Bernard-Henri Lévy

Botulismus oder der paraguayanische Imperativ

15. Februar 2010 17:31
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    bernard-henri lévy

    Einem intellektuellen Schabernack aufgesessen: Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy ging einer fiktiven Biografie eines sextollen Immanuel Kant auf den Leim.

Alles war bereit für die neueste Medienoffensive des französischen Starintellektuellen - Doch dann stolperte er über ein philosophisches Sandkorn

Kann man, philosophisch betrachtet, auf sich selbst hereinfallen? Diese Frage wühlt derzeit das Tout-Paris auf, jenes Weltdorf also, wo noch der Esprit regiert und dank seiner die ewig junge Gilde der "nouveaux philosophes", verkörpert durch ihren wichtigsten Exponenten Bernard-Henri Lévy, der mit seinem Markenzeichen BHL längst zu einem Werbeträger seiner selbst geworden ist und den so viele Gedanken beschäftigen, dass er sie alle paar Monate zwischen Buchdeckeln bändigen muss.

Für Mitte Februar ritt BHL gleich eine doppelte Attacke auf die Buchauslagen von Saint-Germain-des-Prés. In dem 1300-Seiten-Wälzer Pièces d'identité versammelt er frühere Texte, und zur Erholung davon schiebt er den kleinen Essay De la guerre en philosophie nach. Keine französische Zeitung oder Zeitschrift, die etwas auf sich hält, kommt an dieser geballten Ladung BHL vorbei; kein TV-Studio, keine Radiostation kann sich dem "événement" verschließen.

Bloß spricht jetzt in Frankreich niemand mehr über den Inhalt dieser Werke. Oder besser gesagt nur über eine Passage auf Seite 122 des "Philosophiekrieges" . In einem allgemeinen Rundumschlag gegen Immanuel Kant zitiert BHL an dieser Stelle einen Philosophen namens Jean-Baptiste Botul. Dieser habe, "nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Vortragsreihe bei den Neokantianern in Paraguay gezeigt, dass ihr Held ein falscher Abstrakter war, nur dem Anschein nach ein reiner Geist", schreibt Lévy.

Kantwurst erzeugt Botulismus

Dummerweise verhält es sich mit Jean-Baptiste Botul wie mit dem Weihnachtsmann: Es gibt ihn nicht. Wie eine findige Journalistin des Nouvel Observateur eruiert hat, ist er eine reine Kopfgeburt des Pariser Autors Frédéric Pagès, der mit seinen Texten gerne Schabernack treibt; derzeit führt er zum Beispiel im Satireblatt Canard Enchaîné ein fiktives Tagebuch einer Carla B(runi).

1999 hatte Pagès unter dem Namen Jean-Baptiste Botul Das Sexualleben von Immanuel Kant herausgegeben. Jeder Philosophiestudent merkte, dass es es ein - in Paris verbreiteter - Literaturulk war; unter anderem beschreibt der Autor eine fiktive deutsche Kolonie in Paraguay namens Nueva-Königsberg, in dem sich die Bewohner wie Kant kleiden, wie Kant essen, sich wie Kant bewegen. Wer da noch nicht merkte, dass es sich um eine Farce handelte, musste spätestens bei dem Namen Botul stutzig werden. Botulismus ist eine Magenkrankheit hauptsächlich infolge übermäßigen Wurstgenusses.

In die Falle getappt

Bernard-Henri Lévy zitiert den ominösen Botul allen Ernstes. Das zeuge nicht nur von der Absenz jeglichen Humors, sondern auch von einem eher oberflächlichen Umgang mit der philosophischen Materie, kommentieren nun viele Medien. Sie sprechen nicht mehr über Lévys neuen Werke, sondern ziehen seine alte Tschetschenien-Reportage hervor, die er zum Teil selbst getürkt hatte. Seine zahlreichen Kritiker freuen sich diebisch, dass der mehrfach tortenbeworfene Philosoph in eine Falle getappt ist, die ihm niemand gestellt hat.

BHL reagiert, so gut er kann. In seiner neusten Kolumne im Wochenmagazin le point zieht er den Hut vor dem "äußerst brillanten und glaubwürdigen" Streich. Er sei ihm auf den Leim gegangen wie andere Kritiker, räumt BHL ein und stellt sich mit anderen in eine Reihe, die es so wenig gibt wie Botul: BHL war sicherlich der erste Berufsphilosoph, der die amüsante Pseudobiografie des sextollen Kant für bare Münze nahm.

Pagès alias Botul zeigte sich in einer Stellungnahme selbst "verblüfft" , dass BHL den Erfinder des kategorischen Imperativs so schlecht kennt. Sein Verein der Freunde Jean-Baptiste Botuls will in Bälde einen Preis für angewandten Botulismus verleihen. Der Gewinner dürfte wohl nicht aus Paraguay stammen, sondern aus Paris. (Stefan Braendle aus Paris, DER STANDARD/Printausgabe, 16.02.2010)

Kommentar posten
23 Postings
nick morgenland
 
18.02.2010 14:43
Pro Freistaat Kärnten!
 
17.02.2010 12:23
Wo sind denn die Hegemann-Artikel hinverschwunden?

Da war die lustigste Diskussion ...



Pro Freistaat Kärnten!
 
17.02.2010 14:24
dankeschön



Anna Bolika
17.02.2010 08:43
moliere lässt grüßen

256 graustufen
17.02.2010 07:45

wenn aus dieser durchaus erfreulichen angelegenheit jetzt auch jene feuilletonverantwortlichen etwas lernen würden, die dieser aufgeblasenen null gerne reichlich raum geben, dann hätten alle etwas davon.

mollwitz
16.02.2010 20:31
die vermiesung der welt

sextoller kant ... südamerika ... lustig ... schabernack ... bruhaha ...

ja was sagt denn da unser danny kaye kehlmann dazu??








fuchstritt
16.02.2010 14:56

buchinger?bist dus? warst du nicht mal in der politik?!

Kvikk Lunsj
16.02.2010 13:31
bernard-henri lévy:

der thierry henry unter den philosophen...

Des Eisenhändlers Enkel
16.02.2010 14:45

Thierry Henry ist aber an sich ein guter Fussballer ...

Doe Frank
 
16.02.2010 14:19

Guter Vergleich ;-)!

AlexArnauld
 
16.02.2010 13:12

Das muss auch mal gesagt werden: Ich kenne keinen einzigen jetzigen Philosophen, welcher Kant komplett gelesen hat. Ich selbst habe ingesamt, je nach Interesse an philosophischen Problemen, Kant zu dreiviertel gelesen. Und das ist hart, wenn ich seine Argumentation ganzheitlich verstehen will.
Würde irgendwer der Behauptung verfallen, er habe Kant vollständig und durchwegs mit Verständnis gelesen, muss ich diesen Verlogenheit attestieren. Gäbe es den Fall des meisterlichen Kant-Exegeten, hätte dieser längst seine eigenen philosophischen Bahnen eingeschlagen. Charles S. Peirce hat im täglichen vierstündigen Studium Kants ganze drei Jahre gebraucht. Und Peirce ist ein Meister.

256 graustufen
17.02.2010 07:39

und was genau wollen sie uns damit sagen (ausser, dass sie ein toller hecht sind)?

Doe Frank
 
16.02.2010 14:19

Das bestreitet wohl auch niemand der halbwegs eine Ahnung von Philosophie bzw. den Werken von Philsophen hat, dass Kant alles andere als leicht zu Lesen ist. Allerdings hätte in diesem Fall BHL lediglich eine Anhnung von den wichtigsten Fakten der Biographie und des Chakarkters Kants haben müssen, um nicht vorschnell auf so eine Schwindelbiographie hereinzufallen. Dazu muß man keine der "Kritiken" Kants ganz oder teilweise gelesen haben.

Und das gerae ihm, Levy, der sich sonst immer recht intensiv auch mit dem Leben der Philosophen auseinandersetzt!

hasa baba
16.02.2010 12:56
Botulismus

Oje, wer immer das geschrieben hat, es fehlt wohl ein bisschen Allgemeinbildung.
Copyright Wikipedia:
Botulismus ist eine lebensbedrohliche, meist durch verdorbenes Fleisch hervorgerufene Vergiftung (hier auch „Fleischvergiftung“, „Wurstvergiftung“), die von Botulinumtoxin, einem vom Bakterium Clostridium botulinum („botulus“ ist das lateinische Wort für Wurst) produzierten Giftstoff, verursacht wird.

dritter mann
 
16.02.2010 15:03
Danke,

wollte ich auch klarstellen, trotz der Befürchtung, dass es sich im Zusammenhang mit der hehren Geisteswissenschaft etwas kleinlich ausnehmen könnte, auf ein fast immer tödlich wirksames Gift hinzuweisen. ;-)

Frau Techne
18.02.2010 17:20

Danke, schließe mich an.

Quintus Beckloeffel
16.02.2010 12:37

Leider wird seit ein paar Jahrzehnten in Frankreich Geschwätzigkeit mit Philosophie verwechselt. Traurig, dass das Land Descartes' intellektuell so vor die Hunde ging!

Alfred Jodelhuber
 
16.02.2010 10:35

Find ich schön.
Man kann in Frankreich nicht einmal den Wetterbericht schauen, ohne dass einen "BHL" angrinst. Jetzt hat er sich einmal kräftig in den Fuß geschossen.

Doe Frank
 
16.02.2010 09:41

Lese gerade die voluminöse Sartre Bosgraphie von BHL. War mit einigen Stellen aus dieser schon nicht ganz einverstanden. Angesichts dieses hier geschilderten Vorfalls, werde ich den Rest dieser Biografie wohl noch kritischer lesen.

Was jedenfalls an dieser Biografie sehr auffällig ist, ist die frankreichlastigkeit des Autors. Denn obwohl es eigentlich um Sartre geht, schweift der Autor oft zu anderen Philosophen ab, die Beispiele die er bringt sind aber fast nur französicher Natur (vielleicht mit Ausnahme von Heidegger, mit dem sich länger beschäftigt). Insofern würde es mich tatsächlich nicht wundern, wenn er von Kant wenig Ahnung hat. Peinlich ist dieser faux pas allerdings auch dann noch...

AlexArnauld
 
16.02.2010 12:59

Heidegger war und ist ein tonangebender Philosph in Frankreich ->französischer Existenzialismus

John Waters
16.02.2010 09:11
Falsch!

Botulismus ist keine Krankheit infolge übermässigen Wurstgenusses. Es tritt bei verdorbenen Wurstwaren und Konserven auf. Nicht hinige Wurst kann man essen, so viel man will.

Ulrich Nagel
18.02.2010 20:44

Ab einer gewissen Menge wird einem auch bei nicht verdorbener Wurst schlecht. Das liegt aber nicht an den Bakterien sondern am Fett.

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