Bush auf Besuch

7. April 2003, 19:34
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Christoph Winder über die Bedeutung der Reise des "notorisch reisefaulen" US-Präsidenten nach Belfast

Dass sich George W. Bush himself zu einem Treffen mit Tony Blair nach Belfast verfügt hat, ist von der britischen Presse überwiegend als eine Geste guten amerikanischen Willens interpretiert worden. In der Tat: Wenn ein notorisch reisefauler Präsident wie Bush zum Höhepunkt eines Krieges sein Land verlässt, um im Ausland in der Rolle des Besuchers aufzutreten, dann hat das schon erheblichen Signalwert.

Die Frage ist freilich, was genau Bushs Besuch signalisieren soll. Ihn als zarte Andeutung für neue internationalistische Anwandlungen der Amerikaner zu nehmen, wäre wohl zu optimistisch. Will Bush sein Image als Kriegsherr konterkarieren, indem er sich - wie dies schon sein Vorgänger Bill Clinton mit weit mehr Engagement getan hat - als potenzieller Friedensstifter in Nordirland präsentiert? Oder ist es gar so, wie der Guardian mutmaßt, dass Blairs Urteil für Bush viel wichtiger sei, als man gemeinhin annehme? Für ein solches Urteil sollte man doch noch abwarten, ob sich Blair in Belfast mit seinen Ideen über die Nachkriegsordnung im Irak - und um die wird es natürlich auch gehen - auch nur ansatzweise durchsetzen kann.

An divergierenden Ansichten herrscht hier kein Mangel: Bush will die UNO allenfalls in subalterner Rolle tätig werden lassen, Blair möchte sie in zentralerer Funktion. Das Pentagon will den Exiliraker Ahmed Chalabi in eine führende Regierungsposition hieven, die Briten (und US-Außenminister Colin Powell) halten nichts davon. Auch über den weiteren Verlauf der westlichen Aktionen im Nahen und Mittleren Osten gibt es unterschiedliche Ideen: Während US-Verteidigungsminister Rumsfeld in der letzten Woche Syrien erneut scharf zur Ordnung gerufen und die Möglichkeit von Strafsanktionen nicht ausgeschlossen hat, haben die Briten (und Colin Powell) sofort abgewiegelt. Bush und Blair werden in Belfast ausreichend Spielmaterial vorfinden, um ihre Positionen zu klären.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2003)

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