"Die Moral wird durch das Geld zerstört"

Peter Illetschko, 12. Februar 2010, 14:26
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    Thorsten Hens warnt vor zu vielen Emotionen an der Börse.

Finanzmarktökonom Thorsten Hens über das Risiko am Finanzmarkt, legitimierte Gier und die drohende Nachhaltigkeitsblase

STANDARD: Kennen Sie den Film "Wall Street" aus den 1980er-Jahren?

Hens: Ja. Der Film ist großartig. Es ging damals um die Anfänge der Deregulierung des Aktienmarktes. Der Film zeigt, wie externe Finanzinvestoren, die ein Unternehmen feindlich übernehmen, die stillen Reserven des Unternehmens "heben" .

STANDARD: Wissen Sie, dass Oliver Stone nun aus aktuellem Anlass den 2. Teil des Films drehte, "Wall Street 2" , wieder mit Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gecko? Stone soll nun gesagt haben, dass Gier nun ganz legal ist und es so zur Finanzkrise kam. Was sagen Sie dazu?

Hens: Diese Einschätzung ist so falsch nicht. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bonuszahlungen für Bankmanager, die an Aktien oder Optionen geknüpft sind. Gier wird dadurch legal. Man hat bei diesen Entlohnungssystemen bloß vergessen, dass Manager in Geldinstituten dann noch ganz andere Anreize zusätzlich sehen könnten, nämlich Börsenkurse zu manipulieren. Ihr Ziel ist dann nur noch der rasche Profit. Langfristiger Erfolg ist dann sekundär. Die Schlussfolgerung ist klar: Je mehr Geld angeboten wird, dort wo es eigentlich um intrinsische Motive ging, um reines Interesse und nicht vorrangig um Geld, desto extrinsischer, profitorientierter denken die Beteiligten. Die Moral wird durch das Geld zerstört.

STANDARD: Extrinsisch ist aber nur ein schönes Wort für ein ganz banales Gefühl, oder?

Hens: Man kann auch schlicht Gier dazu sagen. Das haben die Wissenschafter, die das Bonusmodell erfunden haben, nicht bedacht. Die Vorgeschichte dieses Fehlers ist bekannt: Die Ökonomie war eine Sozialwissenschaft und ist in den 1950er- und 1960er-Jahren mathematisiert worden. Man hatte die Hoffnung, eine Naturwissenschaft daraus zu machen, mit Rechnungen alles erklären zu können. Damit man rechnen kann, muss man Annahmen treffen. Das ist dann natürlich häufig falsch gelaufen, weil man die Psychologie der Akteure, die mathematisch nur schwer fassbar ist, nicht berücksichtigt hat.

STANDARD: Was genau müsste man berücksichtigen?

Hens: Viele Menschen haben eine schwankende Risikowahrnehmung. Sie werden nach kurzfristig guten Märkten zu optimistisch und nach kurzfristig schlechten Märkten zu pessimistisch. Sie legen dann ausschließlich prozyklisch an. Da kann man psychologisch gegensteuern. Wir haben etliche Experimente zu Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit durchgeführt. Und mit den gewonnenen Erkenntnissen beraten wir Privatbanken beim Kundenmanagement, damit hier der Umgang mit Risiko keine Überraschung mehr ist. Damit die Bank z.B. weiß: Kunde A ist eher ängstlich, Kunde B sehr optimistisch und mutig.

STANDARD: Was genau tun Sie im Rahmen einer solchen Beratung?

Hens: Wir beginnen mit einem Diagnosetest wie beim Arzt. Wir checken nicht den Kreislauf, wir stellen Fragen, geben Einschätzungen ab und erstellen ein Profil nach zwei Dimensionen, nämlich ob Kunden sehr rational oder eher emotional anlegen. Ob sie viel Sachverstand haben oder Laien sind. Der nächste Schritt ist: Die Kunden lernen in einem Trainingsmodul, was Renditen oder Risiken bedeuten. Typische Fehler darf man da ganz bewusst machen. Dann wird erklärt, warum die Handlung nicht vernünftig war und wie man besser agieren könnte. Im letzten Schritt wird ein Risikoprofil erstellt, das festhält, wie es um die Risikofähigkeit und Risikobereitschaft bestellt ist, und daraus wird ein Anlagevorschlag abgeleitet.

STANDARD: Wenn es derartige Tools gibt, um Fehler zu vermeiden, stellt sich die Frage: Warum machen Anleger immer wieder alte Fehler?

Hens: Spekuliert wird, Fehler werden gemacht, weil wir Menschen sind. Rational kann man das nur unbefriedigend erklären: Seit 1635, seit der Tulpenblase, gibt es immer wieder Spekulationsblasen, nach deren Platzen man immer wieder solche Fragen stellt und die Antworten beim nächsten Hype vergisst. Das war immer so - nach der Blase wegen der Massenproduktion Ende der 1920er-Jahre, der Internetblase oder jetzt nach der Immobilienblase, die deshalb so folgenschwer war, weil in den USA 50 Prozent, in Europa sogar 75 Prozent des Vermögens in Immobilien angelegt sind.

STANDARD: Welche Rolle spielen Medien?

Hens: Interessant an der Tulpenblase ist, dass kurz davor die ersten Zeitungen gegründet wurden. Ein Verstärker beim Entstehen einer Blase, beim Entstehen unrealistischer Vorstellungen: Tulpenzwiebeln wurden im Wert von zwei bis drei Häusern gekauft, weil man hoffte, sie später noch teurer weiterzuverkaufen. Oder erinnern Sie sich an die Immobilienblase in Japan in den 1990er-Jahren. Da wurde der Garten des kaiserlichen Palastes in Tokio mit dem Wert von ganz Kalifornien gleichgesetzt.

STANDARD: Was kommt nach der derzeitigen Krise? Kurze Erholung und dann die nächste Blase?

Hens: Es wird immer wieder solche Hypes geben, die mehr oder weniger gefährlich sind. Die nächste Blase sehe ich aber schon kommen, die Nachhaltigkeitsblase. Im Zusammenhang mit Umwelt und Klima werden exzessiv Fantasien entstehen, von denen nicht alle übrigbleiben werden.

STANDARD: Wie kann man dem entgegenwirken?

Hens: Man könnte in den Zeitungen davor warnen und in Analysen schreiben, dass Anleger hier aufpassen sollten. Aber es gibt natürlich auch die Überlegung, solche Blasen nicht mehr zuzulassen. Wie man die genau verbieten möchte, weiß ich nicht. Prinzipiell sollte man aber bei Regulativen nicht Joseph Schumpeter vergessen. Er sagte, dass es immer wieder Prozesse schöpferischer Zerstörung geben muss. Am Ende einer Blase blieb ja auch meist etwas übrig. Ob es das Internet war - oder vielleicht nach dem nächsten Hype ein energiefreundlicher Antrieb für das Auto. Deswegen bin ich gar nicht so sehr für scharfe Regulierungen. Andererseits führte die Deregulierung aber, wie man aus der jüngsten Vergangenheit weiß, auch in die Katastrophe. Ein Dazwischen muss es geben, zum Beispiel Bonussysteme von Bankmanagern, die vom langfristigen Erfolg abhängen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, Album, 13/14.2.2010)

Zur Person

Thorsten Hens ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Uni Zürich. Er forscht über Behavioural Finance und ist Gründungspartner der Behavioural Finance Solutions GmbH.

Kommentar posten
17 Postings
Joseph III. - Von eigenen Gnaden etc. etc.
 
01
14.2.2010, 14:03
"Moral wird durch das Geld zerstört"

"Falsch!"

Wirkliche Moral entsteht erst dort, wo trotz Reichtums von ebendiesem Weg nicht gravierend abgewichen wird.

Ein Armer kann leicht moralisch einwandfrei agieren!

Ich empfehle jedem folgenden Selbstversuch:

Man verdiene in einem Jahr 5 Millionen Euro:

- An der ersten Million geile man sich auf!
- Die zweite Million verprasse man.
- Mit der dritten Million versuche man, Fehler auszubügeln.
- Bei der vierten Million beginne man nachzudenken.
- Und ab der fünften Million sollte man den Dreh mit der Moral dann raus haben ... ;-)

Gramurcki
00
16.2.2010, 12:27
oh

ich kann mir Moral nicht leisten?

Olivio Tasso
00
14.2.2010, 14:48
Ein interessanter Gedanke

aber leider nur Theorie.

amused8
02
14.2.2010, 05:53
Was die Kritker immer verschweigen

Leider versaeumen die Kritiker wahrscheinlich nicht unabsichtlich den wahren Grund der Krisen zu benennen:

Irving Fisher, Mathematiker, neoklassischer Oekonom, Yale Professor stellte rund 1 Woche vor Ausbruch der grossen Depression 1929 der US-Wirtschaft das beste Zeugnis aus. Ein paar Jahre spaeter, er hatte durch die Depression viel Geld verloren, korrigierte er seine Fehler, in dem er das herrschende Geldsystem als Krisenursache erkannte (Anmerkung: ist es auch bei der aktuellen Krise). Er schaetzte auch die Ideen Gesells. Sein Vorschlag, ein Vollgeldsystem einzufuehren, wuerde zu einer teilweisen Entmachtung der Banken fuehren. Leider, wer sich gegen die Finanzindustrie und dem hinter ihr stehenden Geldadel stellt, hat kaum eine Chance

iohui
00
14.2.2010, 02:45
wenn du willst, dass der verstand aussetzt, musst du nur die gier wecken.

ein alter hut.

her wig
00
14.2.2010, 00:40
Geld *ist* die Moral

und Profitmaximierung das höchste Ziel (im Leben des angenommenen Homo Oeconomicus).

Vor kurzem war in Ö1 eine Sendung zu diesem Thema, und dort wurde gesagt dass das Modell des rationalen Egoismus eigentlich garnicht auf Menschen zutrifft, dafür aber auf Schimpansen - und auf die Leute an der Börse, die sozusagen rasierte Schimpansen sind (Zitat ende). Tja, so ein Imageverlust zieht weite Kreise...

christ_sein
22
13.2.2010, 15:34
Geld und Zinsen

Wer Zins nimmt, lebt auf Kosten der Arbeit anderer, ohne ihnen für diese Arbeit irgendeine Gegenleistung zu geben. Durch den Zins wird der Gleichwertgrundsatz in schwerster Weise verletzt. Christentum und Zins sind unvereinbar.Johannes Ude (*1874, †1965), Dekan der kath.-theol. Fakultät Graz

Wo nicht der Mensch, sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötetwerden auf die Jagd schicken wird.Karl Barth (*1886, †1968), dt. evang. Theologe

Wer Zins nimmt, wird mit dem Königsbann belegt, wer wiederholt Zins nimmt, wird aus der Kirche ausgestoßen und soll vom Grafen gef

Bernhard Kubicek
00
14.2.2010, 10:58
Wer Zins nimmt

hat schneller als andere gehandelt, und profitiert davon.
Weil er schneller eine Möglichkeit gefunden hat etwas zu "besitzen", was andere dennoch brauchen. Und da er sein Gut den anderen zur Verfügung stellt, will er etwas davon haben. Genau das macht ein Tischler, wenn er einen Tisch baut, um ihn später gewinnbringend zu verkaufen. Er nützt seine Möglichkeiten, um präventiv ein Gut für andere zu bekommen, und dafür verlangt er Geld.
Zinsen ist imho nix anderes. Und es ist ein gutes System, weil nur dadurch die Spezialisierung der persönlichen Möglichkeiten rückgekoppelt wird.

Gramurcki
00
16.2.2010, 12:42
mhhh

Geld ist ein Schuldschein. Schulden sind eigentlich (in der guten alten Zeit) in der Realität verhaftet. Das nennt man Deckung. Schulden können verzinst werden, die dazugehörige Deckung bleibt aber unverändert, auf der Tatsache begründet das echte Dinge nur in den seltensten Fällen 6% per anno zu wachsen pflegen.
Die Differenz die hierbei entsteht ist (im ersten Jahr also angenommen 6%) muss aber irgendwie aufgebracht werden, also sinkt der Wert der gesamten am Markt befindlichen Deckung (reale Welt) im gleichen Maß. So entsteht Inflation.

Heute benötigt man als Bank nur noch 10% des verliehen Kapitals um für 100% der Summe Zinsen zu verrechnen. Weltweit übersteigt die Geldmenge die Deckung inzwischen um das 20zigfache.

Mahlzeit!

Otto0815
00
13.2.2010, 14:06
Eine Utopie,

denn unser Wirtschaftssystem beruht auf dem Prinzip des "Mehrwerts".

Außerdem war die Behauptung das Zins Gier verursacht eine Wurzel des Judenhasses, weil man nur Juden das Zinsgeschäft erlaubte und sie daher als gierig und unmoralische Menschen verurteilte!

christ_sein
02
13.2.2010, 15:37
Geld und Zinsen

...ein Krieg gegen die gesamte Dritte Welt, ein Krieg um die Auslandsschulden. Seine schärfste Waffe ist der Zinssatz, und die ist tödlicher als die Atombombe."Luis Ignácio Lula da Silva (*1945), bras. Präsident
In dem kapitalistischen System steckt ein Rechenfehler. Die Kapitalisten können nicht rechnen. Das ist die ganze Wahrheit. Wenn sie rechnen könnten, würden sie wissen, dass keine Wirtschaft andauernd Zins und Zinseszins zahlen kann.Paul C. Martin (*1939), Autor und Wirtschaftsjournalist, in "Wann kommt der Staatsbankrott" (1982)

Jede Gesetzgebung, die den Zins erlaubt, ist null und nichtig.Papst Alexander III. (*1105, †1181)

Mehr auf
http://www.wirtschaft.wikispaces.com

R. M.
47
12.2.2010, 21:30
Die Moral wird nicht durch Geld zerstört.

Sondern durch Zins. Das ist nämlich genau der Punkt, wo die Gier beginnt. Wird nur gerne übersehen, weil wir uns schon so an Zins gewöhnt haben.

http://wirtschaft.wikispaces.com/Warum+Zin... n+mu%C3%9F

Bernhard Kubicek
00
14.2.2010, 10:43

"Positiv rückgekoppelte Systeme brechen immer zusammen"
Existiert irgendwo ein abstoßender Attraktor, heißt das nicht dass nicht wo ganz anders ein normaler Attraktor sein kann. Außerdem widerspricht sich das, Zusammenbruch=negative Kopplung.
"Das ist ein Naturgesetz" Nein, das ist nach dem Unvollständigkeitssatz nicht 100% beweisbare Mathematik. Mathematik ist prinzipiell kein Naturgesetz.
"Wo immer in der Natur ungebremstes exponentielles Wachstum vorkommt, führt es zur Zerstörung"
Dann ist es aber schon definitionsgemäss nicht exponentiell...
"Zins nehmen bedeutet: Mehr nehmen als man gibt"
Wenn ich als Zinssatz die Inflation nehm, ist mein Wertgewinn ca Null..
Pseudowissenschaft und Pseudoargumente pur...

Dante Alighieri
42
13.2.2010, 04:12

Die Lehren Gesells werden auch mit tausendmaligem Posten nicht wahrer oder brauchbarer.

christ_sein
21
13.2.2010, 15:33
Geld ist keine Ware

... so einfach ist das.

Mehr auf http://www.wirtschaft.wikispaces.com

Das Geld ist für den Tausch entstanden, der Zins aber weist ihm die Bestimmung an, sich durch sich selbst zu vermehren. Daher widerstreitet auch diese Erwerbsweise unter allen am weitesten dem Naturrecht.Aristoteles (*384 v.Chr., †322 v.Chr.), griech. Philosoph

Jetzt endlich habe ich erkannt, dass nicht das Wirtschaftswachstum den Zinseswahnsinn erzeugt, sondern dass der Zins die einzige wahre und wirkliche Ursache dafür ist, dass die Welt dem Wahnsinn des ewigen Wachstums verfallen ist.Konrad Lorenz (*1903, †1989), österr. Verhaltensforscher, Medizin-Nobelpreis 1973

Wer Zins nimmt, lebt auf Kosten der Arbeit anderer.

Bernhard Kubicek
10
14.2.2010, 10:48
ihre welt ist zu einfach

"Geld ist für den Tausch entstanden". D.h. Es wird als Tauschmittel eingesetzt. "Die Ware ist ein wirtschaftliches, materielles Gut, das Gegenstand des Handels ist." Und wenn ich jetzt mit einem Euro ein paar Dollar Kauf, dann ist Geld eine Ware. Das Konzept, Meinungen durch Pseudowissenschaft zu erhärten, bringt niemanden weiter..

R. M.
00
13.2.2010, 13:26
Sachliche Argumente?

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