Finanzmarktökonom Thorsten Hens über das Risiko am Finanzmarkt, legitimierte Gier und die drohende Nachhaltigkeitsblase
STANDARD: Kennen Sie den Film "Wall Street" aus den 1980er-Jahren?
Hens: Ja. Der Film ist großartig. Es ging damals um die Anfänge der Deregulierung des Aktienmarktes. Der Film zeigt, wie externe Finanzinvestoren, die ein Unternehmen feindlich übernehmen, die stillen Reserven des Unternehmens "heben" .
STANDARD: Wissen Sie, dass Oliver Stone nun aus aktuellem Anlass den 2. Teil des Films drehte, "Wall Street 2" , wieder mit Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gecko? Stone soll nun gesagt haben, dass Gier nun ganz legal ist und es so zur Finanzkrise kam. Was sagen Sie dazu?
Hens: Diese Einschätzung ist so falsch nicht. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bonuszahlungen für Bankmanager, die an Aktien oder Optionen geknüpft sind. Gier wird dadurch legal. Man hat bei diesen Entlohnungssystemen bloß vergessen, dass Manager in Geldinstituten dann noch ganz andere Anreize zusätzlich sehen könnten, nämlich Börsenkurse zu manipulieren. Ihr Ziel ist dann nur noch der rasche Profit. Langfristiger Erfolg ist dann sekundär. Die Schlussfolgerung ist klar: Je mehr Geld angeboten wird, dort wo es eigentlich um intrinsische Motive ging, um reines Interesse und nicht vorrangig um Geld, desto extrinsischer, profitorientierter denken die Beteiligten. Die Moral wird durch das Geld zerstört.
STANDARD: Extrinsisch ist aber nur ein schönes Wort für ein ganz banales Gefühl, oder?
Hens: Man kann auch schlicht Gier dazu sagen. Das haben die Wissenschafter, die das Bonusmodell erfunden haben, nicht bedacht. Die Vorgeschichte dieses Fehlers ist bekannt: Die Ökonomie war eine Sozialwissenschaft und ist in den 1950er- und 1960er-Jahren mathematisiert worden. Man hatte die Hoffnung, eine Naturwissenschaft daraus zu machen, mit Rechnungen alles erklären zu können. Damit man rechnen kann, muss man Annahmen treffen. Das ist dann natürlich häufig falsch gelaufen, weil man die Psychologie der Akteure, die mathematisch nur schwer fassbar ist, nicht berücksichtigt hat.
STANDARD: Was genau müsste man berücksichtigen?
Hens: Viele Menschen haben eine schwankende Risikowahrnehmung. Sie werden nach kurzfristig guten Märkten zu optimistisch und nach kurzfristig schlechten Märkten zu pessimistisch. Sie legen dann ausschließlich prozyklisch an. Da kann man psychologisch gegensteuern. Wir haben etliche Experimente zu Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit durchgeführt. Und mit den gewonnenen Erkenntnissen beraten wir Privatbanken beim Kundenmanagement, damit hier der Umgang mit Risiko keine Überraschung mehr ist. Damit die Bank z.B. weiß: Kunde A ist eher ängstlich, Kunde B sehr optimistisch und mutig.
STANDARD: Was genau tun Sie im Rahmen einer solchen Beratung?
Hens: Wir beginnen mit einem Diagnosetest wie beim Arzt. Wir checken nicht den Kreislauf, wir stellen Fragen, geben Einschätzungen ab und erstellen ein Profil nach zwei Dimensionen, nämlich ob Kunden sehr rational oder eher emotional anlegen. Ob sie viel Sachverstand haben oder Laien sind. Der nächste Schritt ist: Die Kunden lernen in einem Trainingsmodul, was Renditen oder Risiken bedeuten. Typische Fehler darf man da ganz bewusst machen. Dann wird erklärt, warum die Handlung nicht vernünftig war und wie man besser agieren könnte. Im letzten Schritt wird ein Risikoprofil erstellt, das festhält, wie es um die Risikofähigkeit und Risikobereitschaft bestellt ist, und daraus wird ein Anlagevorschlag abgeleitet.
STANDARD: Wenn es derartige Tools gibt, um Fehler zu vermeiden, stellt sich die Frage: Warum machen Anleger immer wieder alte Fehler?
Hens: Spekuliert wird, Fehler werden gemacht, weil wir Menschen sind. Rational kann man das nur unbefriedigend erklären: Seit 1635, seit der Tulpenblase, gibt es immer wieder Spekulationsblasen, nach deren Platzen man immer wieder solche Fragen stellt und die Antworten beim nächsten Hype vergisst. Das war immer so - nach der Blase wegen der Massenproduktion Ende der 1920er-Jahre, der Internetblase oder jetzt nach der Immobilienblase, die deshalb so folgenschwer war, weil in den USA 50 Prozent, in Europa sogar 75 Prozent des Vermögens in Immobilien angelegt sind.
STANDARD: Welche Rolle spielen Medien?
Hens: Interessant an der Tulpenblase ist, dass kurz davor die ersten Zeitungen gegründet wurden. Ein Verstärker beim Entstehen einer Blase, beim Entstehen unrealistischer Vorstellungen: Tulpenzwiebeln wurden im Wert von zwei bis drei Häusern gekauft, weil man hoffte, sie später noch teurer weiterzuverkaufen. Oder erinnern Sie sich an die Immobilienblase in Japan in den 1990er-Jahren. Da wurde der Garten des kaiserlichen Palastes in Tokio mit dem Wert von ganz Kalifornien gleichgesetzt.
STANDARD: Was kommt nach der derzeitigen Krise? Kurze Erholung und dann die nächste Blase?
Hens: Es wird immer wieder solche Hypes geben, die mehr oder weniger gefährlich sind. Die nächste Blase sehe ich aber schon kommen, die Nachhaltigkeitsblase. Im Zusammenhang mit Umwelt und Klima werden exzessiv Fantasien entstehen, von denen nicht alle übrigbleiben werden.
STANDARD: Wie kann man dem entgegenwirken?
Hens: Man könnte in den Zeitungen davor warnen und in Analysen schreiben, dass Anleger hier aufpassen sollten. Aber es gibt natürlich auch die Überlegung, solche Blasen nicht mehr zuzulassen. Wie man die genau verbieten möchte, weiß ich nicht. Prinzipiell sollte man aber bei Regulativen nicht Joseph Schumpeter vergessen. Er sagte, dass es immer wieder Prozesse schöpferischer Zerstörung geben muss. Am Ende einer Blase blieb ja auch meist etwas übrig. Ob es das Internet war - oder vielleicht nach dem nächsten Hype ein energiefreundlicher Antrieb für das Auto. Deswegen bin ich gar nicht so sehr für scharfe Regulierungen. Andererseits führte die Deregulierung aber, wie man aus der jüngsten Vergangenheit weiß, auch in die Katastrophe. Ein Dazwischen muss es geben, zum Beispiel Bonussysteme von Bankmanagern, die vom langfristigen Erfolg abhängen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, Album, 13/14.2.2010)
Zur Person
Thorsten Hens ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Uni Zürich.
Er forscht über Behavioural Finance und ist Gründungspartner der
Behavioural Finance Solutions GmbH.