Putin auf Kurs

7. April 2003, 19:10
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Die Folgen des Beschusses eines russischen Diplomatenkonvois durch US-Truppen kommentiert Josef Kirchengast

Wenn es stimmt, dass der russische Diplomatenkonvoi beim Verlassen Bagdads von US-Truppen beschossen worden ist, wie dies von Moskaus Botschafter behauptet wird, dann muss für diese Art des Feuers wohl eine neue Kategorie geschaffen werden: "unfriendly fire". Denn der Zwischenfall erfolgte kurz vor der heiklen diplomatischen Mission, zu der US-Präsident George W. Bush seine Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice nach Moskau schickte.

Wie auch immer: Vorfälle dieser Art können zwar für atmosphärische Störungen sorgen, aber keinen dramatischen Wechsel in einem Kurs bewirken, der aus strategischen Überlegungen eingeschlagen worden ist. Das zeigte schon der viel folgenschwerere Nato-Bombentreffer in der chinesischen Botschaft in Belgrad im Jahr 1999.

Der Kurs, zu dem sich Russlands Präsident Wladimir Putin offenbar von Anfang an entschlossen hat, weist in den Westen. Trotz des strikten Neins zum Irakkrieg und der Vetodrohung im UN-Sicherheitsrat ist keine Änderung dieser Grundlinie zu erkennen. Im Gegenteil: Putin hat zuletzt klargestellt, dass eine Niederlage der USA im Irak nicht im Interesse Moskaus sei. Umgekehrt war die Kritik Washingtons an den Anti-Kriegs-Veto-Mächten im Fall Russlands nie so scharf wie an den Franzosen.

Bush und Putin haben ähnliche strategische Interessen. Nur ist Putin bei der Verfolgung der Seinen stärker auf die USA angewiesen als umgekehrt. Eine nachhaltige Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens wäre für Russland mit seinen rund 20 Millionen Muslimen eine Horrorvision (siehe Tschetschenien). So gesehen hat der Kreml-Chef keine realistische Alternative zur Partnerschaft mit Washington. Das sollten auch alle bedenken, die schon von einer Achse Moskau-Berlin-Paris reden.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

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