Positivbeispiel Lateinamerika: Die meisten Staaten haben dank umsichtiger Wirtschaftspolitik die Krise gemeistert
Puebla - Lateinamerikas Ökonomen von Mexiko bis Feuerland sind sich einig: Diesmal ist der Kontinent mit einem blauen Auge davongekommen. Waren früher Länder wie Argentinien oder Mexiko schon mal Auslöser weltweiter Finanz- und Schuldenkrisen, so traf die Wirtschaftskrise den Subkontinent diesmal "unverschuldet" - und deutlich besser vorbereitet. Länder wie Chile, Mexiko oder Brasilien nutzten den Rohstoffboom Ende der 90er-Jahre, um ihre Schuldenberge abzubauen oder Rücklagen für Krisenzeiten zu bilden, die dann in den vergangenen zwei Jahren eingesetzt wurden, um die Rezession abzufedern. "Chile hat dank einer vorbildlichen antizyklischen Wirtschaftspolitik die Krise ganz gut gemeistert" , sagt Cornelia Sonnenberg, Geschäftsführerin der deutsch-chilenischen Handelskammer in Santiago.
Nach der Schrumpfung um 1,8 Prozent im Vorjahr wird Lateinamerika 2010 laut Prognosen der UN-Wirtschaftskommission Cepal durchschnittlich um 4,1 Prozent wachsen, angeführt von Brasilien, dem 5,5 Prozent Zuwachs vorhergesagt werden.
Der südamerikanische Gigant hat sich als deutlich krisenresistenter erweisen als der regionale Gegenspieler Mexiko mit seiner exzessiv an die US-Konjunktur gekoppelten Wirtschaft. Während Mexiko seine Wirtschaft übereilt liberalisierte und im vergangenen Jahr eine Rezession von sieben Prozent erlitt, konzentrierte sich Brasilien (Nullwachstum 2009) zunächst auf seinen immensen Binnenmarkt und machte die heimische Industrie mit Investitionen in strategische Sektoren wie Luftfahrt, Stahl, Automobil und Biotreibstoffe wettbewerbsfähig. Dann baute es seine internationalen Wirtschaftsbeziehungen aus und handelt heute zu etwa gleichen Teilen mit Asien, Europa, den USA und dem Rest des Subkontinents. Besonders der Handel mit China trug dazu bei, die Wirtschaft im Vorjahr wieder zu dynamisieren.
Hinzu kommt auch ein bisschen Glück: Während Brasilien vor seiner Küste neue Erdölfelder entdeckte, gehen die Vorräte Mexikos zur Neige - und in die Erschließung neuer Felder wurde wegen restriktiver Gesetze nicht investiert.
Erdöl sei Dank
Andernorts hat die Krise zu höherer Arbeitslosigkeit geführt, was sich auch durch das leichte Anziehen der Konjunktur in den vergangenen Monaten kaum verbesserte. Venezuela überstand die Krise dank seines Erdölreichtums, doch Präsident Hugo Chávez verschleuderte Millionen für Prestigeprojekte, während Modernisierungen der heimischen Infrastruktur, insbesondere im Energiebereich, ausblieben.
Venezuela dürfte 2010 zusammen mit dem durch das Erdbeben zerstörten Haiti das regionale Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum bilden.
Auch die Musterschüler dürften sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, warnt Andrés Oppenheimer, Kommentator des Miami Herald, und dämpft damit Ambitionen wie die von Brasiliens Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva, der sein Land schon in den Kreis der fünf größten Wirtschaftsmächte der Erde vorstoßen sieht. "Der Kuchen ist kleiner geworden, und Lateinamerika muss wettbewerbsfähiger werden, wenn es gegen die asiatische Konkurrenz auf Dauer bestehen will" , schreibt Oppenheimer. "Sonst versinkt der Kontinent ins Mittelmaß."
Lateinamerika habe es in 30 Jahren nicht geschafft, seinen sechsprozentigen Anteil am Welthandel auszubauen. Ein strukturelles Problem liegt in der hohen Abhängigkeit von Rohstoffexporten. "Fallen die Preise, stürzt Lateinamerika ab", sagt Nicolás Eyzaguirre, Regionaldirektor des Internationalen Währungsfonds. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2010)