Die Bäckersfrau saß fast immer neben der Vitrine auf einem einfachen Holzstuhl. Sie trug eine bunte, verwaschene Kittelschürze
Eines Morgens blieb ich vor der Scheibe stehen.
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Während meiner Zeit in Dortmund lernte ich auch noch eine Bäckersfrau kennen. Auf meinem Weg ins Theater kam ich jeden Morgen an der großen Scheibe der Bäckerei vorbei. Über dem Eingang ragte, für die Passanten gut sichtbar, eine aus den Fünfzigerjahren stammende Leuchtbrezel auf den Gehsteig hinaus. An der putzbröckeligen Fassade über der Scheibe stand in schwungvollen Buchstaben: Bäckerei Kläschen. Etwa zweihundert Meter weiter befand sich auf derselben Straßenseite eine sehr viel modernere Bäckerei mit ein paar Tischen und Stühlen, wo man auch frühstücken konnte. Der Unterschied zwischen den beiden Bäckereien war gewaltig. Die eine, die stets gut frequentierte moderne Bäckerei hatte ein reichhaltiges Sortiment. Eine große Auswahl von an die gesunde Ernährung appellierenden Vollkornbackwaren. Die andere Bäckerei, die Bäckerei Kläschen, in der die Bäckersfrau auf Kundschaft wartete, sah da ganz anders aus. Eine einzige Vitrine. Und das Wenige, was dort lag, schwamm farblos in trübem Licht. Die Wände und der Boden waren grün gekachelt. Eine vergilbte Girlande und ein paar Fotos hingen an den Wänden.
Die Bäckersfrau saß fast immer neben der Vitrine auf einem einfachen Holzstuhl. Sie trug eine bunte, verwaschene Kittelschürze. Eines Morgens blieb ich vor der Scheibe stehen, da ich sah, dass sie die Augen geschlossen hatte. Ich trat sogar noch etwas näher an die Scheibe heran. Schwer war sie. Hatte dicke Beine, das eine mit einer teefarbenen, fleckigen Bandage umwickelt. Die geschwollenen Füße hatte sie aus den Sandalen gezogen. Ihr Busen war so groß, dass er ihr seitlich aus der bunten Kittelschürze quoll. Diese Kittelschürze reichte nur ein wenig über die Knie.
Ich trat noch näher an die Scheibe. Formte aus meinen Händen einen Lichtschutz. Ihre weißweichen Schenkel hatte sie entspannt, so weit, wie es die Kittelschürze erlaubte, auseinanderfallen lassen. Sie rauchte eine Zigarette mit geschlossenen Augen und ließ die Asche auf den grün gekachelten Boden fallen, die hautfarbene Dämmerung zwischen den geöffneten Schenkeln.
Ich blickte auf und sah ihr direkt in die Augen. Ich wusste nicht, wie lange sie mich schon dabei beobachtet hatte, wie ich so dastand und ihr zwischen die Beine starrte. Noch bevor ich erschrak, veränderte sich ihr Blick und sie streckte ihren Busen ein klein wenig heraus. Da ging ich schnell weiter in meine Bäckerei und bestellte mir ein großes Topfitfrühstück. Obwohl ich auch in den nächsten Wochen die Bäckerei nicht betrat, fingen wir an, uns mit einem leichten Nicken oder minimal gehobenen Fingern zu grüßen. Sie saß groß und schwer auf ihrem Stuhl, und wenn sie mich sah, hob sie nur kurz das Kinn. Was ist weniger als ein Anflug von einem Lächeln? Der Hauch eines Anflugs?
Vielleicht sogar noch weniger. Die Idee eines Hauchs eines Anflugs. Und dann eines Tages kam genau in dem Moment, als ich grußbereit an der Eingangstür vorbeiging, eine Dame aus der Bäckerei, die meine Langsamkeit missdeutete und mir die Tür aufhielt. Ich war kurz irritiert und trat ein. Es roch nach frischgebackenem Brot. Aber nicht so wie in der anderen Bäckerei. Das eine war nur ein Aroma, doch dies hier war sehr viel intensiver. Eine leichte Säuerlichkeit mischte sich in den Grundgeruch. Und auch sie roch ich sofort. Man sah ihr an, dass sie ohne viel Mühe einen Raum von der Größe der Bäckerei mit ihrem Geruch zu füllen in der Lage war. Sie stand auf und humpelte hinter die Vitrine.
"Na, mein Bester, was darf's denn sein?" Ich sah mir die Brote an, die hinter ihr auf einem schmalen Holzregal lagen. "Ich hätte gerne" , sagte ich, "ein halbes Graubrot." "Nee" , sagte sie zu mir, und dann weiter, und zwar wörtlich: "Das schmeckt scheiße!" Ich war doch etwas überrascht, wie sie über ihr eigenes Graubrot sprach. "Und das?" , fragte ich, auf ein sehr dunkles Kastenbrot zeigend. "Das? Das schmeckt auch scheiße. Nimm was anderes. Außerdem schneid ich das nicht durch. Dann guckt mich die andere Hälfte den Rest des Tages so traurig an. Das einzige Brot, das was taugt in dieser Bruchbude, ist das hier." Es war ein Schwarzbrot. "Das schneid ich dir aber auch nicht durch. Kriegste nur ganz. Zahlst halt nur die Hälfte." Sie wickelte das Brot in ein Papier. "Und hier. So und so. Pack ich dir noch ein paar Schweineohren ein." Mit demonstrativer Grobheit warf sie abfällig zwei Schweineohren in eine Tüte. Die Schweineohren waren riesig und glänzten zuckrig, schwitzten. "So, der ganze Mist kostet zusammen..." Lustloses Kopfrechnen. "Ach, weißt du was? Ich schenke es dir." Ich versuchte zu widersprechen und nahm einen Zehnmarkschein aus meinem Portemonnaie. "Willst du mich beleidigen? Los jetzt, schnapp dir deine beiden Scheißtüten und mach, dass du wegkommst. Und iss ordentlich. Bist ja ein richtiger Hungerhaken." Und jetzt streckte sie ihren Busen ganz heraus, die Kittelschürze spannte. Ein kaum hörbares Geräusch. Das war, da war ich mir sicher, die Schleife ihrer Schürze, die sich durch das Herausstrecken des Busens hörbar enger zog. Sie strich sich mit den Händen die Haare zurück. Die Haare blieben am Kopf kleben, und ihr großes Gesicht glänzte genauso wie die Schweineohren, die längst durch das Papier der Papiertüte gefettet hatten. "Mein Bester, mach, dass du wegkommst, sonst packt dir die gute Ilse noch ein paar Puddingbrezel dazu." Ich bedankte mich, und als ich auf dem Weg ins Theater in eines der Schweineohren biss und mir der überzuckerte Blätterteig und ein Anklang von Zitronengeschmack im Mund zergingen, wusste ich, dass ich die Bäckerei gewechselt hatte.
Am nächsten Morgen begrüßte sie mich, ohne von ihrem Stuhl aufzustehen, ja, sie ließ ihr Gesicht genau im Ventilatorstrom. "Und, mein Gutester, hat alles geschmeckt? Ist dir nicht schlecht geworden von dem Scheißbrot?" Ich rühmte ihr Schwarzbrot und lobte ihre Schweineohren als die besten, die ich je gegessen hätte. "Na, nu brich dir mal keinen Zacken aus der Krone, Hungerhaken. Was willst du denn schon wieder hier? Hast ja wohl nicht dein ganzes Schwarzbrot schon aufgegessen. Pass bloß auf, da kannst du ordentlich Dünnpfiff von kriegen: Montezumas Rache." "Nein" , sagte ich. "Da ist noch was übrig. Aber ein Schweineohr hätte ich gerne." Sie stand auf und zog sich ihre fleckige Kittelschürze zurecht. "Mann, ist das eine Hitze hier in dem Loch. Ich schwitz wie ein Schwein." In der Vitrine surrten mehrere Wespen.
Mach, dass du rauskommst!
Hinten an der Wand stand ein elektrischer Wespentöter. Eine neonleuchtende Röhre mit einer elektrischen Spirale in der Mitte. Unterhalb dieser Lampe eine metallene Auffangschale in der zig verkohlte, verschmurgelte Wespenkörper lagen. Einige noch lebendig, nur mit versengten Flügeln, drehten sich, je nachdem welchen ihrer Flügel es erwischt hatte, rechts oder links rum im Kreis. "Wie kommen bloß diese Scheißviecher hier rein. Das frag ich mich. Wo kommen die her? Durch die Tür kann ja wohl kaum sein, so selten, wie die aufgeht." "Gibt es bei Ihnen eigentlich auch eine Tasse Kaffee?" , fragte ich. Sie sah mich an, unfreundlich. "Sehe ich so aus? Schau dich mal um. Was ist das hier? Ein Caféhaus, oder was? Das hier ist eine Bäckerei." "Kein Problem" , sagte ich schnell, "dann nehme ich wieder eins von den Schweineohren."
Ohne noch etwas zu sagen, ging sie nach hinten, öffnete eine Tür, und ich sah die Backstube. Ein großes Rührgerät, verschiedene Öfen und mehrere Ständer mit Blechen. Sie kam mit einer Thermoskanne und einem Becher zurück. Knallte beides auf die Ablage der Vitrine und verschwand wieder. Diesmal durch eine andere Tür. Als sie zurückkam, brachte sie einen Klappstuhl und einen Teller mit. "Schweineohren gibt's heut nicht. Hier, kriegste ne schöne Puddingbrezel. Das Drecksding wird dir schmecken!" Mit den Fingern zog sie die Puddingbrezel auf den Teller herüber und goss mir vom Kaffee ein. Klappte den Campingstuhl auseinander, stellte ihn neben ihren Stuhl vor den Ventilator. Und während ich wie eine Schlange meinen Kiefer ausrenkte, um vom Puddingmonster abzubeißen, schlug sie mir plötzlich ihre wurstfingerige Hand auf den Oberschenkel. Sie lachte. Ihr Lachen war überraschend hell und rein. "Das gefällt mir!" , rief sie und ließ ihre Hand da, wo sie mich getroffen hatte. Knetete und tätschelte mich sogar ein wenig. "Wie in einem Scheißrestaurant ist das hier. Und schmeckt es dem Herrn?" Nach der Hälfte war ich satt, aber sie ließ mich nicht eher aufstehen, bis ich die Puddingbrezel aufgegessen hatte. Als ich bezahlen wollte, zeigte sie auf die Tür: "Nee, das kommt gar nicht infrage. Mach, dass du rauskommst, Lulatsch!" Von nun an nahm ich jeden Morgen mein Frühstück zusammen mit Ilse ein. Leise stieg ich aus dem Bett, in dem Franka mit ihren langen Beinen die Bettdecke zwischen ihren Schenkeln festhielt, zog mich an und ging, ohne auch nur für einen Moment geschlafen zu haben, frühstücken. Sie stellte uns einen Tisch neben die Vitrine, mit einer karierten Tischdecke, und da ich immer um die gleiche Zeit Probe hatte, war der Tisch schon gedeckt, wenn ich kam. Was es zum Frühstück gab, bestimmte sie.
Immer war es überdimensioniert und viel zu süß. Die Rumkugeln waren so groß wie Tennisbälle. "Ich weiß nicht, ob du das weißt, aber da kommt alles rein, was zu süß für die Schweine ist. Und dann jede Menge echter Rum, damit man nicht den ganzen Mischmasch schmeckt. Bei mir kommt noch echter Rum rein. Strohrum. Rumkugeln gehören zu den Lebensmitteln, die man nur essen kann, weil man nicht weiß, wie sie gemacht werden. Würdest du sehen, wie ich das mache, würdest du nie wieder eine davon anfassen. "Machen Sie alles selbst?", fragte ich sie. Da war sie für einen Augenblick beleidigt. "Was denkst du denn? Glaubst du, ich bestell das in der Fabrik? Glaubst du, so ein Brot hier gibt es in der Fabrik? Willst du mich verarschen?" "Wie viele Bäcker arbeiten denn hier?" "Sag mal, Hungerhaken, bist wohl heute mit dem falschen Bein aufgestanden. Wie viele Bäcker hier arbeiten? Was denkst du denn? Hier arbeitet überhaupt kein einziger Bäcker. Hier arbeite nur ich und sonst niemand!" In den nächsten Tagen erzählte sie mir nach und nach die Geschichte der Bäckerei, die ihre Großeltern eröffnet hatten. Ihr Vater hatte sie Mitte der Fünfziger übernommen und modernisiert. Ihr Vater starb früh, und zusammen mit ihrer Mutter und mehreren Bäckern führten sie die Bäckerei weiter. Sie berichtete von riesigen Mengen von Brötchen, die hier jeden Morgen für mehrere der schon lange geschlossenen Zechen gebacken wurden. Wie stadtbekannt die Bäckerei gewesen wäre. Als ihre Mutter starb, machte sie alleine weiter. Unwillig erzählte sie von ihrem Mann. Sie nannte ihn immer nur: den Schweinehubert. Der Schweinehubert war abgehauen und hatte sie im Stich gelassen. Ihren letzten Angestellten hatte sie vor zwei Jahren kündigen müssen. Seit die neue Bäckerei aufgemacht hatte, kamen nur die alten Kunden, und auch die würden nach und nach wegsterben. "Wenn ich in der Zeitung die Todesanzeigen durchlese" , erklärte sie mir, "und sehe, dass wieder einer von meiner Kundschaft hin ist, denke ich: Oh Gott, das Mehrkornbrot ist tot." Aber sie war keineswegs arm. In den guten Zeiten hatte ihr Vater das Haus gekauft. Einen der wenigen Altbauten in der Stadt, die den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatten. Aber die Bäckerei schließen wollte sie auf gar keinen Fall. "Was soll ich denn dann den lieben langen Tag machen? Ich hab ein einziges Mal Urlaub gemacht. Da bin ich jeden Morgen um drei aufgewacht, Bäckerschicksal, und hab auf dem Balkon gestanden, Kette geraucht, und unten hat muffig das Mittelmeer geplätschert. Das ist nichts für mich."
Unsere Bekanntschaft machte mir Freude, da ich sie viel über Dortmund fragen konnte. Ich probte gerade eine Komödie. Die hieß Außer Kontrolle. Ich musste mit einem Toten tanzen und viel gegen Türen laufen. Das sollte ich ihr vorspielen. Wie man das macht. Ich stand auf und knallte gegen den Türrahmen der Backstube. Sie schüttelte nur den Kopf: "Wer fällt denn auf so was rein!" und lachte erst sehr viel später, nicht darüber, wie ich gegen ihre Tür gelaufen war, sondern darüber, was ich für einen eigenartigen Beruf hatte. (Joachim Meyerhoff, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.02.2010)
Der sechste Teil der Erzählreihe Alle Toten fliegen hoch - Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke - hat am 20. 2. Premiere im Vestibül des Burgtheaters. Der Text Ilse stammt aus dem fünften Teil Heute wärst du zwölf.
Zur Person:
Joachim Meyerhoff, geb. 1967 in Homburg/Saar, ist
Schauspieler und Regisseur, seit 2005 am Wiener Burgtheater. Sein
jüngstes Projekt Alle Toten fliegen hoch wurde zum Berliner Theatertreffen 2009 eingeladen.