Die Freigabe der Rechte an Sigmunds Freuds Werken hat außerhalb des deutschsprachigen Raumes gewichtige Folgen
Siebzig Jahre nach dem Tod Sigmund Freuds sind die Publikationsrechte mit 1. Jänner 2010 weltweit freigeworden. Während dies im deutschen Sprachraum verlegerische Fragen aufwirft, gehen die Konsequenzen anderswo viel weiter: Wer will, kann nun Freud übersetzen. Und wenn man bedenkt, welche Bedeutung der Begründer der Psychoanalyse jedem Wort beimaß, lassen sich die Auswirkungen wohl erst erahnen.
In Frankreich, laut der Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco "das freudianischste Land der Welt", wirkt sich der Übergang in die "domaine public" besonders stark aus. "Sein Werk war lange Zeit in einer psychoanalytischen Festung eingemauert", meint der Freud-Übersetzer Dorian Astor mit Bezug auf die uniformierte Fassung, welche die Internationale Vereinigung für Psychoanalyse im Französischen über die "Presses universitaires de France" (PUF) durchgesetzt hatte. Für das breite Publikum war sie wenig verständlich, und der Germanist Astor sieht in ihrem Einheitlichkeits- und Endgültigkeitsanspruch gar einen "totalitären Reflex". Roudinesco nennt die Freigabe der Freud-Rechte deshalb einen "Moment des Glücks und der Freiheit".
PUF-Mitherausgeber François Robert warnt hingegen: "Jede neue Übersetzung ist willkommen. Aber Achtung, es darf nicht zu einer Regression kommen!" Dies wäre laut Robert der Fall, wenn man Freuds klare Sprachregelung missachte und so zu einer Nivellierung beitrage. "Vielfalt ja, Eklektizismus nein", meinte Robert dieser Tage in Le Monde.
Die Debatte zwischen den französischen Gralshütern der Psychoanalyse und einer eher literarisch-philosophischen Übertragung dürfte in Paris noch lange wogen. Mehr jedenfalls als der alte Streit um Freuds "Unbehagen in der Kultur", den deutsche Medien emporstilisieren. Die Süddeutsche Zeitung meint etwa, die Publikationsfreiheit seit dem 1. Jänner bringe "neuen Schwung" in den einst so heftigen nationalistischen Disput "zwischen deutscher 'Kultur' und französisch-jüdischer 'Zivilisation'". Viele Franzosen staunen über den Rückgriff auf ein überholtes - oder zumindest überholt geglaubtes - Vokabular; sie fragen sich, wie sich denn das notgedrungen "deutsch-unjüdische" Pendant auf die Person Freuds anwenden lasse.
Als Beleg für das Wiederaufflackern des alten Kulturstreites über den Rhein hinweg wird in Deutschland der Freud-Übersetzer Bernard Lortholary angeführt, der Freuds "Unbehagen in der Kultur" weiterhin mit "Malaise dans la civilisation" übersetzt. Aber dies geschieht gerade nicht aus kulturkämpferischen Motiven, meint doch Lortholary ausdrücklich: "Wir befinden uns nicht mehr in jener Zeit." Wenn er "Kultur" mit "civilisation" wiedergibt, dann hat dies seinen Grund nicht in der Abgrenzung zur deutschen Kultur, sondern im französischen Begriff "culture" selbst: Einen Titel "Malaise dans la culture" würde ein Franzose heute in dem Sinn missverstehen, dass etwa Kulturminister Frédéric Mitterrand ein Problem habe, meint der angesehene Freud-Übersetzer.
Sein Kollege Astor übersetzt den Titel ohnehin als "Malaise dans la culture". Damit will er sich ebenfalls von vergangenen Disputen über den Rhein hinweg lösen: "Den Begriff 'Zivilisation' zu benützen wäre eine Rückkehr zum alten Gefühl französischer Überlegenheit wie in den 1930er-Jahren", erklärte er in Le Monde.
Auch der orthodoxe "Freudologe" François Robert belässt den Titel "Malaise dans la culture". Ihn interessiert einzig die bestmögliche Werkinterpretation, und Freud habe in der Kultur nun einmal eine Triebsublimierung oder -verdrängung im Unterschied zur "Natur" gesehen.
In der Defensive
Dieser inhaltlich-psychoanalytische Ansatz befindet sich heute in Paris in der Defensive. Die PUF-Ausgaben, die in ihrer "freudologischen" Neusprache Ausdrücke wie "désirance" statt "désir" (Lust) erfunden hatten, stoßen heute selbst bei Analytikern auf Kritik. Als Gegenreaktion wird Freud in den neuen Übersetzungen "entpsychoanalysiert", wie sich Roudinesco ausdrückt: Die neueren französischen Übersetzungen orientierten sich eher an der Philosophie und Literatur. "Das ist eine Rückkehr zu Freuds Sprache, seinem Deutsch, und zum Kontinentaleuropa, in dem die Psychoanalyse entstanden ist."
Indem Roudinesco das gemeinsame Spracherbe betont, macht sie auch klar, dass die neue Dynamik der französischen Freud-Übersetzungen selbst dem deutschsprachigen Raum Impulse geben könnte. Der deutsche Originaltext steht unverrückbar fest. Das hat den Vorteil, dass im Unterschied zu Paris, London oder Buenos Aires keine heiklen Übersetzungsdebatten nötig werden.
Diese haben aber auch ihr Gutes, da sie das Erbe - nicht das Originalwerk - Freuds weiterführen. Vielleicht konnte nur ein Amerikaner (Alan Dundes) die "anale Struktur" des deutschen Nebensatzes (Verb am Ende) herausfinden; und sicherlich brauchte es einen perfekt zweisprachigen Autor wie Georges-Arthur Goldschmidt, um den tiefenpsychologisch relevanten Unterschied zwischen deutscher und französischer Sprachstruktur herauszuarbeiten. Französische Übersetzer müssen sich nicht nur fragen, was Freud mit "Kultur" meinte, sondern auch, wie sie Wörter wie "Angst", "Sprache" oder "ich" übersetzen, für die es im Französischen jeweils zwei Möglichkeiten (peur/angoisse, langue/langage, je/moi) gibt.
Die nie endende Frage der Freud-Übertragung in eine Fremdsprache kann deshalb neue Rückschlüsse auf den Originaltext zulassen. Nach dem deutsch-französischen "Kulturstreit" wird die Freigabe der Freud'schen Verlagsrechte vielleicht die gegenseitige Bereicherung und Dynamisierung der psychoanalytischen Debatte erlauben. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 16.02.2010)
Zitiert
Etwas ist sicher: Die Herausgabe der Werke Freuds wird nun Sache der Schriftsteller, Akademiker und Historiker. Nach Jahrzehnten der Debatten und Verwirrung gilt Freud heute außerhalb der psychoanalytischen Kreise - abgesehen namentlich von Deutschland - als einer der großen Denker seiner Zeit. Das wird neue antifreudianische Kampagnen auslösen wie vor zwanzig Jahren durch die Vertreter eines barbarischen Behaviourismus.
Elisabeth Roudinesco, Pariser Psychoanalytikerin und Historikerin