bei Verletzungen oder Operationen. Aufklärung ist deshalb wichtig, weil Frauen, die selbst keine Blutungsneigung haben, Söhne mit schwerer Hämophilie bekommen können. Sie sind sogenannten Konduktorinnen, und bei Kinderwunsch ist die Tatsache, Trägerin einer Erkrankung zu sein, ein zentrales Thema.
STANDARD: Was bringt genetische Beratung?
Pabinger: Es gibt unterschiedliche genetische Mutationen, die zu Hämophilie führen. Davon hängt der Grad der Beeinträchtigung ab. Und genau das ist einer unserer Forschungsschwerpunkte. Hämophilie gilt als eine Erkrankung, von der in erster Linie Männer betroffen sind, wir beschäftigen uns aber auch sehr stark mit den Frauen, den Trägerinnen des Gens, untersuchen sie auf ihre klinische Beeinträchtigung, die ihnen oft nicht bewusst ist. Genetik ist nur ein Aspekt. Wenn ein Mann mit Hämophilie zwei Töchter hat, sind beide Konduktorinnen, können aber unterschiedlich schwer betroffen sein. Diese Mechanismen versuchen wir zu verstehen.
STANDARD: Sind die molekularen Mechanismen bekannt?
Pabinger: Man kennt die Mutationen und den Schweregrad, aber wir wollen die molekularen Grundlagen und Vererbungsmuster noch besser kennenlernen und arbeiten deshalb eng mit dem Christine-Mannhalter-Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik zusammen.
STANDARD: Was hätte eine genetische Beratung zur Folge?
Pabinger: Dass wir bei der Pränataldiagnostik in der zehnten Woche den Grad der Beeinträchtigung feststellen und Frauen sich dementsprechend entscheiden können. Bei In-vitro-Befruchtung könnte man mit Präimplantationsdiagnostik sogar von vornherein die Dinge gegen Hämophilie beeinflussen, nur das ist in Österreich nicht erlaubt. Im Falle der Hämophilie ist das eine interessante Option, wirft aber ethisch-religiöse Fragen auf.
STANDARD: Wie beeinträchtigt sind Menschen durch Hämophilie?
Pabinger: Grundsätzlich kann jeder Bluter therapiert werden, die gefürchteten Blutungen in die Gelenke können durch die regelmäßige Gabe von Infusionen verhindert werden. Die meisten spritzen sich heute die Medikamente selbst, je nach Schweregrad zwei- bis viermal wöchentlich. Bei etwa 25 Prozent der schwer Betroffenen bilden sich Abwehrstoffe gegen die Medikamente, aber auch da gibt es Alternativen. Mit Hämophilie kann man heutzutage dank Medikamenten ganz gut leben. Ohne sie hätten Patienten eine Lebenserwartung von 20 Jahren und hätten große Schmerzen.
STANDARD: Man sagt, dass Sie fast jeden Bluter in Österreich kennen?
Pabinger: Wir haben vor zwei Jahren mit dem Aufbau eines österreichweiten Registers begonnen, das möglichst viele Betroffene erfassen soll. Dadurch, dass Hämophilie eine lebenslange Erkrankung ist, gibt es einen engen Kontakt zwischen Arzt und Patient und ja, wir kennen viele Patienten persönlich. Es ist uns bereits gelungen, innerhalb der Hämophilie unterschiedliche Gruppen zu klassifizieren, etwa auch um Vorhersagen darüber zu treffen, wie Therapien anschlagen. Das Register ist für die genetische Beratung und Therapie wichtig.
STANDARD: Welche Probleme können sich ergeben?
Pabinger: Die Therapie hat sich seit den 40er-Jahren kontinuierlich entwickelt. Zuerst gab es die Möglichkeit des Bluttransfers, in den 70er-Jahren konnte man Faktor VIII und IX aus dem Plasma gewinnen. Eine Katastrophe für Bluter war das HI-Virus, fast die Hälfte der Bluter wurde durch Faktorenkonzentrate infiziert, mehr als 70 Prozent sind mittlerweile an Aids gestorben. Eklatante Probleme haben wir auch mit dem Hepatitis-C-Virus, das bei einer Reihe von Patienten Leberzirrhose ausgelöst hat. Betroffene warten auf Lebertransplantationen, mitunter sterben sie vorher. Bluter, finde ich, sollten Vorrang haben. Gut ist, dass es seit 25 Jahren keine Virusübertragungen über Konzentrate mehr gibt.
STANDARD: Ließe sich Hämophilie genetisch reparieren?
Pabinger: Es gab bereits Versuche. Theoretisch wäre Hämophilie ein Paradebeispiel für eine Gentherapie. Die Idee: Man schleust Viren, zum Beispiel Adenoviren, in den Körper ein. Da wir den Gen- defekt kennen, würde er sich durch die manipulierten Viren reparieren lassen, und die Patienten wären geheilt. Die Versuche, die es in den USA bereits gab, wurden allerdings von der FDA abgebrochen, weil die Gentherapie auch zu Leberschäden führte. Es gibt auch Versuche mit Stammzellen, ich denke aber, dass es noch mindestens zehn Jahre dauern wird, bis wir Patienten auf diese Weise behandeln können. Vor allem: Die jetzige Therapie ist gut, eine Gen-therapie derzeit zu gefährlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.02.2010)
Zur Person
Ingrid Pabinger-Fasching (53) ist Professorin für Hämostaseologie an der Med-Uni Wien. Sie arbeitet an der Abteilung für Hämostaseologie und Hämatologie der Medizinischen Klinik I am AKH Wien.