Der erste Friedenstext zum großen Krieg

9. April 2003, 12:50
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Elfriede Jelineks "Bambiland" im Internet

Am Ende steht nicht das Ende, sondern das, was eigentlich am Anfang stehen hätte sollen - das Nachdenken und Mitdenken: Elfriede Jelinek hat vor einer Woche eine der klügsten Äußerungen zum hoffentlich bald endenden Irakkrieg (den erfundenen und - wie viel Erfundenes - blutig exekutierten) auf ihre Homepage gestellt und am 5. April um einen Epilog Gottes ergänzt.

Bambiland, so der Titel des dramatischen Monologs, ist deshalb so interessant, weil er die Meldungen aus Zeitungen und TV nicht verlässt, aber diese einer Vielzahl von Fragen aus dem gesunden Menschenverstand unterwirft (etwa: Wie viel Benzin - Öl! - braucht ein Panzer auf 100 Kilometern?).

Die Medienbeobachterin (nicht: Kriegsbeobachterin, die sind ja "embedded" dabei) Jelinek stolpert hier ganz absichtlich über ungeheure Meldungen, die an allen in den letzten Wochen vorbeizogen: Waffensysteme und deren Kosten, "Kollateralschäden" an der Zivilbevölkerung und die Suche nach einem feindlichen Heer, das geballt ebenso wenig auftauchte wie vermutete und als Kriegsanlass genommene Giftgaslager.

Zugleich stellt Elfriede Jelinek aber diese Meldungen in den Zusammenhang eines - ebenfalls medial inszenierten - "Clash of cultures" und fragt danach, was die Definitionen von "Fremdheit" und deren Auslöschung in einem sich religiös oder menschenrechtlich gebenden neuen Imperialismus bedeuten. Und wie die konstruierten Gegensätze zwischen "den Sandnegern dort" und der angeblichen "Welt der Gefühle, wie nur wir im Westen sie kennen" aufzuheben wären. Der Text ist also, Klischees unterwandernd, nicht nur einer über den Krieg, sondern Basis für einen möglichen Frieden.

Ins Internet stellt die Autorin, fast wie Zeitungen und Fernsehen, zum Text die Bilder. Aber bei ihr dominieren die Bilder nicht den Text und werden außerdem schon kritisch komponiert: Da sind etwa Piktogramme amerikanischer Waffensysteme, Kampfbomber und Raketen.

Kontrastierend zu einem Hochglanzfoto (inklusive Firmenzug) der "Tomahawk Cruise Missile" - dem Hauptwerkzeug der neuen Kulturbringer - stellt Jelinek aber Bildmaterial, das die jahrtausendealte Kultur des Zweistromlandes zeigt: das Gilgamesch-Epos; Musiker im Palast Ashurbanipals (9. Jh. v. Chr.); aus demselben auch ein Relief mit Pferden, die liebevoll gestriegelt werden - Darstellungen einer Epoche, welche die Natur noch nicht funktionalisierte. Dagegen im Text das Erschaudern: Delfine, die zur Minensuche eingesetzt werden ("gute Mine zum bösen Spiel"), extra importiert aus San Diego, "auch noch viel teurer als ein Mensch". Menschen sind nicht teuer, das Leben im Krieg, so lässt sich folgern, ist nicht teuer.

Wirklich teuer und für das pervertierte moderne Denken deshalb "wertvoll" ist die Waffentechnik, deren Fachausdrücke jetzt wochenlang durch die Meldungen geisterten, Wunderwerke wie "das hoch effiziente Turboverdichter-Strahltriebwerk, sowas hätten Sie auch gern, was? Im Gegensatz zu Ihnen, die Sie leider oft am Ziel vorbeischießen, besteht hier eine geringe Abschussgefahr, Lieferzeit bei Stückzahlen unter 100 sofort" - und was kostet das Stück, bitte? 650. 000 Dollar, "leider ohne Warhead". Und dann fliegt es, trotz "kartengestütztem Bodenradar", genau in einen belebten Markt hinein.

Die Delfine, die Menschen (inklusive der die Waffen begleitenden Servicetechniker) - sie sind der Technik unterworfen wie das vermeintliche "Sklavenvolk" seinem Saddam Hussein. Der "Marschflugkörper" ist der neue Gott, den die neue "Dreieinigkeit" aus Bush, Blair und Cheney dem durch den bösen Islam, der angeblich so falschen Religion, verdorbenen Land als Botschaft sendet.

Im Unterschied zu den Massenmedien bleibt Elfriede Jelinek hier auch nicht gebannt an der Gegenwart haften, sondern blickt - janusköpfig wie Walter Benjamins "Engel der Geschichte" - zugleich weit zurück und in die Zukunft. Deshalb unterlegt sie ihrem Text noch das Modell der antiken Perserkriege, wie sie Aischylos nach der persischen Niederlage bei Salamis darstellte - wobei Aischylos nicht aus der Perspektive der Sieger vorging, sondern in Die Perser deren Kultur prachtvoll auftreten ließ.

Ferner: Der Text dreht die verdrehte Sprache wieder um, gibt ihr Geschichte und Vielfalt zurück. "Osternester" konfrontiert Jelinek mit "Bombennestern", die einst religiöse "Kunde von oben" mit Bombentechnik und deren "Kunden". Sie wendet die Modeausdrücke "explosives Gemisch" frech auf die Friedensbewegung an, diese von den Realpolitikern verachtete Menschengruppe, die ihrerseits einen, aber eben einen anderen, "Straßenkampf" führt.

Das Programm dieses Textes: die Tatsachen anspringen und "sie verdrehen, dass sie nach hinten schauen", also in die Geschichte - und in eine Natur, die sich auch heute noch wehrt: Der ins Getriebe wehende Sandsturm ist der Verbündete gegen eine aufs Töten reduzierte Technik. Auf sehr komplexe Weise ist hier ein Friedenstext entstanden: Aussöhnung - aber keine billige - mit Natur; Verstehen - aber kein billiges - von Kultur. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe 09.04.2003)

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