Wenn der Lonely Planet so über ein Lokal in Istanbul kalauert, ist der Fidler schon dort - auch weil anderswo die Leber aus war - Zum Cholesterinausgleich: Schweinerei in Wien
Seien Sie unbesorgt, hier wird's nicht mit einem Mal light, gesund, fleischlos oder gar übermäßig appetitlich. Eigentlich wollte ich endlich wieder über Innereien schreiben, ihre Bedeutung für Kulturhauptstädte, und außerdem hatte ich seit 20 Stunden Gusto darauf (wie eigentlich immer, ich weiß). Aber nein: Sonntag, vier Stunden vor Abflug von Istanbul zurück nach Wien, steht ich im laut Reiseführer passenden Lokal - und die Leber ist aus. Feines Muskelfleisch vom Rind hätten sie, hieß es. Sorry, ich bin dafür zuständig, dass Tiere möglichst vollständig gegessen werden. Das Filet wollen eh alle.
Launig und lonely
Wohin in der Not? Da war doch noch das Dachlokal, ebenfalls in Beyoglu, das Virginia Maxwell im "Lonely Planet" beschrieben hatte mit: "There's something awfully fishy about this place - and the locals love it." So launig wie der übrige Kurzreiseführer über die Stadt am Bosporus ausgefallen ist, hat sie das bestimmt nur wortspielerisch gemeint. Wie immer sie's gemeint hat - sowas interessiert mich natürlich.
Sonntagmittag, kurz nach 13 Uhr, war die Liebe der Istanbullus zu Doga Balik nicht rasend ausgeprägt: Das Lokal oben auf dem Hotel Villa Zurich war lonely wie der empfehlende Planet - bis auf ein Pärchen englischsprachiger Touris. Vielleicht gehen Türkinnen und Türken lieber abends aus dem Haus (Samstagspätabend sieht es auf der Istiklal und noch mehr in den Fressgassen rundherum jedenfalls ganz so aus. Vielleicht nicht so sehr am Sonntag. Vielleicht haben sie aber auch die Touris satt, die der "Planet" ihnen in ihr angebliches Lieblingslokal schickt.
Ich bin sicher: Auch andere Wirte hier haben feine Fische und können sie auch zubereiten (das werd ich hoffentlich bald verifizieren können). Aber: Um Doga Balik brauchte man trotz Touri-Empfehlung keinen Bogen machen. Ich war hoch zufrieden mit dem Angebot.
Ka Freud mit fried
Grilled or fried? In Istanbul hat sich Schmecks offenbar noch nicht so etabliert, sonst würde man mir die Frage nicht stellen. Was mich nicht so überrascht: Auch im Piemont versucht man immer wieder, mir das Essen zu panieren, und der Gegend widmet sich Schmecks unterwegs nun wirklich ausführlich. Also grilled.
Der Herr Ober empfiehlt mir Blue Fish, und zwar eher kleinere, laut Karte auf Türkisch Sari Kanat, die größeren heißen demnach Lüfer. Mit ein bisschen herumgoogeln finde ich Dilettant als Übersetzung Blaufisch (darauf hätt ich auch selbst kommen können) oder Blaubarsch. Mich erinnerte das Fleisch ein bisschen an Branzino, und das ist ja durchaus kein Fehler. Sehr gut.
Rot und Blau geht
Mich interessieren aber noch die kleineren, roten Dinger (Dilettant!) in der prall gefüllten Kühlvitrine. Tekir in klein, Barbun in groß, auf Englisch, denkste, nicht Red Fisch (auch nicht Red Snapper, den hätt ich vielleicht noch erkannt), sondern: Red Mullet. Rotbarben, auch rote Meerbarben genannt, erhebe ich. Deren knackig-festes Fleisch macht mich nun wirklich oberfroh.
Hier gilt es kurz klarzustellen: Das ist keine subtile Empfehlung für eine kleine Koalition. Schmecks dilettiert unpolitisch. Nur bei Forelle blau oder Blaufisch wird mir nicht schlecht. Blaubeerkuchen ist ein Grenzfall. Cordon bleu geht zu weit. Blaukraut sowieso.
Vielleicht hatte der Herr Ober doch Schmecks schon konsultiert (oder ich sah von der Lebersuche so ausgezehrt aus). Er schlug nämlich beim Aussuchen vor: zweimal Blue Fish und zweimal Red Mullet. Ich entschied mich denn doch für zwei kleine Rote plus einen größeren Blauen. Und die haben mich schon ausreichend gesättigt. Den (großen) Beilagensalat hab ich (räumlich wie zeitlich) nicht mehr geschafft. Da geht der Fisch vor.
PS: Neue Schweinerei in Wien
Seien Sie unbesorgt, hier wird's nicht mit einem Mal light, gesund, fleischlos oder gar übermäßig appetitlich, stand ganz am Anfang. Und um dem vorzubeugen, folgt dem Fischgang am Bosporus auf dem Fuße eine kleine Schweinerei in Wien. In der Wipplingerstraße hat gerade das Buffet "Porcus" aufgemacht. Laut Eigendefinition eine "altösterreichische Schweinerei", die neben Bein- und Wildschweinschinken zum Beispiel und vor allem Gesottenes anbietet. Recht so.
Damit der Cholesterinspiegel nicht allzu rasch absackt in dieser kleinen Kolumne (und die Fotoqualität, siehe links, nicht allzu rasch steigt), lasse ich mir einen Teller zusammenstellen mit Schulter, Ripperl, Wange, Zunge und Rüssel. Bringt mich nicht zum Jubilieren, aber absolut anständig, absolut ausgiebig, absolut fair für 6,90 Euro, mit Brot und großem Naturtrübem in Summe 9,40. So lässt sichs ganz gut schweinigeln.
Doga Balik
Akarsu Yokusu Caddesi 36
(7. Stock über dem Hotel Villa Zurich)
0090 212 293 9144
Mittags bis Mitternacht
Drei Fische vom Grill mit großem Salat und großem Wasser: 45 Türkische Lira, rund 22 Euro 50.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.