Zur Berlinale-Eröffnung: Warum liest Werner Herzog Altgriechisch?
Das Geschichtswerk des altgriechischen Autors Diodoros (lateinisch: Diodorus Siculus) umfasst 40 Bücher, von denen nicht alle überliefert sind, aber doch so viele, dass die englische Übersetzung in der berühmten Loeb Classical Library zwölf Bände ausmacht - und das alles nur für die Zeit bis ins erste vorchristliche Jahrhundert, in dem Diodoros schrieb.
Leider hat Jörg Häntzschel, Autor der Süddeutschen Zeitung, der Werner Herzog unlängst in seinem Haus in Los Angeles besucht hat, nicht aufgeschrieben, welchen Band von Diodoros er genau dort herumliegen sah. Aber es ist vermutlich auch nicht so wichtig, denn der deutsche Filmemacher liest den antiken Historiographen nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Sprache: "Um mein Altgriechisch aufzufrischen."
Diese beiläufige Bemerkung ist sicher nicht so zu verstehen, dass hier einer der großen Abenteurer des Kinos zwischendurch ein wenig auf Bildungsbürger macht. Sie verweist vielmehr zurück auf die Anfänge seines Werks, auf die griechischen Inseln, auf denen er in den späten Sechzigerjahren seinen ersten abendfüllenden Spielfilm "Lebenszeichen" drehte, in dem die klassische Sprache auch schon eine wichtige Rolle spielte - als Störsignal gegen die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, gegen ein Deutschland, das seine Söhne zuerst humanistisch ausbildete und dann in einen wahnsinnigen Krieg schickte.
Fast noch interessanter ist der ebenfalls in dieser Zeit entstandene Kurzfilm "Letzte Worte", in dem Sprache prinzipiell als Fremdsprache aufgefasst wird - was die griechischen Menschen da vor der Kamera von sich geben, ist Aussage über einen abwesenden Außenseiter, und Herzog überhöht die rechtschaffenen Darlegungen und Meinungen der Einheimischen durch Wiederholung, er verwandelt das (in diesem Fall Neu-)Griechische in Slapstick. "Letzte Worte" existiert im Netz in einer Version ohne Untertitel, zu der die Übersetzungsversuche im Kommentarteil eine kongeniale Ergänzung ergeben:
Ab Donnerstag fungiert Werner Herzog als Vorsitzender der Jury bei der diesjährigen Berlinale. In so einem Gremium herrscht meist nicht nur Sprachenverwirrung, sondern auch Interpretationsdurcheinander. Das ist es gut, wenn einer das letzte Wort hat, dessen Horizont bis zu einem Historiker wie Diodoros zurückreicht. (reb)
CARGO ist eine eine in Berlin erscheinende Vierteljahreszeitschrift und ein Onlinemagazin zu den Themen Film, Medien und Kultur. derStandard.at/Kultur präsentiert in unregelmäßiger Folge Beiträge von CARGO.
ich muss gestehen, dass ich mir zur altgriechischauffrischung fassungen von Illias und Odyssee mit (deutscher) übersetzung auf der jeweils gegenüberliegenden seite zugelegt habe, weil schon so viel wieder weg war - und ich bin ein *bisserl* jünger als der herr Herzog ;o)
Früher war kraftvoll, zäh, eigenständig, einzigartig, jetzt ist er zahm geworden und leitet sogar brav die Jury, die er früher so wehement ablehnte.
Früher hat er großartige Filme gedreht, aber das ist leider lange her.
allen Ernstes: schon "Grizzly Man" gesehen oder "Encounters at the end of the World"? Gerne auch das zu Unrecht kritisierte "Rescue Dawn" (auch wenn das Christian Bales' Image als Schauspieler ziemlich angekratzt hat...). Ich freu mich auch schon auf "Bad Lieutenant", warte noch auf die die BluRay. Herzog hat nichts eingebüßt von seiner Schaffenskraft.
Vielleicht sind ihm die alten Griechen ein Jungbrunnen?
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