Über Graz kreist der Pleitegeier, das Umland blüht auf

8. April 2003, 20:37
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Mit Österreichs neuer Shoppingmeile zieht die kleine Gemeinde Seiersberg erfolgreich Kaufkraft und Investoren von Graz ab

Seiersberg - Der Kran ragt bedrohlich gen Himmel. Beschützend steht er neben dem tiefen Erdloch, das gleich neben dem Gemeindeamt klafft. Was hier gebaut wird? "Pah, das weiß ich jetzt gar nicht, irgendeine Firma", zuckt Werner Breithuber die Schultern. Nicht dass er den Überblick verloren hätte, aber bei der Fülle an Bauprojekten, die in seiner kleinen Gemeinde gegenwärtig hochgezogen werden, ist es ihm glatt entfallen.

An der Wand im neu designten Bürgermeisterbüro hängt an prominenter Stelle - schön unter Glas - der Ortsplan von Seiersberg. Sein Blick streift über das bunte Kartenwerk: "Ja, es macht wirklich Spaß, Bürgermeister zu sein, da kannst noch was gestalten", schmunzelt Breithuber.

Grün und blau Geärgerte

Und genau darüber, dass dieser umtriebige SP-Bürgermeister so gern gestaltet, ärgern sich die Politiker der angrenzenden Landeshauptstadt grün und blau. Sukzessive hat er auf seinem Gemeindegebiet Österreichs bald größtes Einkaufszentrum entstehen lassen, das massenweise Kaufpublikum aus der Landeshauptstadt und Slowenien abzieht. Ein gewaltiges Ding, diese "ShoppingCitySeiersberg": 120 Einzelgeschäfte samt Gastromeilen und Hotel, weitere Einkaufsläden sollen folgen.

Und um die Grazer noch mehr zu hänseln, wurde jetzt auch ausgerechnet das lieb gewonnen neue architektonische Wahrzeichen der Stadt, der 2003-Uhrturmschatten, aufgekauft. Er soll im Shoppingcenter in ein Caféhaus umgestaltet werden.

Lächeln über Klagen

Die Grazer Innenstadtkaufleute laufen samt Rathauspolitiker jedenfalls Sturm. Über die gerichtlichen Klagen, die bereits laufen, und die Seiersberger zu einer Umweltverträglichkeitsprüfung zwingen sollen - samt möglichem späteren Abbruch der Shoppingcity - kann der clevere Bürgermeister nur lächeln. "Wenn S' glauben, dass es was nutzt", winkt Breithuber beim STANDARD-Lokalaugenschein in seinem von Goldgräberstimmung erfassten Dörfchen ab. Jeder Schritt sei von Spitzenjuristen geprüft, "das Land hat uns genau auf die Finger geschaut", sagt Breithuber. Das Rechtskonstrukt sei gefinkelt, aber wasserdicht.

Während die Rathauspolitker der Landeshauptstadt gerade verzweifelt nach Auswegen aus der drohenden Pleite ringen, überlegt Breithuber, was er seinen Gemeindebürgern noch an guten Taten antun könnte. Die letzten Jahre der Betriebsansiedlungen haben ja einen wahren Geldsegen über dem Ort niedergehen lassen. Das Budget explodierte von ehedem 2,5 auf 8,5 Millionen Euro. Damit lässt sich schon einiges vergolden.

Neuer Wohlstand

Seiersberg steht heute prächtig da: eine neue Feuerwehr, das neue Gendarmeriegebäude, die innen toprenovierte Gemeinde, ein 220 Meter langer Skilift samt Schneekanonen, ein Gratisbus in Kärntner Skigebiete oder der "Kindergarten für Erwachsene" (Breithuber). In diesem Pilotprojekt werden Pflegebedürftige therapiert und gepflegt. Auch Private werden vom Innovationsgeist erfasst. Demnächst wird ein Tauchzentrum samt Pool am Dach eröffnet.

Der Grund, warum Seiersberg derzeit dermaßen boomt, liegt für den Ortschef, der ob seines Polittalents seit Dienstag auch im Landtag sitzt, auf der Hand. "Es ist die Bürokratie der Stadt Graz." Viele Unternehmer seien "total frustriert" aus Graz gekommen. Breithuber: "Wir haben sie herzlich mit offenen Armen und kurzen Genehmigungsverfahren empfangen." (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

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