Ein Gericht wie ein Ikea-Regal - Schlichtes Gemüt in schlichtem Design: Harald Fidler lernt mit Glasnudeln in der Neubaugasse Marokkanisch - und Entspanntes über Authentizität
Endlich wieder ein Schmeck's aus Wien, wir kriegen ja zwischen Andalusien und Istanbul, zwischen Lofoten und La Morra kaum einen Ellbogen auf die Tischplatte. Gut, gehört sich eh nicht, aber das scheint mir auch immer weniger geläufig. Werde ich schon so alt, dass ich mit Tischmanieren hausieren gehe? Ich, der 2006, in den Frühzeiten von Schmeck's noch bedauerte: "Es ist zu früh für ein Rülps-Ranking". Mahlzeit!
Endlich wieder ein Schmeck's aus Wien. Naja, eigentlich aus Marokko, dem kleinen Marokko halt, und immerhin in der Neubaugasse. Der Herr Wirt (der mit einem kleinen Nahrungsmittelshop hier begonnen hat) lässt mich Bobo mit meiner reflexartigen Authentizitätsfrage aber sowas von charmant anrennen, herrlich!
Dreimal schnell aussprechen: Authentizität
Alles mit marokkanischen Namen angeschrieben in der (durchaus angenehm) überschaubaren Speisekarte, jedenfalls mit Namen, die mir total authentisch marokkanisch klingen. Außer die Sardinen, die ich eigentlich gern hätt. Aber ich bin ja nicht zum Vergnügen hier, also brauch ich was Authentisches. Warum haben die also keinen marokkanischen Namen? "Erfinden wir einen", lacht der Herr Wirt, den laut hauseigener Website der "Kurier" als El Hamdaoui beschrieben hat, der "Falter" als Moh el Hamdaoui und die "Presse" als Mo el Hamdaoui und DER STANDARD hier noch gar nicht, wenn ich da nichts übersehen hab. Aber jetzt! Halt im Dilettantenblog. Die Sardinen sind jedenfalls aus Marokko, versichert uns der Wirt.
Ein bisschen nach "Erfinden wir einen" (beziehungsweise nach Tablett, Tapete oder Türstopper bei ikea, aber das hat das angenehm schlichte Design hier nicht verdient) klingt die (einzige) Empfehlung des Tages auf der Karte: "Bstella". Ein Gericht wie ein Schlachtruf für die Schmecks-Posse. Her damit!
Marokkanische Glasnudel
Bstella (gibts mit Fisch und Huhn, wir nahmen Fisch) erweist sich als eine Art marokkanische Frühlingsrolle mit - Überraschung! - Glasnudeln, Shrimps, Oktopus und Zander. Das hören wir auf die nächste Frage zum Essen, bei der Authentizität nur noch eine untergeordnete Rolle spielt: "Wir sind hier in Wien", lächelt der Wirt souverän. Den Zander hätt ich nicht identifizieren können (erwartet auch nicht), aber schon ganz gut, die Bstellung.
Couscous mit Zucchini und Karotten: Das kann nur jemand bestellen, die selbst so unglaublich aufregend ist, dass sie zum Ausgleich Fadesse auf dem Teller braucht. Also meine Vegetarierin. Ich stell mir dieses Gericht jedenfalls unglaublich fad vor (was die Aufregende zufrieden verneinte), und habe deshalb nicht gekostet. Sorry, liebe Leserinnen und Leser.
Ich Pflaume
Ungemein interessiert hätte mich der Lammeintopf mit den Dörrpflaumen, aber als den Wirt mit meiner (ungemein authentischen) Aversion gegen Süßes konfrontierte, riet er mir zum Lamm mit gefüllten (jetzt hab ich mitgefühlten geschrieben, die Vegetarierin, stete Ablenkung!) - Zucchini. Vielleicht sollte ich doch statt Minztee wieder einmal zum Wein greifen - ganz nüchtern bin ich noch zwänglerischer, scheint mir.
Diese Version vom Wolltier war freilich kein Fehler. Wer schon einmal Lamm in Marokko gegessen hat - hab ich schon einige Male, und traue mich jetzt einfach, das zu generalisieren (aber ohne Authentizitätsanspruch!): Wer also schon Lamm in Marokko gegessen hat, der wird vielleicht ahnen, dass das Petit Maroc in Wien liegt. Alter und Zartheit entsprechen eher dem hiesigen Begriff von Lamm. Der Fettanteil bewegt sich in Dosen, die auch dem zaghafteren Mitteleuropäer (also deutlich zaghafter als ich) gefallen. Homöopathisches Marokko-Lamm, quasi. Ich klinge unzufrieden? Absolut nicht! Sehr, sehr gut!
Jessas, schon wieder die Manieren!
Das Limonenhuhn war übrigens auch sehr gut. Höre ich. Obwohl unser dritter Mann am Tisch es mir ausdrücklich angeboten hat: Ich habe nicht gekostet. Ich finde, man kann Menschen, die man gerade erst kennen gelernt hat, nicht einfach in den Teller spitzeln, auch wenn sie es (höflich oder ernst) offerieren. Neuerdings jedenfalls. Jessas - schon wieder diese Manieren!
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.