Serbische Polizei: Zemun-Mafia wollte ganze Familie Djindjic ermorden

8. April 2003, 12:00
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Attentatsplan am 16. Februar gescheitert - Verschwörernetz aufgedeckt -Weitere Morde waren an Politikern geplant

Belgrad - Der Zemun-Clan hat Polizeiermittlungen zufolge die gesamte Familie des serbischen Regierungschefs Zoran Djindjic ermorden wollen. Wie Belgrader Medien am Dienstag (heute) berichten, sollte am 16. Februar der Dienstwagen, in dem Djindjic mit Ehefrau Ruzica und seinen Kindern Jovana und Luka von den Winterferien am Kopaonik-Gebirge in Zentralserbien nach Belgrad unterwegs war, unweit der Hauptstadt von Heckenschützen mit einer Rakete beschossen werden. Als Schützen hätten der spätere Mörder von Djindjic, Zvezdan Jovanovic, und ein "Raketenwerfer-Spezialist" fungiert. Beide sitzen bereits in Haft.

Weitere Morde an Politikern waren am 14.März geplant

Wäre das Auto von Djindjic damals stehen geblieben, hätten es die Chefs der Mafia-Gruppe von Zemun, darunter Mile Lukovic Kum, im Vorbeifahren zusätzlich aus automatischen Gewehren beschossen. Der Attentatsplan scheiterte aber, weil die Wagenkolonne mit Djindjic auf der Autobahn zu schnell unterwegs war.

Nach Angaben der Tageszeitung "Blic", die sich auf Polizeiermittlungen beruft, sollten am 14. März, zwei Tage nach der Ermordung von Djindjic vor dem Regierungsgebäude, weitere serbische Politiker umgebracht werden. Außerdem hätten der Mafia nahe stehende Medien den Tod von Djindjic seinen Kontakten zur Unterwelt zugeschrieben. Nach den Politikermorden hätte laut einem angeblich vom Boss der Zemun-Mafia, Milorad Lukovic Legija, angefertigten Plan die Spezialpolizeieinheit JSO (Rote Barette) gesorgt. Insgesamt gab es fünf Attentatspläne auf Djindjic - der letzte war erfolgreich.

Außer dem Zemun-Clan waren mehrere Gruppen an Mordplan beteiligt

Nach Polizeierkenntnissen sollen mehrere Gruppen hinter der Ermordnung von Djindjic stehen: Gegner der Zusammenarbeit mit dem UNO-Kriegsverbrechertribunal, darunter auch einzelne Militär- und Polizeiangehörige, der Zemun-Clan, politische Parteien, "die mit der Machtverteilung unzufrieden waren", aber auch einzelne Geschäftsleute, die nach der Wende im Oktober 2000 ihre privilegierte Stellung verloren hatten.

Verschwörernetz im Herbst 2002 gefestigt

Ein erstes Treffen der Verschwörer soll laut "Blic" gleich nach der Auslieferung von Milosevic an das UNO-Tribunal im Juni 2001 in Südserbien abgehalten worden sein. Das Verschwörernetz habe sich während des serbischen Präsidenten-Wahlkampfes im Herbst 2002 gefestigt. Damals hatte der serbische Ultranationalist Vojislav Seselj logistische Hilfe von den Verschwörern erhalten. Der Mordplan wäre auch bei einem Sieg des damaligen jugoslawischen Staatspräsidenten Vojislav Kostunica bei der serbischen Präsidentenwahl durchgeführt worden, schreibt die Tageszeitung weiter. Kostunica galt als schärfster innenpolitischer Konkurrent von Djindjic und stand dessen Reformkurs reserviert gegenüber.(APA)

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