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8. April 2003, 18:26
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Deutsche Grundschüler erhalten bei Bildungsvergleichstest gute Noten - schlechte Zensur gib's aber für das Schulsystem

Berlin - Die deutschen Grundschüler haben beim internationalen Bildungsvergleichstest IGLU gute Noten bekommen. Mit ihren Leistungen im Lesen nehmen sie den 11. Platz ein und rangieren damit unter 35 Staaten im oberen Leistungsdrittel. "Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU zeigt ein überraschend erfreuliches Ergebnis", sagte die deutsche Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) am Dienstag in Berlin. Österreich hat an der Untersuchung nicht teilgenommen.

Gutes Zeugnis für LehrerInnen

Den Grundschullehrern sei ein gutes Zeugnis ausgestellt worden, sagte Bulmahn. IGLU bekräftige aber auch, dass Deutschland ein "ungerechtes Schulsystem" habe. "Es stellt sich die Frage, ob die Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen nach der vierten Klasse sinnvoll ist."

Beim IGLU-Lesetest liegen die Grundschüler in Deutschland etwa gleichauf mit Gleichaltrigen unter anderem in Bulgarien, Lettland, Kanada, USA und Italien. Sie erreichen ein Kompetenzniveau, das einem Vergleich mit europäischen Nachbarländern standhalten kann. Dieses relativ hohe Niveau erreicht nicht nur eine kleine Gruppe, sondern ein verhältnismäßig großer Teil der Schülerschaft.

Zehnjährige besser als Teenies

Damit schneiden die Zehnjährigen deutlich besser ab als die 15-jährigen Schüler beim internationalen Vergleichstest PISA. Sie erreichen allerdings nicht die auffällig höheren Leistungen des IGLU-Spitzentrios Schweden, Niederlande und Großbritannien.

Wie PISA zeigt auch IGLU die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Status und Migrationshintergrund. "Diese Abhängigkeit ist nur mit sehr guter individueller Förderung aufzuheben", sagte Bulmahn.

Soziale Faktoren entscheidend

Die IGLU-Ergebnisse weisen auch nach, dass mehr soziale Faktoren entscheidend für eine Schulempfehlung nach der vierten Klasse sind als nur die Leistungsfähigkeit der Schüler selbst. Bei gleicher Kompetenz erhalten vierzig Prozent der Kinder eine Empfehlung für die Realschule, 33 Prozent für das Gymnasium und 22 Prozent für die Hauptschule. Bulmahn sprach von einer "himmelschreienden Ungerechtigkeit".

Schulsystem in Frage gestellt

Die Ministerin bekräftigte ihre Forderung nach schulformübergreifenden Bildungsstandards und einer besseren Lehrerausbildung. Zugleich übte sie grundsätzliche Kritik: "Man muss feststellen, dass unser dreigliedriges Schulsystem nicht die Leistungen wie das anderer Länder, zum Beispiel Schweden oder Finnland, erbringt." Zudem erneuerte sie ihr Angebot an die Länder zum Aufbau einer nationalen Bildungsagentur.

An der IGLU-Untersuchung, die im internationalen Sprachgebrauch PIRLS (Progress in International Reading Literary Study) heißt, beteiligten sich insgesamt rund 147.000 Schüler in 35 Staaten. (APA)

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