Österreicher bangen zunehmend um Haus und Heim - Absprachen drücken Preise bei Zwangsversteigerungen
Wien - Vor dem Verhandlungssaal des Wiener Bezirksgerichts macht ein Packerl Geldscheine die Runde. Tausende Euro verschwinden in der ausgebeulten Tasche seines neuen Besitzers. Die kleine Gruppe an Männern rundum nickt sich zu, bevor sie auseinanderstieben und sich in den verwinkelten Gängen des Justizgebäudes verlieren.
Einer hat das Ganze aus den Augenwinkeln scheinbar unbeteiligt verfolgt. Die Hände tief im Anorak vergraben, wartet er, bis der letzte ums Eck verschwunden ist, dann macht er seinem Ärger Luft. "Illegale Absprachen sind das, und die Richter wissen es. Alle wissen es, aber keiner tut was dagegen."
"Natürlich gibt es Absprachen"
Wenige Minuten zuvor hat er im dicht besetzten Auktionssaal um eine 50 Quadratmeter große Wohnung in Wien-Wieden mitgesteigert. Rufpreis waren 24.300 Euro. Erst zögerlich, dann immer rasanter schraubten sich die Angebote auf 57.000 Euro. "Um diesen Preis ist das nur auf den Zwangsversteigerungen zu holen", fügt er hinzu. Aber die seien etwas für Profis, "Private verbrennen sich dabei nur ihre Finger." Er stieg bei 45.000 Euro aus, schon vor dem gereizten Ordnungsruf des Richters, die Herren mögen ihre Privatgeschäfte gefälligst unterlassen. Dass es ein abgekartetes Spiel war, sei ihm klar gewesen, er sei selbst aus der Branche. "Es floss Geld, damit der Preis nicht nach oben getrieben wurde."
Einige Türen weiter hinter Aktenbergen sitzt Markus Riedl. Je schlechter die Liegenschaft, desto mehr Abreden gebe es, seufzt der Richter. Sie zu unterbinden sei in der Praxis fast unmöglich. Anders sei das bei den Gustostückerln: An ihnen sei das Interesse enorm, da regle der freie Markt die Preise.
"Natürlich gibt es Absprachen - immer von denselben Pappenheimern", ergänzt sein Kollege Ernst Gleichweit, Richter in Wien-Fünfhaus. Vor allem auf dem Land teilten sich Spekulanten Immobilien unter sich auf - oder kassierten ein paar Tausender von Privaten, um sich aus der Versteigerung rauszuhalten. Anzeigen gibt es kaum.
8000 Zwangsversteigerungen
Jedes Jahr laufen in Österreich 8000 Zwangsversteigerungen. Ihnen voraus gehen mehr als 14.000 gerichtlich erzwungene Räumungen von Haus, Heim und Gewerbeobjekten. Das meiste ist mit Hypotheken und Pfandrechten belastet. Gläubiger sind vor allem Banken. Eilige Exekution betreiben jedoch auch die Eigentümergemeinschaften: Um in die Mühle der Justiz zu geraten, genügen oft ein paar Betriebskostenrückstände. Bei einer Versteigerung stehen dann geringe Forderungen hohen Werten gegenüber, meint Riedl. Das alles diene eben gerne als Druckmittel, "es ist eine Frage der Taktik" .
Gerhard Tiefenthaler beobachtet seit rund einem halben Jahr einen starken Anstieg der Zwangsauktionen. Er gab einst internationale Ferienjobführer heraus, doch das Geschäft mit Versteigerungen war ergiebiger. Seit 18 Jahren veröffentlicht er nun Monat für Monat die neuesten Immo-Angebote.
In Bayern habe sich die Zahl der zu ersteigernden Liegenschaften auf 1200 im Monat nahezu verdoppelt. In Österreich liste er über 500 auf, um 150 mehr als noch im vergangenen Sommer, kräftige Zuwächse gebe es in Wien und Niederösterreich.
Früher seien Häuser und Wohnungen überwiegend nach Scheidungen und Erbstreitigkeiten auf den Markt gekommen. Mittlerweile steckten jedoch vor allem finanzielle Probleme dahinter. Die Krise und die damit verbundene steigende Arbeitslosigkeit werde die Zwangsversteigerungen in Österreich weiter antreiben, glaubt er. Und es seien durchaus etliche Perlen dabei, versichert er. Einfamilienhäuser mit einem satten Schätzwert von 600.000 Euro etwa, oder Hotels in Bestlagen. Manches lasse sich um bis zu einem Drittel billiger als am freien Markt kaufen.
Richtige Welle kommt erst
Peter Kolba sieht die eigentliche Welle an Zwangsversteigerungen erst kommen. Denn ab 2013 würden viele Fremdwährungskredite fällig und ihr neues Heim für etliche nicht länger finanzierbar. Der Rechtsexperte des Konsumenteninformations-Vereins erzählt von Familien, die sämtliche Ersparnisse auf Druck von Finanzberatern in Papiere von Immoeast und Immofinanz investierten. Für den Hausbau wurden Kredite aufgenommen. Dann stürzte der Aktienkurs ein, nun droht der Verlust der eigenen vier Wände.
Eine Versteigerung sei vor allem auf dem Land eine Tragödie, sagt Schuldnerberater Alexander Ma-ly. Viele Häuser seien unverkäuflich oder nur deutlich unter ihrem Wert zu versteigern. Die Erlöse daraus reichten in der Regel nicht aus, um alle Schulden zu tilgen.
Es sei wie beim Pokern, umreißt ein Makler die Stimmung im Auktionssaal. "Früher oder später brechen bei den Bietern die Schranken. Dann glaubt man, Geld ist abgeschafft. Dann kocht der Raum. Dann regiert nur noch die Gier." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.2.2010)