US-Vordenker Jeremy Rifkin fordert ein neues globales Bewusstsein, um den Klimakollaps zu stoppen
Um den Klimakollaps zu stoppen, muss ein neuesglobales Bewusstsein die Weltwirtschaft komplett verändern, sagt Buchautor Jeremy Rifkin im Gespräch mit Eric Frey.
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Vor großen Würfen ist der amerikanische Quer- und Vordenker Jeremy Rifkin nie zurückgescheut. In seinem jüngsten Buch "Die empathische Zivilisation" versucht er die Menschheitsgeschichte neu zu schreiben - als die Entwicklung zu einer Gesellschaft, die sich zunehmend als Gemeinschaft sieht und füreinander Mitgefühl empfindet, aber dabei immer mehr Energie verbraucht und so ihre Existenz gefährdet. Heute sei die Welt an einem Wendepunkt angekommen, sagt Rifkin, der vergangene Woche auf Einladung des Kreisky-Forums und der US-Botschaft sein Buch in Wien präsentierte, im STANDARD-Gespräch.
Einerseits existiere erstmals ein echtes globales Bewusstsein, das die Menschheit dazu befähigen sollte, die großen Herausforderungen wie die Erderwärmung zu bewältigen. Aber der Klimawandel, den Rifkin in eine Reihe stellt mit früheren Umweltsünden wie die massive Abholzung im Römischen Reich und im Spätmittelalter, gehe so rasant vor sich, dass dieses Unterfangen zu scheitern droht - mit katastrophalen Folgen.
"Die 6,8 Milliarden Menschen repräsentieren nur ein halbes Prozent der Biomasse auf unserem Planeten, aber wir brauchen 25 Prozent der Photosynthese auf - und wir bewegen uns in Richtung 9 Milliarden Menschen. Wir sind zu Monstern geworden, wir fressen die Energie und Ressourcen auf, auf denen Photosynthese basiert." Das Scheitern des Klimagipfels von Kopenhagen habe gezeigt, dass die bisher versuchten Lösungsansätze, wie der eines Abkommens zur Begrenzung der Treibhausgase, nicht ausreichen.
Hungerrevolten
Für Rifkin ist der Kapitalismus daher selbst an seine Grenzen gelangt. Das andere entscheidende wirtschaftliche Ereignis der letzten 18 Monate habe im Juli 2008 stattgefunden, als der Erdölpreis auf 147 Dollar je Fass kletterte. "Die Preise schossen in die Höhe, Lebensmittel und Treibstoff wurde unerschwinglich, wir hatten Hungerrevolten in 30 Staaten. Die Kaufkraft stürzte ab. Der gesamte Wirtschaftsmotor, der auf fossilen Brennstoffen basiert, schaltete sich ab. Das war das ökonomische Erdbeben. Der Kollaps der Finanzmärkte 60 Tage später war bloß das Nachbeben."
Seit 1979 gehen die Pro-Kopf-Erdölreserven auf der Welt zurück, seither sei die zweite industrielle Revolution in ihrer Endphase. "Seither wurde zwar mehr Öl gefunden, aber noch mehr Menschen kamen dazu" , sagt Rifkin. "Als China und Indien ein Drittel der Weltbevölkerung in die Industriewirtschaft einbrachten, wurde der Nachfragedruck zu groß, und die Finanzmärkte konnten dem Zusammenbruch der Realwirtschaft nicht standhalten. Diese Mauer können wir nicht überwinden. Sobald die Wirtschaft wieder wächst, schießt der Ölpreis auf 140 bis 150 Dollar, dann steigen die Preise und die Maschinerie blockiert."
Rifkin sieht daher das Ende des Menschheitsbildes, das in der Aufklärung entstanden ist, kommen: das autonome Individuum, das selbständig nach materiellem Wohlstand und Glück strebt. Notwendig sei ein neues Bewusstsein, das auf soziale Zusammengehörigkeit und einen umfassenden Begriff der Lebensqualität abstellt. Wichtigste Grundlage dafür sei eine neue, verständnisvolle Pädagogik. All dies sei im Kommen - nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, wo der "amerikanische Traum" neu definiert werden müsse.
Empathie vs. Entropie
"Die Jüngeren unter 30 haben eine andere Vision, sie reden immer mehr von Lebensqualität und einer neuen Definition der Freiheit", sagt der 67-jährige Soziologe, Ökonom und Publizist. "Als ich aufwuchs, wurde Freiheit durch John Wayne symbolisiert, durch Unverletzbarkeit, Autonomie und Mobilität. Aber junge Menschen definieren Freiheit nicht mehr als Exklusivität, sondern als Inklusivität, als Recht auf Zugang. Freiheit ist die Fähigkeit, das Potenzial seines Lebens durch qualitätsvolle Beziehungen und Erlebnisse zu optimieren. Dieser Traum der Lebensqualität passt viel besser in eine globalisierte Gesellschaft."
Doch hier sieht Rifkin ein gefährliches Dilemma - das Paradoxon von Empathie und Entropie. "Moderne, komplexe Gesellschaften sind weltoffener, bringen mehr Menschen zusammen und erweitern das Bewusstsein. Aber sie fressen auch viel mehr Energie. Die fremdenfeindlichsten und engstirnigsten Gesellschaften haben den kleinsten ökologischen Fußabdruck."
Rifkins einziger Ausweg ist die bereits in seinen früheren Büchern skizzierte neue Energiewirtschaft, die sich ähnlich dezentral organisiert wie die Internet-basierte Kommunikationsgesellschaft. Damit könne die Klimakatastrophe noch abgewendet werden. Doch sein Optimismus hält sich in Grenzen: "Wenn sich dieses kleine Fenster schließt, dann werden wir das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, erleben." (DER STANDARD, Album, 13./14.2.2010)
Jeremy Rifkin, "Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein" . € 27,70/468 Seiten. Campus, Frankfurt 2010