Alles war bereit für die neueste Medienoffensive des französischen Starintellektuellen - Doch dann stolperte er über ein philosophisches Sandkorn
Kann man, philosophisch betrachtet, auf sich selbst hereinfallen? Diese Frage wühlt derzeit das Tout-Paris auf, jenes Weltdorf also, wo noch der Esprit regiert und dank seiner die ewig junge Gilde der "nouveaux philosophes", verkörpert durch ihren wichtigsten Exponenten Bernard-Henri Lévy, der mit seinem Markenzeichen BHL längst zu einem Werbeträger seiner selbst geworden ist und den so viele Gedanken beschäftigen, dass er sie alle paar Monate zwischen Buchdeckeln bändigen muss.
Für Mitte Februar ritt BHL gleich eine doppelte Attacke auf die Buchauslagen von Saint-Germain-des-Prés. In dem 1300-Seiten-Wälzer Pièces d'identité versammelt er frühere Texte, und zur Erholung davon schiebt er den kleinen Essay De la guerre en philosophie nach. Keine französische Zeitung oder Zeitschrift, die etwas auf sich hält, kommt an dieser geballten Ladung BHL vorbei; kein TV-Studio, keine Radiostation kann sich dem "événement" verschließen.
Bloß spricht jetzt in Frankreich niemand mehr über den Inhalt dieser Werke. Oder besser gesagt nur über eine Passage auf Seite 122 des "Philosophiekrieges" . In einem allgemeinen Rundumschlag gegen Immanuel Kant zitiert BHL an dieser Stelle einen Philosophen namens Jean-Baptiste Botul. Dieser habe, "nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Vortragsreihe bei den Neokantianern in Paraguay gezeigt, dass ihr Held ein falscher Abstrakter war, nur dem Anschein nach ein reiner Geist", schreibt Lévy.
Kantwurst erzeugt Botulismus
Dummerweise verhält es sich mit Jean-Baptiste Botul wie mit dem Weihnachtsmann: Es gibt ihn nicht. Wie eine findige Journalistin des Nouvel Observateur eruiert hat, ist er eine reine Kopfgeburt des Pariser Autors Frédéric Pagès, der mit seinen Texten gerne Schabernack treibt; derzeit führt er zum Beispiel im Satireblatt Canard Enchaîné ein fiktives Tagebuch einer Carla B(runi).
1999 hatte Pagès unter dem Namen Jean-Baptiste Botul Das Sexualleben von Immanuel Kant herausgegeben. Jeder Philosophiestudent merkte, dass es es ein - in Paris verbreiteter - Literaturulk war; unter anderem beschreibt der Autor eine fiktive deutsche Kolonie in Paraguay namens Nueva-Königsberg, in dem sich die Bewohner wie Kant kleiden, wie Kant essen, sich wie Kant bewegen. Wer da noch nicht merkte, dass es sich um eine Farce handelte, musste spätestens bei dem Namen Botul stutzig werden. Botulismus ist eine Magenkrankheit hauptsächlich infolge übermäßigen Wurstgenusses.
In die Falle getappt
Bernard-Henri Lévy zitiert den ominösen Botul allen Ernstes. Das zeuge nicht nur von der Absenz jeglichen Humors, sondern auch von einem eher oberflächlichen Umgang mit der philosophischen Materie, kommentieren nun viele Medien. Sie sprechen nicht mehr über Lévys neuen Werke, sondern ziehen seine alte Tschetschenien-Reportage hervor, die er zum Teil selbst getürkt hatte. Seine zahlreichen Kritiker freuen sich diebisch, dass der mehrfach tortenbeworfene Philosoph in eine Falle getappt ist, die ihm niemand gestellt hat.
BHL reagiert, so gut er kann. In seiner neusten Kolumne im Wochenmagazin le point zieht er den Hut vor dem "äußerst brillanten und glaubwürdigen" Streich. Er sei ihm auf den Leim gegangen wie andere Kritiker, räumt BHL ein und stellt sich mit anderen in eine Reihe, die es so wenig gibt wie Botul: BHL war sicherlich der erste Berufsphilosoph, der die amüsante Pseudobiografie des sextollen Kant für bare Münze nahm.
Pagès alias Botul zeigte sich in einer Stellungnahme selbst "verblüfft" , dass BHL den Erfinder des kategorischen Imperativs so schlecht kennt. Sein Verein der Freunde Jean-Baptiste Botuls will in Bälde einen Preis für angewandten Botulismus verleihen. Der Gewinner dürfte wohl nicht aus Paraguay stammen, sondern aus Paris. (Stefan Braendle aus Paris, DER STANDARD/Printausgabe, 16.02.2010)