Pulitzer-Preisträger mit kindlichem Herzen

9. April 2003, 17:17
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Jeffrey Eugenides, für seine Familiensaga "Middlesex" ausgezeichnet, über Europa und die USA

Prag - Zwischen Auftritten und Gesprächen während eines Prager Schriftstellerkongresses erreichte Jeffrey Eugenides die Nachricht, dass er den diesjährigen Pulitzer-Preis erhalten hat.

In einem kurzen Gespräch mit dem STANDARD zeigte er sich sehr erfreut: "Die Arbeit an meinem letzten Buch Middlesex hat neun Jahre gedauert, und es war ein sehr schmerzhafter Prozess, dieses Buch zu schreiben. Es war ein Problemkind für mich." Weswegen er den Preis als eine gerechte Würdigung seiner Mühen empfindet. Auch sein erster Roman The Virgin Suicides hat sich in den Vereinigten Staaten zehn Jahre lang sehr gut verkauft, ohne es aber zu einem Bestseller zu bringen.

Eugenides, der auch ein wenig Deutsch spricht, wurde 1960 in Detroit, Michigan, geboren, und lebt seit vier Jahren mit einem Schriftstellerstipendium in Berlin. Befragt, wo er sich aufgrund seiner griechischen Herkunft zu Hause fühle, sagte er: "In Griechenland fühle ich mich als Amerikaner, ich bin Amerikaner, aber zu Hause fühle ich mich in Europa." Insbesondere in der Stadt Kafkas, wo er sich zurzeit aufhält. Die deutsche Übersetzung von Middlesex wird übrigens im Herbst bei Rowohlt erscheinen.

Befragt, wie er als US-Autor zur gegenwärtigen Politik der Vereinigten Staaten stehe, sagte er, er halte es mit dem frühen Bush, der noch gesagt hat, Amerika müsse eine "humble superpower" sein. Alle anderen Formen von Übermacht zögen unweigerlich große Probleme auf sich. Es sei, so Eugenides, wie mit der reichsten Familie im Block: Sie müsse sich am meisten zurückhalten im Umgang mit den Nachbarn. Eine Supermacht, die nicht demütig bleibt, öffne eine Pandora-Büchse, und es sei unmöglich, Demokratie mit Gewalt in ein anderes Land zu bringen.

Eugenides betrachtet sich aber nicht als einen politisch prononcierten Schriftsteller: "Ich fühle mich in politischen Fragen eher wie ein Kind", sagt er. Der Pulitzer-Preis wird am 7. April übergeben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003)

Weitere Preise

Der Drama-Preis ging an den gebürtigen Kubaner Nilo Cruz für sein Bühnenstück Anna in the Tropics, Paul Muldoon wurde für seine Lyrik-Sammlung Moy Sand and Gravel ausgezeichnet.

Von Günter Traxler
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    foto: standard
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