"Shutter Island"

Menschliche Abgründe, für die es Hilfe gibt

14. Februar 2010, 20:45
  • Artikelbild
    foto: focus features

    Noah Baumbachs "Greenberg" erzählt am Beispiel seines nämlichen Titelhelden (Ben Stiller) vom Unbehaustsein im Leben und der Schwierigkeit menschlicher Zusammenkünfte.

Die Alt-Stars Roman Polanski und Martin Scorsese haben am ersten Berlinale-Wochenende überzeugt ("The Ghost Writer", "Shutter Island")

Die schöne Überraschung aber heißt "Greenberg" von Noah Baumbach.

***

Geschichte trug die Berlinale am Wochenende stolz vor sich her. Mit der Aufführung der restaurierten Version von Fritz Langs Metropolis, die bei eisigen Temperaturen und Glühwein-Ausschank auch auf einen Vorhang am Brandenburger Tor übertragen wurde, gab sich das Festival im Jubiläumsjahr um das filmhistorische Erbe bemüht. Vor den festlichen Premieren laufen wiederum kurze Wochenschau-Zusammenschnitte, bei denen das Festival noch recht jungfräulich erscheint: Fans kreischen, Willy Brandt hält eine Rede, und die Moderatoren träumen schon damals von einer "neuen Weltstadt des Kinos".

Bei so vielen historischen Beilagen kann die Auseinandersetzung mit dem Gegenwartskino schon manchmal ins Hintertreffen geraten. Es sei denn, ein (persönlich abwesender ) Roman Polanski und (ein von Stars begleiteter) Martin Scorsese stehen am Programm. Scorseses Shutter Island folgt (nach einer Vorlage von Dennis Lehane) zwei US-Marshals (Leonardo DiCaprio und Mark Ruffalo) im Jahr 1954 in eine streng bewachte Anstalt für psychisch kranke Gewaltverbrecher. Sie sollen dort der mysteriösen Flucht einer Insassin nachgehen. Von Beginn an lässt Scorsese jedoch Zweifel an der Objektivität eines der Ermittler aufkommen, traumatische Erinnerungen quälen ihn, die aus seinem Kriegsdienst herrühren, wo er an der Befreiung von Dachau beteiligt war; zudem verfolgen ihn Bilder des Brandtodes seiner Frau (Michelle Williams).

Doch nicht unbedingt der aus schrillen Pulp-Elementen zusammengebaute Plot ist so entscheidend, sondern die ungemein kraftvolle wie kunstvoll stilisierte Inszenierung Scorseses, welche die Insel als ein Inferno menschlicher Abgründe erscheinen lässt. Gerüchte sind im Umlauf, dass das Ärzteteam (Ben Kingsley und Max von Sydow) mit grausamen Methoden am Menschen experimentiert. So erweitert Scorsese, begleitet von donnernder musikalischer Untermalung György Ligetis, die Geschichte, changiert zwischen Traum, Wahnsinn und einer Dämonologie der USA zur McCarthy-Zeit, die immer auch durch die Bilderwelt des Kinos führt. So souverän wie in Shutter Island verfügte Scorsese über seine Mittel schon lange nicht.

Verschwörungsthriller

Auch in Polanskis The Ghost Writer geht es um die Wiederkehr von Schuld, allerdings in zeitgenössischerem Umfeld. Nach dem Buch von Richard Harris erzählt der Thriller von einem Auftragsautor (Ewan McGregor), der die Autobiografie des britischen Premier zu Ende bringen soll. Der heißt im Film zwar Adam Lang und wird von Pierce Brosnan verkörpert, dahinter verbirgt sich aber niemand Geringerer als Tony Blair - Harris wollte mit seinem einstigen Freund abrechnen.

Das Sympathische an The Ghost Writer ist, dass er sich nicht zum pseudoseriösen Politkino versteigt, sondern mehr wie ein B-Movie-Verschwörungsthriller funktioniert, der von seinem Vorbild Hitchcock nicht nur die Figur des im Trüben fischenden Helden übernimmt. Polanski interessiert sich keine Sekunde ernsthaft für die politischen Implikationen des Themas - dem Premier werden seine Machenschaften im Irak zum Verhängnis -, sondern für die dramatischen Möglichkeiten, die diese paranoide Konstruktion abwirft.

Der bisher schönste Film im Wettbewerb heißt allerdings Greenberg und stammt vom US-Amerikaner Noah Baumbach (The Squid and the Whale). Ben Stiller spielt den Titelhelden Roger Greenberg, einen Ex-Musiker und Tischler, der ein paar Wochen im Haus seines Bruders in Hollywood verbringt. Er steht kurz vor seinem 41. Geburtstag, hatte kürzlich einen Nervenzusammenbruch erlitten, die Nachwirkungen (oder sind es gar die Ursachen?) sind immer noch zu sehen: Anderen Menschen setzt sich Greenberg nur zögerlich aus. Zu vieles erregt ihn zu schnell. Situationen werden in seiner Gegenwart unbehaglich.

Greenberg ist ein Film, der von der Unbehaustheit von Menschen erzählt, in einer komisch-vertrackten Tonart, die etwas erhebend Unverfälschtes hat. Das erinnert ein wenig an Filme von Andrew Bujalski, aus dessen "Mumblecore"-Umfeld, dieser neueren US-Indie-Schule, auch Greta Gerwig kommt. Sie verkörpert die 25-jährige Florence Marr, eine redselige Lebensbummlerin, mit der Greenberg etwas beginnt, das mit dem Wort Beziehung zu allgemein umschrieben wäre.

Baumbach findet jedenfalls genau das richtige Timing, um von zwei Menschen zu erzählen, die sich auf bezaubernde Weise ständig verfehlen. Im Mittelpunkt von Greenberg steht die melancholische Erkenntnis, dass man irgendwann begonnen hat, in der Vergangenheit zu leben. Aber es gibt Hilfe. Die Unterschiede zwischen Generationen werden hier zum innersten Prinzip einer verhaltenen Liebesgeschichte: Anders ist hier im Zweifel auf jeden Fall besser. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 15.02.2010)

Kommentar posten
19 Postings
Lichtfreak
21
15.2.2010, 11:31
Polanski

die Wiederkehr von Schuld


Da kennt er sich aus - gutes Thema für ihn....

kusi
22
15.2.2010, 11:52

polanskis tat ist nicht entschuldbar - steht aber irgendwie in keinem zusammenhang zu seinem talent als filmemacher. der beherzte krone leser würde den mann natürlich gerne baumeln sehen. dennoch soll er auch bedenken, dass polanski schon als kind schlimmstes im ghetto widerfahren ist. geschweige denn von dem grausigen mord der manson (nein nicht marilyn) an seiner schwangeren frau. wie gesagt keine entschuldigung. nur eben nicht alles schwarz/weiss.

Mehr Licht ins Dunkel
21
15.2.2010, 13:27
Die Logik ist a Hund...

"Keine Entschukdigung...", "Ghetto", "nicht entschuldbar", "grausiger Mord an schwangerer Frau"....

Zu viel Krone gelesen?

LCD
00
15.2.2010, 15:29

"Mehr licht ins Dunkel" ist wohl eine Bitte und kein Nick, oder?

kusi
10
15.2.2010, 14:01

mittlerweile fühle ich mich als kroneleser im standardforum sehr wohl ;-)
vollkommen falsch verstanden wird man mittlerweile auch schon vom "bildungsbürgertum".

Zinsmeister
 
41
15.2.2010, 13:15

wenn du ihn nicht entschuldigen willst, was sollen dann diese argumente?

meinst du etwa, weil ihm als kind schlimmes im ghetto widerfahren ist, darf man seine straftaten nicht so ernst nehmen?

lindert der mord an seiner ehefrau seine eigenen verbrechen? nein? was meinst du dann mit "nicht alles schwarz/weiss"??

ist einer der boeses tut weniger boese, wenn ihm als kind auch boeses angetan wurde?

ps: ich finde, viele seiner filme sind meisterwerke. aber als mensch, hmm nein danke.

Lichtfreak
10
15.2.2010, 12:40
Jeder hat seine Gründe für sein eigenes Handeln

und Polanski das Seine, richtig!

Vor dem Gesetz hingegen zählen Polanskis berufliche Tätigkeiten nichts auch wenn seine Fans ihn damit immer wieder rehabilitieren wollen, den Kinderschänder!

LCD
11
15.2.2010, 15:33

Ich oute mich mal als sein Fan, Lichtfreak. Und mir ist egal was ihm vorgeworfen wird. Auch zu Michael Jackson standen viele bis zu seinem Tod, und darüber hinaus, unabhängig davon was er angeblich so alles gemacht hat.

Rumo von Zamonien
00
15.2.2010, 08:40

Und Stiller kann das spielen?

Da bin ich doch gleich neugierig...

bravorauch
01
15.2.2010, 12:53

praktisch alle komödianten können auch drama spielen, weil das schwierigere ist definitiv comedy. dafür braucht man talent. für leute wie stiller, sandler,... sind solche rollen kinderspiel.

high fidel
01
15.2.2010, 16:45
Geh prinzipiell mit Ihnen d´accord, aber

(Adam) Sandler BITTE NICHT in einem Atemzug mit (Ben) Stiller nennen....
Vielleicht hab ich Sandler bisher missverstanden, aber das ist meiner Meinung nach plattester 08/15-Humor, während sich der Stiller´sche Humor zwar oft oberflächlich gibt, aber sehr wohl Tiefe hat...

eleon
01
16.2.2010, 19:22

schaun sie
-punch drunk love
und
- reign over me

solche leistungen muss ben stiller (und so mancher charakterdarsteller) mal erbringen. hat er nämlich noch nie.

einfach grandios.

high fidel
00
16.2.2010, 21:14
Danke für den Tip (reign over me)

...muss ich mir mal anschauen !
lg,
highfidel

kusi
01
15.2.2010, 11:43

konnte den film bereits sehen - der kann das wirklich.
ich war auch skeptisch. ganz toller film - gerade für 'nen generationX 40iger wie mich ;-)
zum thema "kann der das spielen" fällt mir noch ein ganz toller film von adam sandler ein, der ja auch eher für seichte komödien garant ist: "reign over me".

bravorauch
01
15.2.2010, 12:56

ich finds immer super, wenn für komödien bekannte und deshalb oft von den ganzen studenten- und kunstschnöseln dann mal ernsthafte filme machen und zeigen, was sie drauf haben.
im übrigen spielt Will Ferrell die Hauptrolle im demnächst entstehenden film "everything must go", dessen drehbuch als eines der cleversten der letzten jahre gilt. bin gespannt.

chilli p.
00
15.2.2010, 16:20

ich erinnere mich an einen brillanten brendan fraser in "gods and monsters" - er konnte locker mit ian mckellen mithalten.

eleon
00
15.2.2010, 12:08

und
punch drunk love

eleon
00
15.2.2010, 10:40

ben stiller kann schon wenn er will...

bei den tenenbaums war er mMn auch ganz gut.

Rumo von Zamonien
00
15.2.2010, 10:58

Hm, stimmt eigentlich.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.