STANDARD-Montagsgespräch: Österreich einer der größten Nutznießer

8. April 2003, 18:51
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Vor allem Mittelbetriebe und qualifizierte Arbeitskräfte profitieren

Von der Osterweiterung können vor allem Mittelbetriebe und qualifizierte Arbeitskräfte profitieren, konstatierten Experten beim Montagsgespräch von STANDARD und Radio Wien. Eva Stanzl dokumentiert.

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Wien - "Die Hauptauswirkungen der EU-Erweiterung werden nicht im globalen, sondern im strukturellen und einzelbetrieblichen Bereich zu sehen sein", eröffnete der stellvertretender Generaldirektor der EU-Kommission das STANDARD-Montagsgespräch im Haus der Musik: "Weil die gesamte Wirtschaftsleistung der neuen EU-Mitglieder mit 0,2 Prozent Wachstum nicht überragend ist, wird die EU eher weniger profitieren", sagte er als ranghöchster österreichischer Beamter. Ganz anders als Österreich, das seit der Ostöffnung "intensive Handelsverschränkungen" mit den neuen Mitgliedsländern aufgebaut habe und daher einer der größten Nutznießer sein werde - überdurchschnittlich in der EU.

Nach der Ostöffnung habe Österreich seine Handelsüberschüsse erhöht, wodurch Arbeitsplätze geschaffen werden konnten, sagte Zourek. Die Ostöffnung habe die Osterweiterung somit zum Teil vorweggenommen, sodass die positiven Effekte "nicht mehr so groß ausfallen können wie erhofft". Zourek sah Chancen vor allem für Klein- und Mittelbetriebe, die nun über Mischkalkulationen wettbewerbsfähig sein können. Schwierig werde es aber für den Niedriglohnsektor, "der einem starken Konkurrenzdruck ausgesetzt sein wird."

Aufgrund des Irakkriegs befürchtete Zourek außerdem eine "Umschichtung der Mittel": Gelder, die für die Integration der neuen Mitglieder gedacht waren, fließen nun in die Außenpolitik: "Kriegskosten, die zusätzlich zu bestehenden Budgetdefizit getragen werden müssen, können sich auf unsere Exportmöglichkeiten und damit auch auf den Arbeitsmarkt auswirken."

Als einen "wirklichen Kraftakt" bezeichnete Martin Essl, Vorstandsvorsitzender der Baumax- Gruppe, die Erweiterung um zehn Kandidatenländer. - Ein Kraftakt, den man behutsam "mit Demut" angehen müsse, denn "vor unserer Haustür haben wir die Möglichkeit, in Zentraleuropa eine ganz wichtige Rolle einzunehmen", sagte Essl.

Der Baumax-Chef illustrierte das anhand seiner eigenen Erfahrungen als Unternehmer, der 45 Prozent seines Umsatzes außerhalb Österreichs realisiert: "Wir haben uns lange auf jedes einzelne Land vorbereitet, um auf die lokalen Bedürfnisse einzugehen. 40 Prozent unseres Sortiments in Zentraleuropa kommt von vor Ort, wodurch auf die unterschiedliche Kaufkraft eingegangen werden kann."

"Es gibt nicht nur ein Osteuropa", stimmte der Wirtschaftsprüfer Bernhard Gröhs zu: "Eine der Voraussetzungen für Erfolg ist, die Besonderheiten des Marktes zu kennen." Der Geschäftsführer von Deloitte & Touche Österreich sieht einen "kulturellen und geographischen Riesenvorteil, weil wir uns gut auskennen auf diesen Märkten." Österreichische Unternehmer seien, weil kleiner, flexibler als deutsche oder US-Firmen. Wir genießen "aufgrund unseres natürlichen Auftretens einen Sympathiewert im Osten." Die Nachteile, meinte Gröhs, "liegen auf der Finanzierungsseite", sprich einem unterentwickelten Kapitalmarkt, der nur für wenige, börsennotierte Unternehmen die Voraussetzungen für Expansionen schafft."

"Die Wirtschaft ist der Politik längst vorne weg geeilt", konstatierte Wilhelm Hemetsberger, Vorstand der Bank Austria-Creditanstalt. Die österreichischen Banken "leben davon, dass es Osteuropa gibt, weil ihre Wachtumfantasie dort liegt." Daher bekommen sie auch auf dem Kapitalmarkt Geld, weil sie in Osteuropa Expansion glaubhaft zeigen können, meinte Hemetsberger. Österreich hätte bereits überproportional von der Erweiterung profitiert, denn "unsere Exporte dort hin haben sich vervierfacht", wodurch auch " hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen" wurden.

Ein Problem sei aber die Infrastruktur: Fehlende Verkehrsanbindungen seien ein Konkurrenznachteil. "Nach Berlin leben wir im wahrscheinlich größten Ballungsgebiet Europas. Wenn sich Wien nur richtig positioniert, kann es in der Mitte dieses Entwicklungspotenzials sitzen und profitieren." An dieser Stelle erwähnte Zourek, dass die Entscheidungen über die Infrastruktur aber nicht auf EU-Ebene, sondern national zu treffen seien: "Damit die EU was dazuzahlt, muss Österreich ein Projekt vorschlagen. Das schwierigste bei Schlüsselverhandlungen ist aber die Einigung der Bundesländer, wer für was wie viel bekommt."

Der Wiener Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm äußerte Befürchtungen zum Arbeitsmarkt. "Wir haben am Vorabend des Beitritts die höchste Zahl an Arbeitslosen seit 1945." - Welche glaubwürdige Strategie werde es geben für die schlechter Qualifizierten, die möglicherweise unter die Räder kommen? Wo ist Weiterbildung ein Thema? Diese Fragen stellte Muhm in den Raum, und gemahnte, die sozial Schwächeren nicht fallen zu lassen: "Die, die den Anpassungsdruck spüren, brauchen glaubwürdige Hilfestellungen und das ist Sache der Politik, damit alle die Vorteile dieser Erweiterung ernten können." (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

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