Im 61. Jahr der Staatsgründung gibt China gern den jungen wilden Mann
Bill Clinton hat es getan, die Bushs - Vater und Sohn - haben es getan, und Barack Obama wird es auch tun: eine halbe Stunde Präsidentenzeit für den Dalai Lama im Weißen Haus. Chinas Führer wussten es vorher, und von keinem Geringeren als dem US-Präsidenten selbst. Barack Obama hatte seinen Gesprächspartnern in Peking vergangenen November versichert, dass er keine andere, politisch störendere Linie in der Tibet-Frage verfolgen werde. Dennoch macht die KP-Führung nun großes Theater.
Im 61. Jahr der Staatsgründung gibt China gern den jungen wilden Mann. Tibet und die reflexhaft hervorgestoßenen Drohungen gegen Dalai-Lama-Gastgeber im Westen sind dafür nur ein Beispiel. Geht es um Taiwan, die einzige voll funktionierende chinesische Demokratie auf dem Planeten, trommeln Chinas Staatsvertreter auch sogleich auf ihren Brustkorb. Noch vor ein paar Jahren sind diese Gebärden als Ausdruck der Schwäche, als Überspielen eines Minderwertigkeitsgefühls verstanden worden. Heute geht es um Machtanspruch und Einschüchterung.
Die skandalösen jüngsten Langzeit-Hafturteile gegen Dissidenten, die ungebremste Aufstellung von Kurzstreckenraketen auf dem Festland gegenüber Taiwan, die nach Gusto beginnenden und wieder endenden Scheinverhandlungen mit Emissären des Dalai Lama über eine Autonomie Tibets, die diesen Namen auch verdienen soll - das alles zeigt die egozentrische, einer Öffnung nach innen wie außen grundsätzlich abgeneigte chinesische Führung. Die Welt ist gut und nett, solange sie Chinas "friedlichen Aufstieg" nicht belästigt. Andernfalls wird auf den Putz gehaut, gedroht und getrotzt.
Barack Obama ist in den USA kritisiert worden, weil er aus Rücksicht gegenüber Peking nicht schon früher den Dalai Lama einlud. Die Chinareise des Präsidenten war ohnehin ein Flop. Freundlichkeit wird in Peking als Schwäche verstanden, Prinzipienfestigkeit aber geschluckt. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2010)