Drei Medienvertreter durch US-Angriffe in Bagdad getötet

8. April 2003, 22:54
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Ein US-Panzer feuerte auf das "Palestine"-Hotel, wo die ausländischen Journalisten untergebracht sind, darunter die Österreicher Rados und Seifert sowie STANDARD-Reporterin Seierstad.

Bagdad/Madrid/Washington - "Sie haben uns gesehen, wir haben sie gesehen. Da gab es absolut keinen Irrtum. Sie wussten, dass wir dort waren." David Chater, Korrespondent des britischen Senders SkyNews, hat am Dienstag die US-Truppen schwer belastet: Am Morgen hatte ein Panzer auf das Hotel "Palestine" in Bagdad gefeuert, von wo aus der Großteil der ausländischen Journalisten berichtet. US-Kommandant Buford Blount von der 3. US-Infanteriedivision rechtfertigte den Angriff auf das Hotel: Ein US-Panzer sei von dort aus mit Raketen und Schusswaffen angegriffen worden und habe daher das Feuer "mit einer einzigen Salve" beantwortet.

Fünf Journalisten wurden durch den Einschlag im 15. Stock des Hotels verletzt. Der Ukrainer Taras Protsyuk (35), ein Reuters-Kameramann, und der Spanier José Couso (37), Kameramann des Senders Tele 5, erlagen später ihren Verletzungen.

"Das Zimmer 1503, die Wohn- und Büroräume der Nachrichtenagentur Reuters sind ein Bild der Verwüstung: Der Fernseher liegt mit der Bildfläche nach unten auf dem Bett: Blut auf dem Boden, Akkreditierungskarten, TV- Kameras, alles liegt verstreut", berichtete Thomas Seifert (News), einer von zwei österreichischen Journalisten in Bagdad, zusammen mit Antonia Rados (RTL). Die Norwegerin Asne Seierstad, die seit Kriegsbeginn für den Standard aus Bagdad berichtet und auch im "Palestine"-Hotel untergebracht ist, blieb unverletzt.

Beliebtes Journalistenhotel

Seifert meldete sich um 10.16 MEZ, wenige Minuten nachdem das Hotel von schwerem Geschütz getroffen worden war, in der Wiener Redaktion. Seifert, der sich im Moment des Angriffs im ersten Stock des Gebäudes befunden hatte: "Mehrere meiner Kollegen sind verletzt, mir ist glücklicherweise nichts passiert. Die Erschütterung, die wir hier im Haus verspürt haben, war nicht mit dem zu vergleichen, was wir in all den Bombennächten davor erlebt haben." Das 1982 unter dem Namen "Meridien" eröffnete Hotel (439 Zimmer) ist bei Journalisten beliebt, weil es die Sicht auf das am anderen Tigrisufer liegende Regierungsviertel ermöglicht.

Nach einer Übersicht der Organisation "Reporter ohne Grenzen" wurden bis zum Beschuss des Hotels seit Kriegsbeginn am 20. März bereits acht Kriegsberichterstatter getötet. Bereits am 22. März kam der australische Kameramann Paul Moran (39) bei einem Selbstmordanschlag im Nordirak ums Leben. Einen Tag später wurde der britische Kriegsreporter Terry Lloyd (50) bei Basra durch Beschuss von Alliierten getötet, die ihn und seine Begleiter für Iraker hielten. In Kurdistan kamen am 2. und 6. April die BBC- Mitarbeiter Kaveh Golestan und Kamaran Abdurazaq Muhamed ums Leben.

Als erster US-Korrespondent starb Michael Kelly (Atlantic Monthly, Washington Post) am 4. April bei einem Unglück mit einem Militärfahrzeug. Ebenfalls "eingebettet" in die US-Streitkräfte waren der deutsche Focus-Reporter Christian Liebig (35) und sein spanischer Kollege Julio Anguita Parrado (32) von der Zeitung El Mundo. Beide wurden letzten Montag in der Nähe von Bagdad bei einem irakischen Raketenangriff getötet. Sie hatten beschlossen, nicht mit anderen Kollegen ein Kommando ins Stadtzentrum zu begleiten.

Al-Jazeera Reporter getötet

Nur Stunden vor dem Beschuss des "Palestine"-Hotels am Dienstag wurden bei einem Angriff auf die Gebäude von zwei arabischen Fernsehsendern in Bagdad ein Reporter von Al-Jazeera getötet. Der jordanische Korrespondent Tarik Ajoub, der erst drei Tage zuvor in Bagdad eingetroffen war, stand auf dem Dach des Hauses, als eine Rakete einschlug.

Der Tod Ajubs ist für den unabhängigen arabischen TV-Nachrichtensender "Al Jazeera" (Katar) "ein Versuch, jene Stimmen von Zeugen zum Schweigen zu bringen, die über Verbrechen berichten." "Das ist nicht der saubere Krieg, den George W. Bush und Donald Rumsfeld versprochen haben", so der Sender. "Das ist kein unabsichtlich begangener Fehler." Es handle sich vielmehr um eine Kampagne mit dem Ziel, Journalisten das Fürchten zu lehren.

Seit Beginn des Krieges seien alle Formen von Drohungen und Druck gegen Medien im Irak ausgeübt worden, um sie davon abzuhalten, ein unvoreingenommenes Bild der Ereignisse zu zeigen. Zuschauer äußern die Vermutung, dass die US-Truppen alle Korrespondenten aus Bagdad jagen wollen, um dann die Stadt unbeobachtet zu zerstören.

Pentagon verteidigt Soldaten: "Haben zurückgefeuert"

Das US-Verteidigungsministerium bedauerte unterdessen den Tod von drei Journalisten am Dienstag, der durch amerikanischen Beschuss verursacht worden war. Pentagonsprecher Tim Blair betonte, US-Soldaten zielten nicht auf Zivilisten. Die Soldaten hätten "zurück gefeuert", weil aus dem Hotel auf sie geschossen worden sei. Der Sprecher warnte, Bagdad sei ein "gefährlicher Ort" für Journalisten. In den vergangenen 24 Stunden sind im Irak insgesamt fünf ausländische Medienvertreter ums Leben gekommen.

Spanien rät seinen Reportern: "Verlasst Bagdad"

Die Regierung in Madrid hat den Journalisten des Landes inzwischen empfohlen, die irakische Hauptstadt Bagdad zu verlassen. Verteidigungsminister Federico Trillo warnte heute, Dienstag, es könne zu "nicht beherrschbaren" Situationen kommen. Die Medienvertreter könnten von der irakischen Seite benutzt und somit zu militärischen Zielen werden. Trillo habe sich mit dieser Warnung im Namen der Regierung an die Chefredakteure verschiedener spanischer Medien gewandt, teilte sein Ministerium am Abend in Madrid mit.

Fischer: Sicherheit von Journalisten im Irak gewährleisten

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer hat alle Beteiligten im Irak-Krieg aufgerufen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit Journalisten nicht Opfer von Angriffen werden. Am Rande seines Besuchs in Israel brachte Fischer am Dienstag seine tiefe Sorge über die Lage der Journalisten im Irak zum Ausdruck, wie ein Sprecher des derzeit zu einem Besuch in Israel weilenden Ministers mitteilte. Zugleich äußerte der Außenminister seine Bestürzung über den Tod eines deutschen Korrespondenten des Nachrichtenmagazins "Focus" und auch der anderen bisher in Irak ums Leben gekommenen Journalisten aus anderen Ländern. Fischer drückte den Angehörigen sein Beileid aus.(DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2003, dpa, red/APA/dpa)

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    Der spanische Kameramann des Senders Telecinco wird schwerverletzt in ein Krankenhaus gebracht - er stirbt wenig später

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    Ein Reporter wurde am Hals verletzt

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    Der irakische Informationsminister trat unmittelbar nach dem Angriff vor dem Hotel auf und prophezeite den USA ein weiteres Mal ihre Niederlage

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