"Dreamcatcher": Würmer, die die Welt nicht braucht

23. Juli 2004, 12:32
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Lawrence Kasdans "Dreamcatcher" gerät zu einer holprigen Rallye durch Stephen Kings Erlebniswelten

Was passiert, wenn Aliens in den Wäldern von Maine abstürzen und US-Spezialeinheiten darauf nur mit "shock and awe" antworten, zeigt Lawrence Kasdans eher holprige Stephen-King-Verfilmung "Dreamcatcher".


Wien - Das unheimlichste Bild des Films: jähe Flucht. Die Tiere des Waldes - vom Eichkätzchen bis zum Bären - verlassen geschlossen ihr natürliches Terrain, alarmiert von einer noch unbekannten Gefahr. Ein Instinkt, der den vier Männern, die mit Bier und schlechten Witzen zu einer Hütte gereist sind, leider fehlt - obwohl sie seit Kindheitstagen die Gedanken anderer zu lesen vermögen.

Pete, Jonesy, Beaver und Henry müssen erst sehen, um zu verstehen. Und was sie sehen, ist ziemlich ekelhaft: Einen alten Mann (und dessen Frau) mit Blähbauch und einer sich rasch ausbreitenden rötlichen Flechte auf der Stirn; einen Wurm, der sich durch deren Hintern ins Freie frisst, um sich sogleich zähnefletschend auf sein nächstes Opfer zu werfen.

Was wie nach der Beschreibung eines schrottigen B-Horrorfilms aus einem der angestaubteren Videothekenregale klingt, ist die jüngste Stephen-King-Verfilmung Dreamcatcher. Meistens entschied über deren Qualität der Regisseur - wobei Shining oder The Dead Zone zeigen, dass bei der Adaption der Bücher des US-Horrorautors eher Zurückhaltung gewinnt.

Mit Lawrence Kasdan verfügt Dreamcatcher über einen ungewöhnlichen Regisseur, der zwar als Drehbuchautor mit populären Stoffen (Indiana Jones) Erfahrung hat, in seinen eigenen, privateren Filmen (The Accidental Tourist, Grand Canyon) jedoch die Nöte von Großstadtmenschen thematisierte. Dreamcatcher scheint nun in mancher Hinsicht beides vereinen zu wollen - ein Blockbuster, der sich ungewohnt ausführlich für Psychologie interessiert, während die Attraktionen darin sparsam gesetzt sind und stets etwas billig aussehen.

Das wäre ein durchaus sympathischer Ansatz, merkte man dem Film nicht die Mühe an, eine ausufernde Story auf 130 Minuten Spielfilmlänge einzuschmelzen: In Dreamcatcher bruchlanden Aliens schon zum wiederholten Male auf der Erde - ein Geschehen, das nicht nur zu leicht satirischen, militärischen Grabenkämpfen veranlasst (Frontschwein Morgan Freeman gegen Pragmatiker Tom Sizemore), sondern eben auch das Talent der vier Freunde auf die Probe stellt. Über Rückblenden wird die Herkunft ihrer Fähigkeiten geklärt; sie gehen auf ihren behinderten Freund Duddits (Donnie Wahlberg) zurück - die Schlüsselfigur zu den Aliens.

Das anfängliche Kammerspiel unter ganz durchschnittlichen Männern - ein Topos, der Kasdan eigentlich liegen sollte - wirkt spätestens dann deplatziert, wenn Body-Horror und Alien-Invasionsfilm das Kommando übernehmen. Kasdan geht King leider viel zu wörtlich an: Jede Fantasie versucht er sich auszumalen, sogar das Chaos im Kopf eines Menschen. Die disparaten Teile wollen sich zu keinem organischen Ganzen fügen - der Film gleicht vielmehr einer holprigen Rallye durch den noch zu eröffnenden Stephen-King-Erlebnispark. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

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    foto: warner
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