Kontra: Weniger ist Unsinn

8. April 2003, 19:09
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Nicht Kürzung, sondern Mut zu intelligentem Mehraufwand wäre jetzt gefragt - Von Claus Philipp

Die Behauptung, man käme einer Überforderung unserer Jugend in Schulen mit einem Abschlanken der Lehrpläne und einer Reduzierung des Stundenpensums bei - diese Behauptung bleibt auch in gebetsmühlenartiger Wiederholung Unsinn. Wenn etwa Gymnasiasten überfordert sind, dann meist auch durch Eltern, die ihre Zöglinge nicht selten mit aller Gewalt, aber wenig Zeitaufwand dem Akademikertum entgegentreiben wollen. Die Aggressionen, die dann gegenüber "lästigen" Fächern wie Latein aufkommen: Aus ihnen spricht nicht selten der Wille, möglichst ohne Anstrengung möglichst gute Resultate zu erzielen. Da lügt man sich trotz zunehmend komplexerer Anforderungen an die Auszubildenden in die eigene Tasche.

Und gerade diesen komplexeren Anforderungen kommt man eben mit Kürzungen von Unterrichtszeit und Geld definitiv nicht bei. Schwächen in den gegenwärtigen Lehrplänen können nicht zur Folge haben, dass man in den Lehrplänen reale oder vermeintliche Schwachstellen eliminiert. Vielmehr müssten an die Stelle tatsächlich vernachlässigbarer Inhalte andere treten. Hat Frau Minister Gehrer zum Beispiel schon einmal etwas von "Medienerziehung" (gibt es kaum) gehört? Kann es sein, dass man den Fremdsprachenunterricht nicht eher doch ausbauen sollte, anstatt ihn auf vielerlei Weise auf Pseudoschnellkurse zu reduzieren? Ist es möglich, dass nach bereits erfolgter Reduktion vieler Freigegenstände Kunst, Kreativität und politische Bildung in unseren Schulen längst zu kurz kommen?

Also: Nicht Kürzung, sondern Mut zu intelligentem Mehraufwand wäre jetzt gefragt. Auch und gerade in Sparzeiten. Sonst entstehen in den nächsten Jahren Defizite, für die irgendwann ein ungleich höherer Preis bezahlt werden muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

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