Die Tonkünstler und das London Symphony Orchestra
Wien - Der Begriff Energie - er darf in Zusammenhang mit beiden am Sonntag zufällig in zeitlicher Nähe und im Wiener Musikverein aktiven Herren Erwähnung finden: Sowohl Tonkünstlerchef Andres Orozco-Estrada als auch Valery Gergiev, der mit seinem London Symphony Orchestra anreiste, verstehen es, Klangkörper unter "Strom" zu setzen. Und das ist, wenn auch nicht alles, so doch eine ziemliche Menge, wenn es darum geht, interpretatorische Präsenz zu erlangen.
Man spürt denn auch deutlich, wenn etwa die Tonkünstlerstreicher bei Brahms' 1. Symphonie kollektiv markante, hitzige Akzente setzen, dass Orozko-Estrada über den Energieweg Strukturen von Unverbindlichkeit befreien will. Durchaus markant - und: Nach Einigen Minuten für Orchester, einem gediegenen neuen Stück von Horst Ebenhöh und dem wilden 1. Klavierkonzert von Prokofjew, das Andrei Gavrilov hitzig zum Leben erweckte, war auch bei Brahms somit kein Spannungsabfall zu verzeichnen. Natürlich wäre mehr Klangfülle und Phrasierungsflexibilität vorstellbar; der Kolumbianer hat allerdings erst kürzlich mit seiner Tonkünstlerarbeit begonnen.
Etwas länger steht Gergiev dem Londoner Orchester vor. Der genialische Spontane, der sich gerne ein bisschen viel (an Reisekilometern) zumutet, bleibt ob seiner Umtriebigkeit musikalisch aber immer ein wenig unberechenbar. Immerhin: Beim Petruschka (Fassung 1947) schafft er es, die Farbpracht relativ klar und intensiv rüberzubringen, ohne jedoch den Bereich des Soliden zu verlassen.
Beim Violinkonzert von Brahms hingegen wird nur der zumeist blühenden, nur im Pianissimo mitunter fragile Ton von Leonidas Kavakos in Erinnerung bleiben. Das Orchester wirkte unscheinbar und damit beschäftigt, nicht immer entschlossen mitzuatmen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 16.02.2010)