Stoff für Mythen

8. April 2003, 18:57
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Wer weiß, wo Saddam dereinst gesichtet werden wird? - Von Gudrun Harrer

Eines ist klar geworden nach dem abermaligen Versuch der US-Armee, Saddam Hussein mit einem gezielten Angriff ins Jenseits zu befördern: Es könnte sein, dass das Schicksal des irakischen Diktators einmal nicht mehr mit Sicherheit zu klären sein wird. Was eine Bunkerknackerbombe von dem, den sie direkt trifft, so übrig lässt - nämlich so gut wie gar nichts -, könnte der Stoff sein, aus dem Mythen entstehen: Wer weiß, wo Saddam dereinst gesichtet werden wird.

Was schlimmer ist als diese Geschichten, die sich angesichts der angeblichen Doppelgänger ohnehin nicht vermeiden lassen werden, ist, dass ein lediglich verschwundener Saddam nicht ausreichen wird, damit seine Anhänger aufgeben. Sie mögen teilweise noch immer an das Unmögliche glauben - tägliches Beispiel für die atemberaubende Realitätsverweigerung ist der Informationsminister, der den Journalisten, praktisch während hinter ihm die Panzer vorbeifahren, erklärt, dass keine Amerikaner in Bagdad seien. Andererseits sind wohl aber auch einfach die Regeln so: Solange der Führer noch lebt, ist die Loyalität nicht erloschen. Und das ist schlecht für alle Beteiligten.

Interessant würde es werden, wenn es - was eher unwahrscheinlich ist - den USA gelänge, Saddam Hussein lebend zu ergreifen. Für alle, die diesen Krieg als völkerrechtswidrig bezeichnen, könnte er dann erst einmal höchstens als Kriegsgefangener behandelt werden - was einer der Gründe ist, warum man den Begriff nicht gerne in den Mund nimmt: Die europäischen kriegsgegnerischen Regierungen reden allesamt von "nicht legitimiert". Deshalb wird es auch nie ein internationales Gericht für Saddam geben, sondern am ehesten ein irakisches, das als Marionettengericht der Amerikaner in die Geschichte eingehen wird, gleich ob zu Recht oder zu Unrecht. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

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